Open-Source-Lösungen sind in den Verwaltungen inzwischen präsenter, nicht aber das Wissen um deren Beschaffung, zudem fehlten Ressourcen, sagt Peer Heinlein. Im Interview spricht er auch über das ZenDiS und die Vorreiterrolle Deutschlands.
Peer Heinlein, CEO der Heinlein Gruppe.
(Bild: Heinlein Gruppe)
Peer Heinlein ist CEO der Heinlein Gruppe und war maßgeblich an der Erstellung von Vergabekriterien für die nachhaltige Beschaffung von Open Source Software beteiligt, zu denen die Open Source Business Alliance e.V. (OSBA) dann auch ein Positionspapier publiziert hatte. Im Interview erläutert er Hintergründe und aktuelle Entwicklungen.
Die OSBA hat im Februar das Positionspapier „Vergabekriterien für eine nachhaltige Beschaffung von Open Source Software“ veröffentlicht. Wie war denn die Resonanz, gab es Feedback?
Heinlein: Ja, es gab tatsächlich sehr positives Feedback zu diesem Papier, es stieß auf großes Interesse und viele haben sich bei uns nach detaillierten, noch genaueren Vergabekriterien erkundigt.
In dem Papier sind einige Fälle beschrieben, in denen die Beschaffung von Open Source Software (OSS) nicht zu den erwarteten Ergebnissen führte, weil etwa der Support nicht gewährleistet war oder aber die Entwicklungen nicht wieder zurückgespielt wurden und somit gar nicht mehr offen für alle zur Verfügung standen. