Potenzialindex Deutschland 2024 Welches Einsparpotenzial birgt die Digitalisierung?

Von Stephan Augsten 4 min Lesedauer

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Fachkräftemangel ade? Das wohl nicht, aber die Digitalisierung könnte bis 2035 das Fehlen von bis zu 350.000 Beschäftigten im öffentlichen Sektor kompensieren. Zu diesem Schluss kommt das Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation in der Studie „Potenzialindex Deutschland“.

Wie viel Zeit kann die Digitalisierung in der Verwaltung und im Gesundheitswesen sparen? Im „Potenzialindex Deutschland 2024“ stellen die Studienautoren einige Modellrechnungen an.(©  Krakenimages.com – stock.adobe.com)
Wie viel Zeit kann die Digitalisierung in der Verwaltung und im Gesundheitswesen sparen? Im „Potenzialindex Deutschland 2024“ stellen die Studienautoren einige Modellrechnungen an.
(© Krakenimages.com – stock.adobe.com)

Die Digitalisierung kann Prognos zufolge Zeit in der Verwaltung freischaufeln.(Bild:  Prognos)
Die Digitalisierung kann Prognos zufolge Zeit in der Verwaltung freischaufeln.
(Bild: Prognos)

Nicht weniger als 4,2 Millionen Stunden Wartezeit bei Behördengängen könnte eine stärkere Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung einsparen, heißt es im „Potenzialindex Deutschland 2024“. Der vom Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation bei Prognos beauftragte Bericht soll aufzeigen, wie die Digitalisierung den akuten Fachkräftemangel in Deutschland in wichtigen Bereichen wie Verwaltung und Gesundheitswesen abmildern kann.

Branchen- und sektorübergreifend könnte die Digitalisierung demnach bis zum Jahr 2035 etwa 1,5 Millionen Arbeitskräfte kompensieren. Auf die öffentliche Verwaltung entfallen in dieser Rechnung 350.000 Stellen, auf den Sektor „Gesundheit und Soziales“ noch einmal 60.000. Weitere 50.000 Arbeitskräfte könnte die Digitalisierung im Bereich „Umwelt und Mobilität“ einsparen.

Die Zahlen hat das Analyse- und Beratungsunternehmen Prognos für das Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation zusammengetragen. Die Modellrechnung stellt ein Digitalisierungsszenario auf Basis der Berechnungen des IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) und ein Referenzszenario, wie sich die Arbeitskräftenachfrage bis 2035 auf Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland entwickeln könnte, einander gegenüber.

In der Studie konstatiert das Vodafone-Institut den Behörden und der öffentlichen Verwaltung eine ungünstige Ausgangsposition im Wettbewerb um Fachkräfte. Zukünftig fehle es voraussichtlich an einer größeren Zahl an Fachkräften, so dass die öffentliche Verwaltung ihre Leistungen nicht mehr vollständig erbringen könne. Dementsprechend sei es wichtig, Mitarbeitende insbesondere um wiederkehrende Aufgaben zu entlasten.

Studie sieht Einsparpotenzial von 46 Millionen Arbeitsstunden

Mit Blick darauf wagt das Vodafone-Institut eine Prognose hinsichtlich des zeitlichen Einsparpotenzials: In Deutschland seien über 600.000 Personen in der öffentlichen Verwaltung beschäftigt, die jährlich knapp 39 Millionen Anliegen wie Kfz-Anmeldungen, Ummeldungen oder Anträge bearbeiteten. Eine konsequente Implementierung digitaler Lösungen in Verwaltungsberufen könne gut 46 Millionen Arbeitsstunden einsparen, rechnet das Vodafone-Institut vor.

Diese Arbeitsstunden würden an anderer Stelle für die Bearbeitung von Aufgaben frei, die aufgrund fehlender Fachkräfte nicht erledigt worden wären. Geht man von einer Bitkom-Erhebung aus, nach der die durchschnittliche Wartezeit bei einem Behördengang 141 Minuten beträgt, seien gegenüber dem Referenzszenario rund 1,8 Millionen zusätzliche Behördengänge möglich.

Alexander Handschuh, Deutscher Städte- und Gemeindebund (DStGB), stellt fest: „Digitalisierung ist ein tolles Schlagwort, aber es muss auch konkret umgesetzt werden.“ In der kommunalen Verwaltung brauche es eine Harmonisierung der Schnittstellen. „Hier kann ein strukturierter Erfahrungs- und Wissensaustausch Synergien schaffen“, glaubt Handschuh.

