Souveräne Clouds auf dem Vormarsch – Vertrauen wird zur Währung
Mit der zunehmenden Cloud-Nutzung rückt ein Thema in den Vordergrund, das über rein technische Aspekte hinausgeht: die digitale Souveränität. Gemeint ist die Fähigkeit, die Kontrolle über Daten, IT-Infrastrukturen und Prozesse zu behalten.
Der Souveränitätsanspruch ist keineswegs theoretisch: Mehr als drei Viertel (77 Prozent) der befragten Behörden sehen regulatorische Anforderungen – insbesondere im Hinblick auf Datenschutz, Datensicherheit und die Einhaltung europäischer Rechtsstandards – als größte Herausforderung bei der Cloud-Transformation. Die Abhängigkeit von internationalen Hyperscalern wie AWS, Microsoft Azure oder Google Cloud unterstreicht diese Problematik – insbesondere der Zugriff außereuropäischer Staaten auf sensible Verwaltungsdaten oder gar die komplette Abschaltung von Rechenzentren deutscher Kunden im Falle eines Handelskrieges.
Dank lokaler, in der EU betriebener Cloud-Angebote sind die Hyperscaler auch 2028 nicht aus dem Spiel, nach Einschätzung der Befragten könnten sie sogar eine noch größere Rolle spielen.
Cloud-Anbieter aus Deutschland und souveräne Hyperscaler-Angebote mit einem separatem EU-Betreiber wie Delos werden daher als am relevantesten angesehen. Auch die vom ITZBund betriebene Bundescloud hat eine hohe Relevanz. Souveräne Hyperscaler-Angebote ohne separaten Betreiber haben dagegen eine geringere Relevanz, werden aber nicht gänzlich ausgeschlossen.
Dabei zeigt sich: Digitale Souveränität ist kein eindimensionales Konzept, sondern setzt sich aus mehreren Dimensionen zusammen, die in der Praxis unterschiedlich gewichtet werden:
Datensouveränität: Für 89 Prozent der Befragten ist dies die wichtigste Facette. Sie verlangt, dass Verwaltungsdaten ausschließlich unter der Kontrolle der jeweiligen Behörde bleiben – insbesondere bei sensiblen personenbezogenen oder sicherheitsrelevanten Informationen.
Betriebliche Souveränität: 84 Prozent betonen die Notwendigkeit, dass Cloud-Infrastrukturen hochverfügbar und ausfallsicher betrieben werden – idealerweise von europäischen oder nationalen Partnern.
Technische Souveränität: 78 Prozent sehen Interoperabilität, offene Standards und die Möglichkeit zur Verlagerung von Anwendungen als zentral an, um langfristige Abhängigkeiten zu vermeiden.
Juristische Souveränität: 76 Prozent fordern, dass eingesetzte Cloud-Services nicht dem Zugriff fremder Rechtsräume unterliegen dürfen – ein Aspekt, der insbesondere bei transatlantischen Cloud-Modellen relevant wird.
Diese Anforderungen machen deutlich: Die Wahl von Cloud-Modellen und -anbietern ist im öffentlichen Sektor nicht nur eine technische, sondern vor allem eine strategische Entscheidung.
Zwischen Innovation und Souveränität: Der Trend zur Multi-Cloud
In der Praxis zeigt sich ein differenziertes Bild. Die marktführenden Hyperscaler bieten zwar innovative und leistungsfähige Plattformen – ihr Einsatz wird aber vielerorts kritisch hinterfragt. Der Trend geht daher zu hybriden und Multi-Cloud-Architekturen. Verwaltungen sollen verschiedene Optionen haben und nicht bestimmte Anbieter und Modelle nutzen müssen. Auch die Deutsche Verwaltungscloud-Strategie zielt auf ein breites Portfolio unterschiedlicher Cloud-Dienste, die flexibel kombiniert werden können. Ziel ist es, Abhängigkeiten zu reduzieren, Souveränität zu wahren und gleichzeitig Innovationspotenziale zu nutzen. Die Herausforderung liegt in der technischen und organisatorischen Orchestrierung dieser Modelle.
