André Schulz, VMware, im Interview

„Alles selbst machen ist ein Modell von gestern“

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Für viele Schulen liegt jedoch genau hier das Problem: Sie haben keine finanziellen Mittel, um externe Dienstleister zu bezahlen.

Schulz: Das ist ein Trugschluss. In vielen Schulen stehen heute eigene Server. Die Lehrer, die aktuell die Administration der hauseigenen Server in den Schulen übernehmen und dafür teilweise Überstunden leisten, werden dafür letztlich auch bezahlt – abgesehen davon, dass sie ihrer eigentlichen Aufgabe in dieser Zeit nicht nachkommen können. Hinzu kommen die Kosten für den Server und dessen Wartung. Ich rate den Schulen daher, einfach die gesamten Ausgaben, die ihnen bisher entstehen, zusammenrechnen und mit den Preisen der kommunalen IT-Dienstleister zu vergleichen. Dann sieht das wirtschaftliche Modell völlig anders aus. Dabei sollte man aber nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, denn meist ist das Service-Level der IT-Dienstleister deutlich höher als das einer einzelnen Schule. Die IT-Dienstleister haben schließlich andere Economics of Scale, sie können mehr skalieren und die Kosten pro Leistung daher weitaus niedriger halten als das eine einzelne Schule kann. Das gilt im Kleinen wie im Großen: Aktuell sehen wir auch bei den Bundes- und Landesbehörden starke Konsolidierungstendenzen. Viele Kommunen habe nicht die Ressourcen, um eine eigene Infrastruktur zu betreiben und gehen zu IT-Dienstleistern. Das ist meiner Ansicht nach auch der richtige Weg, denn nur so bleiben sie effizient und können von Modernisierung profitieren. Die hauseigene IT bleibt meist auf dem Stand, zu dem sie angeschafft wurde. Da ist mit knappem Personal kaum Innovation möglich – geschweige denn Sicherheit. Alles selbst machen, ist ein Modell von gestern. Das ist nicht zukunftsfähig.

Fördermitteln können hierbei helfen, wenn sie so konzipiert sind, dass mit den Geldern Services von IT-Dienstleistern genutzt werden können. Aber hier wird auch das nächste strukturelle Problem sichtbar: Die Förderprogramme sind so kompliziert, dass man für die Beantragung viel Zeit und Geld braucht. Das ist kein Phänomen, das ausschließlich Schulen betrifft, das liegt am Förderwesen allgemein. Dennoch halte ich entsprechende Programme für den richtigen Weg. Am Bildungswesen wird hierzulande leider viel zu häufig gespart und jede Förderung kann hier nur willkommen sein.

Man muss jedoch auch sehen, wofür die Förderung gedacht ist. Leider entstehen immer wieder Mitnahmeeffekte und der gewollte Schub auf die Digitalisierung bleibt aus. Hinzu kommt, dass der Bund zwar Förderprogramme aufsetzt, für die Umsetzung jedoch die Länder und Kommunen zuständig sind. Dadurch kommt es wohl zu einem der entscheidenden Hemmnisse. Es scheint oft wenig Wille vorhanden zu sein, die föderalen Strukturen zu überwinden und über die Gebietskörperschaften hinweg zusammenzuarbeiten, um so Lösung schnell und effizient zu entwickeln.

Das scheint der rote Faden zu sein, der sich durch die Digitalisierung Deutschlands zieht.

Schulz: Genau, man braucht sich nur die ausbleibenden Fortschritte bei der Umsetzung des OZG anzusehen. Das begleitet uns seit vielen Jahren. Die Anwendungen, die lediglich auf kommunaler Ebene benötigt werden, wurden bereits in vielen Kommunen erfolgreich umgesetzt. Ist jedoch die Zusammenarbeit mit Bund und Ländern nötig, stellt sich die Situation anders dar. Dabei gibt es bereits beeindruckende Lösungen, die nur nie in die Fläche ausgerollt werden, weil sie von einer konkurrierenden Kommune entwickelt wurden. Da herrscht ein beklagenswerter Neid untereinander. Vorgeschoben werden hingegen vielfach Argumente, um eben nicht die bereits fertige Lösung von jemandem nehmen zu müssen, der den Erfolg bereits öffentlichkeitswirksam verbuchen konnte. Das ist ein wesentlicher Hemmschuh. Erfolgreiche Digitalisierungsprojekte sind gerade dadurch gekennzeichnet, dass über Gebietskörperschaften hinweg zusammengearbeitet wird, man sich über die Finanzierung und Verantwortlichkeiten einigt und Personen mitwirken, die bereit sind, auch abzugeben und andere am Erfolg teilhaben zu lassen.

Zwar setzt sich langsam das EfA (Einer-für-Alle)-Prinzip durch, doch da dieses noch relativ neu ist, ist es noch nicht so durchgehend verankert, wie es eigentlich sein müsste. Bei der Digitalisierung liegt Deutschland daher – nicht nur im Bereich der Schulen – im europäischen und internationalen Vergleich bedauerlicherweise weit zurück.

Zurück zu den Schulen: Diese mit Tablets auszustatten, ist nicht das, was die Digitalisierung eigentlich ausmacht. Was braucht es ihrer Meinung nach noch, um die Schulen wirklich auf die digitale Zukunft vorzubereiten?

Schulz: Man braucht digitale Kompetenz. Das heißt nicht, dass die Schüler zehn Stunden am Tag mit ihrem Tablet oder dem iPhone spielen oder bei TikTok-Videos hochladen und anschauen. Digitale Kompetenz bedeutet, in der digitalen Welt effektiv zu arbeiten und zu lernen. Und diesem Aspekt wird noch zu wenig Bedeutung beigemessen. Meist beschränkt man sich bei der Digitalisierung rein auf die technischen Aspekte und vergisst die Kompetenzentwicklung.

Darüber hinaus benötigt es digitale Inhalte. Digitalunterricht bedeutet nicht, das Wissen der Lehrer auf eine PowerPoint zu übertragen. Durch das Lesen einer PowerPoint-Folie ist noch niemand schlauer geworden. Digitale Inhalte bedingen nämlich eine digitale Didaktik – und die fehlt. Digitale Inhalte zu transportieren ist etwas komplett anderes als Präsenzunterricht und ich habe den Eindruck, hier besteht noch sehr viel Nachholbedarf.

Wir erleben das auch häufig bei Kommunen, die sich digital nennen, weil sie ein Formular als bearbeitbares PDF ins Internet stellen. Schaut man sich die Prozesse dahinter an, werden die PDFs dann ausgedruckt und händisch bearbeitet. Das ist keine Digitalisierung. Digitalisierung in der Verwaltung bedeutet, eine Änderung und Automatisierung von Prozessen, so dass die Dokumente, die elektronisch vorliegen, vielleicht überprüft, aber auf keinen Fall nochmal angefasst, geschweige denn ausgedruckt werden. Hier gibt es noch viel Potenzial und bei den Schulen eben auch.

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