Kempten (Allgäu)

Die digitale Revolution beginnt in den Kommunen

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Welche Voraussetzungen, Unterstützungen oder konkrete Maßnahmen würden Ihren Arbeitsalltag erleichtern und die Digitalisierungsprozesse fördern?

Wolf: Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung ist kein Selbstzweck – sie soll Prozesse vereinfachen, Ressourcen schonen und die Interaktion zwischen Staat und Bürger modernisieren. Doch damit aus dem digitalen Anspruch gelebte Praxis wird, braucht es konkrete Erleichterungen im Arbeitsalltag und gezielte strukturelle Maßnahmen. Ein zentrales Hindernis im täglichen Verwaltungsbetrieb ist nach wie vor das Schriftformerfordernis. Viele Prozesse sind bereits digitalisiert, stoßen aber an genau diese rechtliche Grenze.
Bürgerinnen und Bürger füllen ein Online-Formular aus, müssen es anschließend ausdrucken, unterschreiben und per Post einreichen. Das ist nicht nur frustrierend, sondern hemmt den digitalen Fortschritt.

Eine konsequente Abschaffung der Schriftform, wo es rechtlich und sicherheitstechnisch möglich ist, wäre ein echter Befreiungsschlag.

Nicht nur für die Nutzerinnen und Nutzer, sondern vor allem für die Verwaltung selbst. Auch finanzielle Anreize könnten die Nutzung digitaler Angebote gezielt fördern.

Online-Dienste sparen nicht nur der Verwaltung Zeit und Personalaufwand, sondern auch den Bürgerinnen und Bürgern Wege, Wartezeiten und Portokosten. Warum also nicht auch die Gebührenstruktur anpassen? Wer seinen Antrag digital stellt, sollte von geringeren Kosten profitieren.

Als gutes Beispiel kann hier die Abmeldung von Fahrzeugen genannt werden. Darüber hinaus braucht es eine flächendeckende technische Infrastruktur, intuitive Anwendungen und stabile Schnittstellen zwischen den Systemen.
Nur wenn digitale Prozesse durchgängig funktionieren – vom ersten Klick bis zur finalen Entscheidung – kann die Verwaltung wirklich effizienter arbeiten. Der digitale Rückkanal muss mehr in den Fokus genommen und weiter ausgebaut werden. Dabei ist auch der Bund gefordert: mit klaren Standards, besserer Förderstruktur und dauerhaftem Know-how-Transfer.
Kurz gesagt: Weniger Bürokratie, mehr Nutzerzentrierung, gezielte finanzielle Anreize und die konsequente Abschaffung überholter Anforderungen wie der Schriftform – das sind die Stellschrauben, die unseren Arbeitsalltag konkret erleichtern.

Welche legislativen Änderungen und Reformen bräuchte es, damit die Digitalisierung auf kommunaler Ebene ins Rollen kommt?

Wolf: Die digitale Transformation der Verwaltung beginnt in den Kommunen – dort, wo Bürgerinnen und Bürger konkrete Leistungen beantragen, Formulare einreichen oder Informationen suchen. Doch obwohl der politische Wille zur Digitalisierung grundsätzlich vorhanden ist, fehlt es auf kommunaler Ebene oft an den passenden gesetzlichen Rahmenbedingungen, um echte Fortschritte zu erzielen. An erster Stelle steht die überfällige Abschaffung des Schriftformerfordernisses für eine Vielzahl von Verwaltungsleistungen.
Noch immer müssen Unterschriften auf Papier erbracht werden, obwohl sichere digitale Identitäten längst verfügbar sind. Diese Pflicht zur analogen Signatur blockiert durchgängige Online-Prozesse und erzeugt Medienbrüche, die Zeit kosten und Vertrauen untergraben. Eine rechtlich saubere, flächendeckende Ersetzung der Schriftform durch digitale Authentifizierung – z. B. mittels eID – wäre ein Meilenstein. Zweitens braucht es eine klare, verbindliche Standardisierung von IT-Schnittstellen und Datenformaten. Heute arbeiten viele kommunale Systeme aneinander vorbei, was zu hohen Integrationskosten und ineffizienten Abläufen führt. Hier sind bundeseinheitliche Vorgaben nötig – nicht als technischer Zwang, sondern als Grundlage für reibungslose Zusammenarbeit und bessere Skalierbarkeit.
Fazit: Digitalisierung auf kommunaler Ebene gelingt nicht allein durch technische Lösungen. Sie braucht ein rechtliches Fundament, das Innovation zulässt, Bürokratie abbaut.

Was denken Sie über die Wahl des neuen Bundesdigitalministers Dr. Karsten Wildberger? Welche persönlichen Erwartungen könnte er einlösen?

Wolf: Dr. Karten Wildberger bringt eine bemerkenswerte Perspektive in sein neues Amt – er stammt aus der freien Wirtschaft und war bereits für eine Vielzahl nationaler und internationaler Unternehmen tätig. Dass ausgerechnet er diesen Posten übernimmt, dürfte für viele eine Überraschung gewesen sein. Doch gerade darin liegt seine große Chance: Er kommt ohne klassisches Verwaltungsprofil – und damit mit der Freiheit, Bestehendes zu hinterfragen und neue Wege zu gehen. Mit seinem unternehmerischen Blick kann er Impulse setzen, wo andere am Status quo festhalten. Entscheidend wird nun sein, dass bei Reformen nicht nur an einzelnen Stellschrauben gedreht wird, sondern das große Ganze im Blick bleibt. Es reicht nicht, Prozesse auf dem Papier effizienter zu machen – sie müssen auch in der Praxis funktionieren. Meine persönliche Erwartung: Veränderungen sollten nicht nur theoretisch durchdacht, sondern auch realitätsnah getestet und iterativ verbessert werden. Denn nur, was im Alltag einen Nutzen bringt, wird langfristig angewendet und bringt nachhaltigen Fortschritt.

Wenn Sie einen Wunsch an ihn äußern könnten, wie würde der lauten?

Wolf: Wenn ich einen Wunsch an Herrn Dr. Wildberger richten dürfte, dann wäre es dieser: Lassen Sie das Schriftformerfordernis grundsätzlich auf den Prüfstand stellen – und sorgen Sie dafür, dass die eID endlich die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient. Das Schriftformerfordernis ist in vielen digitalen Verwaltungsprozessen der letzte Stolperstein. Es verursacht Medienbrüche, verlangsamt Abläufe und vermittelt Bürgerinnen und Bürgern das Gefühl, dass „digital“ am Ende doch wieder „Papier“ bedeutet. Eine konsequente, rechtssichere Überprüfung auf Notwendigkeit – und wo möglich, der Mut zur Abschaffung – wäre ein starkes Signal für echte Verwaltungsmodernisierung.
Gleichzeitig braucht die eID endlich eine zielführende Vermarktung. Denn obwohl sie der Schlüssel zu sicheren, medienbruchfreien Online-Services ist, wissen viele Menschen weder, dass es sie gibt, noch wofür sie gut ist. Das Potenzial der eID bleibt ungenutzt – nicht, weil die Technik fehlt, sondern weil es an Sichtbarkeit, Nutzerkommunikation und Nutzerfreundlichkeit mangelt.

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Mein Wunsch ist deshalb ein doppelter: weniger Pflicht zur Unterschrift, mehr Lust auf digitale Identität. Denn beides gehört zusammen, wenn wir Verwaltung neu denken wollen.

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