Fazit: Cloud als Schlüssel zur modernen Verwaltung – aber nur mit klarer Strategie
Die öffentliche Verwaltung in Deutschland steht vor einer doppelten Herausforderung: Sie muss ihre digitale Leistungsfähigkeit deutlich steigern und gleichzeitig hohe Anforderungen an Souveränität, Sicherheit und Rechtskonformität erfüllen. Die Cloud bietet hierfür eine wesentliche Grundlage – nicht nur als technologische Plattform, sondern auch als Enabler für digitale Fachverfahren, moderne Dienstleistungen und datengetriebene Verwaltungsinnovationen. Der Weg in die Cloud ist kein Selbstzweck, sondern Teil einer umfassenden strategischen Neuausrichtung. Er erfordert klare Zielbilder, tragfähige Partnerschaften, neue Kompetenzen – und den Mut, bewährte Strukturen in Frage zu stellen. Digitale Souveränität ist nicht nur ein politisches Gebot, sondern ein zentraler Erfolgsfaktor für die Zukunftsfähigkeit des öffentlichen Sektors.
3 Fragen an den Studienautor
Ergänzendes zur Lünendonk-Studie
eGovernment: Hallo Herr Ganowski, in Ihrer Studie zeigt sich eine große Diskrepanz zwischen der Notwendigkeit einer Cloud-Transformation und der aktuellen Cloud-Implementierung. Welche konkreten Schritte sollten CIOs im öffentlichen Sektor jetzt unternehmen, um diese Lücke zu schließen?
Tobias Ganowski: Um die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu schließen, sollten sich CIOs mit aller Kraft der Entwicklung von Cloud-Strategien widmen – und zwar in enger Zusammenarbeit mit den Fachbereichen, also den internen Kunden. Denn die Cloud ist kein Selbstzweck, sondern die technologische Grundlage, um mit den vorhandenen Daten bürgerzentrierte digitale Fachverfahren anzubieten - das große Ziel der digitalen Transformation in der öffentlichen Verwaltung. Dabei sind technologische, organisatorische, kulturelle und souveräne Aspekte zu berücksichtigen. Viel wichtiger als der bloße Weg in die Cloud ist jedoch die Modernisierung veralteter IT-Systeme und die Schaffung von Datenschnittstellen, um den Bürgern nicht nur einen Online-Zugang, sondern vollständig digitale Prozesse und Bürgerdienste zu bieten.
eGovernment: Während der Wunsch nach digitaler Souveränität in ihrem Papier ebenfalls deutlich wird, sehen viele Befragte KI-Lösungen, die immerhin vorwiegend aus anderen Ländern stammen, als Treiber für die Cloud-Nutzung. Lassen sich die beiden Punkte miteinander in Einklang bringen?
Ganowski: Beide Themen schließen sich nicht gegenseitig aus – im Gegenteil: Sie lassen sich durch hybride oder souveräne Cloud-Architekturen miteinander verbinden. Entscheidend ist, dass sensible Daten und kritische Prozesse innerhalb souveräner Infrastrukturen verbleiben. Langfristig wird es darauf ankommen, ein Ökosystem aufzubauen, das die europäische Unabhängigkeit mit internationaler Technologiekompetenz verbindet. Dies erfordert einen differenzierten, risikobasierten Ansatz und auch den verstärkten Einsatz von Open Source.
eGovernment: Ebenfalls interessant: Sechs von zehn Befragten sehen im Fachkräftemangel einen Treiber für die Cloud-Transformation, während 51 Prozent bereits jetzt fehlende Fachkenntnisse anmahnen. Wie kann die öffentliche Verwaltung dies auflösen?
Ganowski: Die Cloud kann helfen, den Fachkräftemangel abzumildern, indem der IT-Betrieb zunehmend automatisiert, standardisiert und von aufwändigem Infrastrukturmanagement entlastet wird. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass veraltete Legacy-Systeme schrittweise durch moderne, Cloud-fähige Plattformen ersetzt werden, um Skaleneffekte und operative Vorteile zu realisieren. Gleichzeitig müssen Verwaltungen in Kompetenzen investieren, sei es durch Qualifizierung des eigenen Personals oder durch strategische Partnerschaften mit IT-Dienstleistern. Wichtig ist auch ein professionelles Change Management, das frühzeitig und transparent über Ziele, Nutzen und Auswirkungen informiert und die Verwaltungsmitarbeitenden gezielt einbindet.
Stand: 08.12.2025
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Tobias Ganowski untersucht als Consultant beim Analystenunternehmen Lünendonk & Hossenfelder den deutschen IT- und Digitalmarkt. Im Fokus steht dabei, wie digitale Technologien IT- und Business-Strategien beeinflussen.