Kolumne Warum KI Verwaltung menschlicher macht

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves 4 min Lesedauer

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Manche befürchten, dass künstliche Intelligenz Arbeitsplätze in der Verwaltung ersetzen wird. Doch was wäre, wenn sie genau das Gegenteil bewirkt und Verwaltung menschlicher macht? Professor Niehaves zeigt, dass ein Beruf mehr ist als die Summe seiner Aufgaben.

Die Radiologie ist das absolute KI-Vorreiter-Feld, zeigt aber: Auf Radiologen kann nicht verzichtet werden.(Bild:  Georgy – stock.adobe.com)
Die Radiologie ist das absolute KI-Vorreiter-Feld, zeigt aber: Auf Radiologen kann nicht verzichtet werden.
(Bild: Georgy – stock.adobe.com)

Der Mediziner Eric Topol wirft in seinem Buch „Deep Medicine: Wie KI das Gesundheitswesen menschlicher macht“ eine spannende These zur künstlichen Intelligenz auf, die im Gegensatz zu den sonst ­üblichen Erzählungen steht. Statt Ärztinnen und Ärzte zu ersetzen, entlaste KI sie von administrativen Tätigkeiten wie Dokumentation oder Dateneingabe und schaffe so wieder Raum für echte Zuwendung, Empathie und Beziehung. „Deep Medicine“ ist für Topol eine Medizin, die durch KI tiefer wird – nicht technisch, sondern menschlich.

Menschlicher wegen und durch KI! Er spricht von „Deep Empathy“ und zeigt, dass Technologie helfen kann, zur eigentlichen Berufung zurückzukehren: zum Gespräch, zur Aufklärung, zur Verantwortung gegenüber dem Menschen. Soweit das Buch, das in meinem Regal steht …

… aber wie sieht die Wirklichkeit aus? Nehmen wir das absolute KI-Vorreiter-Feld, die Radiologie, in den Blick. „Radiologen wird es in fünf Jahren nicht mehr geben.“ Das war 2016 die Prognose von Geoffrey Hinton, einem der wichtigsten KI-Forscher unserer Zeit und inzwischen Nobelpreisträger. Warum? Weil KI in der Lage ist, Karzinome auf medizinischen Bildern besser zu erkennen als Menschen. Also besser in der Kernaufgabe. Doch wie die New York Times im Mai 2025 berichtete („Your A.I. Radiologist Will Not Be With You Soon“), ist das Gegenteil eingetreten: Die Mayo Clinic, eine der renommiertesten Gesundheitseinrichtungen der USA, hat heute 55 Prozent mehr Radiologen und Radiologinnen als vor wenigen Jahren. Obwohl dort über 250 (!) KI-Systeme im Einsatz sind. Die KI kam – und mit ihr mehr Radiologen. Wie lässt sich das erklären?

Die ergänzende KI

KI ersetzt nicht, sie verändert und ergänzt. Die praktische Erklärung ist einfach und aufschlussreich ­zugleich: KI übernimmt Routinetätigkeiten, etwa das Sichten großer Bildmengen oder das Erkennen einfacher Muster. Sie unterstützt in der Diagnosevorbereitung, sortiert, vergleicht, berechnet Wahrscheinlichkeiten. Doch das eigentliche ärztliche Handeln bleibt beim Menschen: das Einordnen von Kontexten, das Abwägen von Unsicherheiten, das Kommunizieren mit anderen Fachbereichen, das Gespräch mit den Patienten. Gerade weil KI repetitive Aufgaben automatisiert, wird der Mensch in den nicht-automatisierbaren Aufgaben sichtbarer, notwendiger, wertvoller.

Radiologinnen haben heute in der Praxis mehr Zeit für das, was vorher oft zu kurz kam: für Qualität statt Quantität. Topols zu Beginn genannte Vision der „Deep Medicine“, einer empathischeren Medizin, wird in der Radiologie ganz praktisch und real sichtbar: KI erledigt Hintergrundprozesse, der Mensch tritt wieder in den Vordergrund. Radiologen müssen weniger Befunde tippen und mehr kommunizieren.

