Kolumne „Der kreative Apparat“

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves 4 min Lesedauer

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Wie wichtig ist und wird Kreativität im Verwaltungsapparat und wie können wir sie fördern? Professor Niehaves führt uns in seiner Kolumne durch die faszinierende Welt Künstlicher Intelligenz im Kontext von Kreativität, Inspiration und Heureka-Momenten in der Verwaltungsarbeit.

Was kann die Verwaltungspraxis von der Wissenschaft lernen? Die eGovernment-Kolumne klärt auf – diesmal zum Thema „Künstliche Intelligent und Kreativität“. (Bild:  kirasolly – stock.adobe.com)
Was kann die Verwaltungspraxis von der Wissenschaft lernen? Die eGovernment-Kolumne klärt auf – diesmal zum Thema „Künstliche Intelligent und Kreativität“.
(Bild: kirasolly – stock.adobe.com)
LLM, SVM und NLP
GAN, GPT, olé olé
IoT, VGG und RPA
SNN, PCA tatütata
MfG, mit freundlichen Grüßen.
Die Welt liegt uns zu Füßen,
denn wir stehen drauf.

Wer hinter diesen fantastischen vier neu gedichteten und drei zitierten Zeilen Künstliche Intelligenz (KI) vermutet, irrt. Es handelt sich um ein rein menschliches Schaffenswerk. Leider. Meins. Leider. Doch es ist Ergebnis eines kreativen Prozesses, der ein ganz wichtiges, wenn man der Wissenschaft glauben mag, Element aufgewiesen hat: den kreativen Schaffensschmerz. Ja, trotz der Ergebnisqualität, es war anstrengend und dies, so wird argumentiert, sei eine ganz wesentliche Voraussetzung für echte Kreativität.

In einer Zeit, in der (generative) KI Routineaufgaben in der Verwaltung übernimmt, erleben wir einen deutlichen Wandel im Anforderungsprofil der Arbeitnehmenden. War der Alltag vielleicht einst von Routinearbeiten geprägt, so zeichnet sich ein deutlicher Trend zur Kreativität ab. Diese Entwicklung wird durch eine McKinsey-Studie widergespiegelt, die vorhersagt, dass bis 2030 bis zu 15 Prozent aller Arbeitsstunden durch Automatisierung eingespart werden könnten. Chatbots, persönliche Sprachassistenten, Verwaltungskommunikation in einfacher oder leichter Sprache, Bearbeitung von Anträgen, Verkehrsüberwachung, Ressourcenmanagement in der Verwaltung und viele andere Bereiche sind es, in denen KI schon heute konkrete Aufgaben übernimmt. In der Folge bedeutet dies, dass menschliche Arbeitskraft zunehmend in anderen Bereichen eingesetzt wird, in Bereichen, die Kreativität, Innovation und neue Problemlösung erfordern. Aber kann KI auch hier helfen, Menschen und Verwaltungen zu mehr Kreativität beflügeln? Ja, und KI hat die etablierte Forschung zu sogenannten „Kreativitätsunterstützungssystemen“ auf ein neues Level gehoben. Wie KI menschliche Kreativität – grundsätzlich und auch in der Verwaltungsarbeit – unterstützen kann, lässt sich in zwei wesentliche Ansätze untergliedern:

1) Der erste Ansatz, menschliche Kreativität mit Hilfe von KI zu unterstützen, ist die Inspiration. Hier liefert die KI verschiedene Formen von Anregungen und Ideen, die kreative Denkprozesse initiieren oder bereichern können. Stellen Sie sich zum Beispiel einen Stadtplanungsprozess vor, bei dem KI durch Bildmaterial oder Texte Inspiration liefert (z.B. indem diese Stimuli über Bildschirme oder Lautsprecher ausgegeben werden). Und hier geht es genauer darum, wie ChatGPT & Co konkret genutzt werden: Gemäß des „Dual Path Models to Creativity“ sollte eine KI einerseits thematisch engen Input liefern für ein spezifisches Problem. So könnte KI bei der Gestaltung eines Stadtparks Inspiration in Form von bestehenden Parkdesigns oder ökologischen Richtlinien liefern. Für noch freiere kreative Aufgaben könnte die KI andererseits weiter entfernten Bild- oder Textinput bereitstellen, wie innovative Städtebaukonzepte aus anderen Kulturen oder historische Entwicklungen im Städtebau. Diese Art von Input kann helfen, mentale Blockaden zu überwinden und zu neuen, innovativen Lösungen zu führen. Indem sie sowohl konkrete als auch abstrakte Stimuli bietet, kann KI als Katalysator für kreative Lösungen in der Verwaltung dienen und dabei helfen, sowohl alltägliche als auch komplexe Herausforderungen auf neue Weisen zu betrachten.

2) Der zweite Ansatz für KI & Kreativität legt den Fokus auf die Schaffung von Ruhe für sogenannte „Heureka-Momente“. Hier wird KI genutzt, um Umgebungen zu gestalten, die mentale Entspannung und freies Denken fördern, was wiederum zu spontanen Einsichten oder kreativen Durchbrüchen führen kann. Heureka-Momente der Kreativität, oft auch als „Aha-Erlebnisse“ bezeichnet, treten häufig in Phasen der Ruhe oder des freien Gedankenwanderns (Mind-Wandering) auf, wenn das Gehirn die Freiheit hat, Informationen neu zu verknüpfen und unkonventionelle Lösungen zu generieren. In der heutigen, störungsintensiven Arbeitsumgebung können solche Momente selten sein. Hier kann KI helfen, indem sie kognitive und emotionale Zustände der Nutzenden erkennt. Sogenannte „KI-Biofeedback-Systeme“ können diese Momente der Ruhe und Konzentration identifizieren und Störungen wie Benachrichtigungen oder Pop-ups in diesen kritischen Kreativphasen unterbinden. Dadurch wird ein ungestörter Raum für Kreativität geschaffen. Die Integration solcher Systeme in die Verwaltungsarbeit könnte die Bedingungen schaffen, unter denen Heureka-Momente am wahrscheinlichsten eintreten.

KI in der Verwaltung sorgt für weniger Routine und die zunehmende Bedeutung von Kreativität. Dabei fungiert KI nicht nur als effizienzsteigerndes Werkzeug, sondern als Katalysator für innovative und kreative Problemlösungen. Durch die Unterstützung in Form von Inspiration einerseits oder in Form der Schaffung von störungsfreien Räumen für Heureka-Momente andererseits kann KI die Verwaltungsmitarbeitenden in ihrer Kreativität unterstützen. Und in dieser sich rasch verändernden Welt ist Kreativität kein Luxus, sondern eine unverzichtbare Fähigkeit, um als menschliche Mitarbeitende in der Welt der KI bestehen zu können.

Zurück zum einleitenden Songtext. Kann KI mich hier irgendwie noch retten? Ich befürchte nicht. Leider. Da helfen nur Tricks, um meine kreative „Kunst“ zu fördern: Wer mich auf einer der zahlreichen kommenden Veranstaltungen trifft und diese Zeilen fehlerfrei zitieren kann, den lade ich herzlich gern zum Kaffee ein. Solange der Vorrat reicht.

Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves
ist Informatikprofessor und Politikwissenschaftler, leitet die Arbeitsgruppe „Digitale Transformation öffentlicher Dienste“ an der Universität Bremen und berichtet in der wissenschaftlichen Kolumne über diverse aktuelle Forschungsergebnisse zur digitalen Verwaltung.

Linkedin: www.linkedin.com/in/niehaves

Bildquelle: Björn Niehaves

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