Reduzierter Fachkräftebedarf für Berufe im Bereich Verwaltung in Prozent von allen Erwerbstätigen (bis 2035) auf Grundlage des Digitalisierungsszenarios .(Bild:  Prognos)
Reduzierter Fachkräftebedarf für Berufe im Bereich Verwaltung in Prozent von allen Erwerbstätigen (bis 2035) auf Grundlage des Digitalisierungsszenarios .
(Bild: Prognos)

Eine mögliche Reduktion des Fachkräftebedarfs sieht die Studie eher im städtischen als im ländlichen Raum. Ein besonders hohes Digitalisierungspotenzial attestiert das Vodafone-Institut beispielsweise der kreisfreien Stadt Bonn, da diese als ehemalige Bundeshauptstadt weiterhin einen relevanten Anteil von Beschäftigten der Bundesministerien vorweise. Das durchgespielte Szenario lohne sich außerdem für Regionen, in denen größere Unternehmen ihren Hauptsitz hätten, und in den Landeshauptstädten.

Das Digitalisierungspotenzial in der Verwaltung in ländlichen Regionen und generell in Landkreisen mit einem starken industriellen Fokus oder einer ausgeprägten medizinischen Infrastruktur sei hingegen unterdurchschnittlich. Namentlich nennen die Studienautoren beispielsweise die Landkreise Tuttlingen, Sonneberg oder Saale-Orla-Kreis.

Drei konkrete Beispiele für Effizienzsteigerungen in der öffentlichen Verwaltung führt die Studie ebenfalls auf: Online-Anträge für BAföG-Zuschüsse, elektronische Wohnsitzanmeldung (eWA) und elektronische Rechnungsstellung hätten positive Effekte gehabt. Etwas abstrakter bleibt die Studie bei der Nutzung von Cloud-Technologien, die eine bessere Datenverfügbarkeit und Flexibilität innerhalb der Verwaltung versprächen, sowie der Schaffung einer einheitlichen digitalen Identität und elektronischen Signatur.

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Bessere Gesundheitsversorgung dank Digitalisierung?

Ein besonders hohes Einsparpotenzial sehen die Studienautoren auch im Gesundheitssektor. Um einen konkreten Nutzen aus den bestehenden Zahlen abzuleiten, konzentrieren sich die Studienautoren auf die Gesundheitsversorgung in den Arztpraxen. Über 700.000 Beschäftigte seien hier laut Daten der Bundesagentur für Arbeit tätig, was beinahe einem Viertel (23 Prozent) aller im medizinischen Bereich beschäftigten Personen entspreche.

Die Digitalisierung eröffnet – zumindest der Modellrechnung von Prognos folgend – mehr Zeit für Patientinnen und Patienten.(Bild:  Prognos)
Die Digitalisierung eröffnet – zumindest der Modellrechnung von Prognos folgend – mehr Zeit für Patientinnen und Patienten.
(Bild: Prognos)

In ihrer Modellrechnung stützen sich die Studienautoren nunmehr auf die Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), nach der es in den Arztpraxen zu rund einer Milliarde Patientenkontakten komme. Durch Einsatz von E-Health-Lösungen wie Videokonsultationen, digitaler Diagnostik und Robotereinsatz in Kliniken ließen sich gut 52 Millionen Arbeitsstunden in Arztpraxen einsparen. Diese Zeit wiederum könne zu einer effizienteren Behandlung von Patientinnen und Patienten genutzt werden und damit 9,9 Millionen zusätzliche Arztkontakte ermöglichen.

„Der im Potenzialindex aufgezeigte Mehrwert der Digitalisierung ist kein Selbstläufer“, schließt die Studie, „sondern erfordert konkrete Maßnahmen und das Engagement verschiedener Akteure von Politik, Unternehmen und Gesellschaft.“ Die damit verbundenen Aufgaben müssten entschlossen angegangen und gelöst werden.

Von der Politik fordern die Studienautoren „einen klaren und unbürokratischen Rechtsrahmen, der mehr Tempo bei der Digitalisierung ermöglicht, Freiräume schafft und eine effizientere Koordination fördert“ – insbesondere in den öffentlichen Sektoren wie Mobilität und Gesundheit. Gleichsam brauche es aber auch eine Gesellschaft, die das digitale Potenzial nutzen will.

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