An deutschen Schulen ist die Skepsis gegenüber dem Einsatz von KI im Unterricht groß. Woran liegt das?
Böhm: Teilweise liegt das mit Sicherheit an mangelnder Kenntnis im Umgang mit neuen KI-basierten Lösungen. Online-Kartendienste wie Google Maps oder Übersetzungsprogramme wie DeepL kennen sicherlich mittlerweile die meisten, ein KI-Chatmodell wie Chat GPT ist für viele Lehrkräfte allerdings digitales Neuland. Viele hören davon zum ersten Mal und haben sich schlicht noch nicht mit der Thematik befasst. Natürlich ist da auch eine gewisse Angst und Unsicherheit. Gerade wenn es um KI geht, denken viele an dystopische Filme wie Terminator, in denen die Maschinen die Menschheit unterwerfen und kontrollieren. Für die Medien ist die Künstliche Intelligenz auch ein dankbares, polarisierendes Thema. Fakt ist: KI-basierte Technologien, die sich im Unterricht einsetzen lassen, sind bereits vorhanden, entwickeln sich weiter, werden immer besser und werden mit Sicherheit auch von den Schülerinnen und Schülern genutzt, zum Beispiel bei der Anfertigung von Hausaufgaben oder Projektarbeiten. Wenn nicht in der Schule, dann eben am Rechner daheim. Es ist daher wichtig, dass entsprechende Fortbildungsangebote zur Verfügung gestellt werden, damit die Kolleginnen und Kollegen über Chancen und Risiken aufgeklärt werden und auf dem Laufenden bleiben. Die Kolleginnen und Kollegen sind erfahrungsgemäß sehr wissbegierig und wollen sich weiterbilden. Allein bei Twitter unter dem Hashtag #twlz findet ein reger Austausch zu ChatGPT statt. Um es zusammenzufassen: Es ist wichtig, sowohl den Lehrkräften als auch den Schülerinnen und Schülern so schnell wie möglich die nötigen Kompetenzen im Umgang mit KI-basierten Plattformen und Softwarelösungen zu vermitteln. Wir dürfen solche technologischen Innovationen weder kategorisch ablehnen noch verbieten. Entsprechend fundierte, flexibel gestaltbare und für alle zugängliche Fortbildungsangebote zu KI-Systemen in der Schulbildung sind daher unabdingbar.
Wie verändert sich die Rolle der Lehrkräfte durch die Nutzung von KI-basierten Medien?
Böhm: Die personelle Komponente, die Lehrkraft, ist meines Erachtens wichtiger denn je, gerade in einer sich digitalisierenden Welt. Das Fehlen der persönlichen Ansprache, der Kommunikation haben wir gerade in der Corona-Zeit schmerzlich vermisst. Lehrkräfte bleiben auch weiterhin als Persönlichkeit die Zukunftsgestalter, die junge Leute auf ihrem Weg ins Berufsleben begleiten und ihnen das nötige Rüstzeug vermitteln, um in der Lebens- und Arbeitswelt klarzukommen. Was sich ändert, ist der Kontext, in dem die Akteure handeln – und das deutlich dynamischer als noch vor ein paar Jahrzehnten. In diesem Zusammenhang erachte ich es als besonders wichtig, dass die Lehrkräfteausbildung alle Lebensbereiche umfassenden Schwerpunktthemen wie Digitalisierung, ökonomische Bildung und nachhaltige Entwicklung verstärkt aufgreift. Es braucht Inhalte aus dem realen Leben, keine akademischen Luftschlösser! Die Lehrkräfte von morgen brauchen die nötigen Kompetenzen, um mit den Herausforderungen eines sich immer schneller ändernden Kontext, mit Veränderung und wachsender Unsicherheit gut umzugehen. Und sie müssen natürlich in der Lage sein, diese Kompetenzen an ihre Schülerinnen und Schüler zu vermitteln.
Wie kann Künstliche Intelligenz im Unterricht thematisiert werden?
Böhm: KI ist nicht nur ein Thema des IT-Unterrichts. In allen Unterrichtsfächern kann man künftig IT-Anwendungen einbauen oder zumindest kritisch besprechen. Es gibt bereits zahlreiche Lernangebote, Spiele und Szenarien zum Thema Künstliche Intelligenz, die Lehrkräfte im Unterricht nutzen oder einfließen lassen können. Es gilt allerdings erst einmal ein Bewusstsein für die Bedeutung von KI bei den Lehrkräften zu schaffen. Und natürlich müssen entsprechende Inhalte seitens der Bildungspolitik eingefordert und in den Lehrplänen verankert werden.
In vielen Studien wird die fehlende digitale Kompetenz der Lehrkräfte thematisiert. Welche Weichen müssen hier noch gestellt werden, um den Lehrkräften die benötigten Mittel an die Hand zu geben?
Böhm: Hier kann ich nur nochmals auf unsere Forderungen zur Lehrkräfteausbildung verweisen. Die Finanzierung der sogenannten „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ war in den letzten Jahren nicht mehr als ein Witz. Hier muss deutlich mehr Geld in die Hand genommen werden. Das Lehramtsstudium muss an den Universitäten endlich raus aus dem Schattendasein! Die Inhalte müssen sich an den Realitäten der modernen Welt ausrichten, dazu gehört auch die Digitalisierung, die verstärkt aufgegriffen werden muss. Nichtsdestotrotz haben wir zahlreiche Kolleginnen und Kollegen, die hervorragende digitale Kompetenzen besitzen. Als Beispiel kann ich hier den Digitalisierungsbeauftragten des Bayerischen Realschullehrerverbands, Ferdinand Stipberger, nennen, der 2019 mit dem Deutschen Lehrkräftepreis in der Kategorie „Lehrer: Unterricht innovativ“ ausgezeichnet wurde. Was Digitalisierung betrifft, sind die bayerischen Realschulen übrigens ganz vorne dabei. Der Bildungsgang Informationstechnologie (IT) zum Beispiel bereitet die Schülerinnen und Schüler gezielt auf die vielfältigen Herausforderungen der Digitalisierung vor.
Ihre Einschätzung: Wie wird Künstliche Intelligenz künftig die Bildung verändern?
Böhm: Künstliche Intelligenz wird die Bildung an Schulen und Universitäten definitiv verändern und birgt noch nicht absehbare Herausforderungen hinsichtlich Unterrichtsgestaltung und Prüfungskultur. Wir brauchen hier klare Regeln und einen sinnvollen, gezielten und kritischen Umgang mit KI. Verbote sind der falsche Weg, allerdings müssen natürlich datenschutzrechtliche Fragen auf jeden Fall geklärt sein, bevor KI-Tools an unseren Schulen großflächig genutzt werden. Wir müssen zudem darauf achten, nicht in panischen Aktionismus zu verfallen und ideologisierte Strukturdebatten zu führen.
Stand: 08.12.2025
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