11. Zukunftskongress Staat und Verwaltung Veränderungen müssen von tief innen kommen

Das Gespräch führte Stephan Augsten 7 min Lesedauer

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Als feste Größe in der Event-Welt der Verwaltungsdigitalisierung hat sich der „Zukunftskongress Staat und Verwaltung“ etabliert. Im Interview spricht Initiator Oliver Lorenz über die Geschichte und Zukunft der Veranstaltung sowie der Staatsmodernisierung.

Oliver Lorenz, CEO Wegweiser: „Generell glaube ich, dass die Sektoren in Deutschland zu sehr voneinander getrennt sind. Es gibt zu wenig Bewusstsein füreinander.“(©  Nicole Braun Professional Photographer)
Oliver Lorenz, CEO Wegweiser: „Generell glaube ich, dass die Sektoren in Deutschland zu sehr voneinander getrennt sind. Es gibt zu wenig Bewusstsein füreinander.“
(© Nicole Braun Professional Photographer)

Bald ist das Dutzend voll, wir stehen jetzt beim 11. Zukunftskongress Staat und Verwaltung. Sie selbst haben diesen 2012 aus der Taufe gehoben – mit Erfolg, immerhin konnten Sie schon zur ersten Ausgabe eine vierstellige Teilnehmerzahl vermelden. Aus welcher Motivation heraus ist der Kongress eigentlich entstanden?

Lorenz: In seiner heutigen Form ist der Zukunftskongress entstanden, weil seinerzeit das BMI auf mich zukam und mich gefragt hat, ob ich nicht etwas entwickeln könnte, an das man sich „dranhängen“ kann. Hintergrund war damals ­eine gewisse Unzufriedenheit mit der Messe „Moderner Staat“, die sich konzeptionell wohl ein bisschen totgelaufen hatte und an einigen Stellen möglicherweise auch überkommerzialisiert erschien. Der zuständigen Abteilungsleiterin gefiel nicht, dass sich der Moderne Staat nicht mehr auf die tatsächlichen Kernprobleme der öffentlichen Verwaltung konzentriert hat. Vor dem Zukunftskongress hatte ich eine Veranstaltung, die nannte sich „Reformkongress öffentliche Verwaltung“. Der war konzeptionell ziemlich gut, aber kommerziell nicht ganz so der große Erfolg. Da hat man im BMI gesehen, wie wir solche Dinge angehen.
Das ganze Thema Modernisierung von Staat und Verwaltung mache ich eigentlich seit Ende der 90er Jahre. Und es war mir immer wichtig, auf das Auseinanderklaffen von Staat und Wirtschaft hinzuweisen, was Effizienz, Geschwindigkeit, Leistungsvermögen und so weiter angeht. An der Gründung des Ministeriums für Digitalisierung und Staatsmodernisierung zeigt sich, dass dieses Thema nun auch in der Politik angekommen ist – das hat man lange Zeit ja unterschätzt.
Als Unternehmer hatte ich schon lange das Gefühl, vieles im Land funktioniert nicht mehr. Und das war meine inhaltliche Motivation. Natürlich war da auch die persönliche Motivation, ein schönes Projekt zu machen, das gehört ja auch dazu. Aber was den Erfolg angeht: den plane ich ehrlich gesagt nicht, sondern ich versuche grundsätzlich, eine Sache gut zu machen.

Nun hat sich die Mentalität in der Bevölkerung, aber auch das digitale Mindset der Mitarbeitenden in der Verwaltung, in all den Jahren deutlich gewandelt. Inwiefern mussten Sie das Format mit Blick auf den neuen Zeitgeist weiterentwickeln?