Sie haben mehr Zeit für schwierige Fälle, für Zweitmeinungen, für kollegiale Abstimmungen. Sie werden zu interdisziplinären Partnern und nicht nur zu Technikern vor dem Bildschirm. Genau das beschreibt Topol: Wenn KI die Routine abnimmt, entsteht Raum für Tiefe, Empathie und Berufung. Die Radiologie zeigt: KI bringt nicht Entfremdung, sondern Rück­bindung. Nicht Ersatz, sondern ­Ergänzung. Nicht Maschinen­medizin, sondern menschlichere Medizin.

Und in der Verwaltung?

Okay, vier Absätze lang habe ich Sie auf eine kleine Reise in die Medizin mitgenommen, aber Sie wollen natürlich wissen, was lässt sich daraus über KI in unserem Bereich, der öffentlichen Verwaltung lernen? Auch die Verwaltung kennt Routine. Formularprüfung, Aktenbearbeitung, Bescheiderstellung. Und genau hier liegt das Missverständnis, wenn über KI in der Verwaltung gesprochen wird. Denn häufig heißt es dann: „Wenn die KI den Antrag prüfen kann – wozu noch Menschen?“ Die richtige Frage lautet aber: Was bleibt übrig, wenn die Maschine die Regel kennt? Und was beginnt dann neu? Die Antwort liegt in der gleichen Richtung wie in der Radiologie: Wenn der formale Prozess durch KI unterstützt wird, gewinnt der Mensch Raum – für die Ausnahmen, die Widersprüche, die komplexen Lebenslagen.

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Der Mensch wird zur unverzichtbaren Instanz im Ausnahmefall. Denn Verwaltung endet nicht bei der Regel – sie beginnt oft genau dort, wo die Regel nicht mehr greift: Härtefälle, Widersprüche, begründete Abweichungen. Wer mit einem­ Antrag nicht durch ein Standardverfahren passt, braucht keinen Algorithmus, sondern Verständnis, Abwägung, Kommunikation. Genau hier kommt das zurück, was Topol für die Medizin beschreibt: Empathie, Kontextkompetenz, ­Verantwortung. KI macht aus ­Verwaltungsmitarbeitenden keine Ersetzten, sondern entscheidende Instanzen im Umgang mit dem ­Besonderen.

Der Charakter öffentlicher Aufgaben

Weg von der Bescheidfabrik, hin zur Beziehungsarbeit. Verwaltungen sind keine Bescheidfabriken. Verwaltung erklärt, begleitet, vermittelt. Sie ist in vielen Fällen erste Kontaktstelle für Menschen in komplexen Lebenslagen: Migration, Pflege, Bildung, Arbeitslosigkeit. Wer glaubt, dass das maschinell abbildbar ist, verkennt den Charakter öffentlicher Aufgaben. Verwaltung ist auch soziale Infrastruktur. KI kann helfen, sie davon zu entlasten, was automatisierbar ist – damit wieder mehr Raum für das Menschliche entsteht.

Es geht nicht um Rationalisierung, es geht um Rehumanisierung. Der Fehler vieler Digitalisierungsdebatten ist, dass sie Effizienzsteigerung mit Personalabbau verwechseln. Doch wie in der Radiologie zeigt sich: Gerade wenn KI kommt, wird der Mensch wichtiger, weil seine Rolle sich verändert. Von der Prozessabwicklung hin zur Sinnstiftung, zur Kommunikation, zur Entscheidungsverantwortung. Zurück zur Berufung. Und auch in der Verwaltung gilt: Wer sich weniger im Aktenstapel vergraben muss, kann wieder für Bürgerinnen und Bürger da sein. Das ist kein KI-Rückschritt, das ist KI-Fortschritt.

Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves
ist Informatikprofessor und Politikwissenschaftler, leitet die Arbeitsgruppe „Digitale Transformation öffentlicher Dienste“ an der Universität Bremen und berichtet in der wissenschaftlichen Kolumne über diverse aktuelle Forschungsergebnisse zur digitalen Verwaltung.

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Bildquelle: Björn Niehaves

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