Lorenz: Man muss sich immer wieder in Frage stellen: Ist das, was ich heute tue, morgen noch das, was der Markt verlangt? Man muss einerseits mit der Zeit gehen, sollte aber andererseits nicht gucken, was die anderen machen und was der Trend ist. Ich habe mal gelernt, und da ist etwas sehr Wahres dran: Marke ist das Gegenteil von Trend – dass sie etwas schaffen, wo sie ein positives Vorurteil aufbauen, und dieses müssen sie dann natürlich mit dem Produkt rechtfertigen.
Zur Frage des digitalen Bewusstseins: Es war zu Beginn schon noch so, dass man sehr viel darüber ­aufklären musste, warum Digitalisierung wichtig ist. Das hat sich ehrlich gesagt vielleicht schon bis 2015 ausgewachsen. Man hat gemerkt, dass nicht offen darüber diskutiert wurde, dass die Umsetzung sehr schwierig ist. Vieles an politischen Vorgaben, zeitlichen Zielsetzungen, an Größe und auch an Perfektionismus stellte sich vernünftig dar, die Realität sah dann aber doch anders aus.
Das ist so ein Problem bei – im weitesten Sinne – politischen Projekten – und das ist an sich auch meine These, dass Digitalisierung unpolitisch ist. Sie ist fachlich und sie muss auch fachlich gesteuert werden.

Welche spannenden Inhalte, die für den Kongress geplant sind, sollte man sich denn unbedingt mal angucken?

Lorenz: Lassen Sie mich diese ­Frage mit den Inhaltsebenen des diesjährigen Zukunftskongresses beantworten. Die erste Inhalts­ebene befasst sich mit Fragen der Staatsmodernisierung oder – anders ausgedrückt – mit kluger ­Politik zur Modernisierung bis hin zu organisatorischen Fragestel­lungen. Es wird spannend sein, zu ­hinterfragen, wie das neue Digital- und Staatsmodernisierungsministerium arbeiten soll, wie der Unterbau gestaltet ist und wie man sicherstellt, dass Umsetzungseinheiten unternehmerisch arbeiten können. Die Haupterkenntnis der vergangenen Jahrzehnte ist, dass man versuchen muss, das Operative von der Strategie zu trennen.
In unserer zweiten Inhaltsebene adressieren wir die notwendigen Infrastrukturen. Man braucht ­harmonisierte Infrastrukturen, die Zusammenarbeit und Shared ­Services verbinden. Hier finde ich wichtig, zu schauen, wie man privates Know-how stärker einbeziehen kann. Die dritte Inhaltsebene dreht sich um Leadership. Da sind wir beim Thema „Machen“. Sie brauchen Leute, die vorangehen, die wirklich mutig sind, die Veränderungen anstoßen und – ich sage mal – auch gegen Widerstände durchsetzungsfähig sind. Als vierten Punkt müssen Sie die Mentalität ändern und die digitalen Kompetenzen voranbringen. Das ist unsere Inhaltsebene vier, die wir als „Change Maker“ bezeichnen. Und der dritte Change Maker bezieht sich darauf, neue Technologien wie Cloud und KI wirklich zu nutzen – und das in einer ­Architektur, die harmonisiert ist.
Aber vor all diesen Punkten steht die politische Begeisterung. Wir müssen die Menschen dafür gewinnen, dass sie sagen: „Das ist doch toll, dass ich nicht mehr zum Amt gehen muss.“ Ich würde mir manchmal wünschen, dass Wirtschaft und Bürger da noch etwas mehr Druck ausüben und nicht einfach hinnehmen, dass vieles im Land nicht mehr funktioniert.

Schön, dass Sie die Wirtschaft ansprechen. Der Zukunfts­kongress ist ja ein Format, um Verwaltung, Wirtschaft und auch Wissenschaft miteinander in Austausch zu bringen. Wie bewerten Sie denn die aktuelle Verknüpfung dieser drei Sektoren bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung?

Lorenz: Verbesserungspotenzial gibt es ja eigentlich immer und für alles. Generell ist es schon so, dass die Digitalisierungs-Bubble sehr gut vernetzt ist. Aber ich glaube auch, man muss sich da noch etwas öffnen. Wichtig ist, die politische Entscheidungsebene in diese Bubble hineinzubekommen, und das ist einfacher gesagt als getan. Ein Bürgermeister, der Bundeskanzler oder ein Ministerpräsident meint ja, er hat für diese fachlichen Themen zuständige Minister oder CIOs. Ich bin der Meinung, diese Entscheidungsträger müssen heute selbst verstehen, was dieser ­digitale Wandel wirklich bedeutet oder was KI bedeutet. Sie müssen es auch selbst erlebt haben, um es einschätzen zu können.
Generell glaube ich, dass die Sektoren in Deutschland zu sehr voneinander getrennt sind. Es gibt zu wenig Bewusstsein füreinander. Anders gesagt: Die Wirtschaft hält nicht viel von der Verwaltung und im Zweifel umgekehrt. In der Wahrnehmung sind das verschiedene Welten. Aber es ist tatsächlich nur eine Welt, in der vieles miteinander harmonisieren muss. Ich finde, dass der öffentliche Sektor für die Gemeinschaft da ist. Er muss im Grunde eine ­Dienstleistungsorientierung gewinnen.
Und das ist keine Aufgabe für die nächsten fünf Jahre, sondern mindestens für die nächsten 20 bis 30 Jahre. Ich frage mich, wie man eine solche Serviceorientierung wirklich in unsere über die letzten 200 bis 250 Jahre kulturell ganz anders gewachsene Verwaltung hineinbekommt. Es ist sehr schwer vorstellbar, dass das gelingt, aber ich bin optimistisch, weil der internationale Wettbewerb um Standorte möglicherweise der Schlüssel sein wird. Unternehmen und kluge Köpfe gehen dahin, wo die Dinge funktionieren und smart sind, wie man das heutzutage so schön sagt.

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Und wo wir schon bei unüberschaubaren Zeiträumen sind: Welche Vision haben Sie denn für den Zukunftskongress in den kommenden fünf bis zehn Jahren?

Lorenz: Zunächst einmal muss ich sagen: An sich war der Zukunftskongress nie ein reiner Digitalkongress. Die Digitalisierung war halt Modernisierungsthema, und weil privat finanziert, war da natürlich auch ein gewisser Drive aus der ­Digitalwirtschaft, der den Kongress so stark digital orientiert gemacht hat. Ich selbst interessiere mich sehr für das Thema der Föderalismusreform – bis hin zu Fragen wie: Wie schaffen wir es, dass Europa besser funktioniert? Wie kann man durch Digitalisierung, vielleicht auch durch Standardisierung, die geforderte Dezentralisierung und die Zentralisierung miteinander verknüpfen.
Im Grunde glaube ich, dass unser Land – rein betriebswirtschaftlich gedacht – eine Organisations­reform braucht; was natürlich ­einfacher gesagt als getan ist. In der Politik will man wiedergewählt werden und muss Mehrheiten ­organisieren. Und dies schaffen Sie im Grunde nur mit Wohltaten, während eine Organisationsreform wehtun kann. Sie müssen wegnehmen, neu ordnen, alle haben sich irgendwie eingerichtet – das ist im Großen wie im Kleinen also keine einfache Sache.
Eines der Hauptprobleme ist hier die fehlende offene Kommunikation mit der Bevölkerung. Während die Politik sich über lange Zeit zu wenig mit der Wirklichkeit befasst hat, sind die Leute schon sehr viel weiter in ihrer Wahrnehmung, dass die Dinge nicht so funktionieren, wie sie könnten. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass in Deutschland mit dem Dachausbau oder vielleicht sogar mit dem Innenausbau begonnen wurde. Man wollte alles schön und perfekt machen, aber das notwendige Fundament, das hat eben gefehlt.

Weitere Informationen

Der 11. Zukunftskongress Staat und Verwaltung wird vom 23. bis 25. Juni 2025 im Westhafen Event & Convention Center (WECC) Berlin stattfinden. Mehr erfahren Interessierte auf der Webseite zum Kongress.

Zum Zukunftskongress Staat & Verwaltung 2025

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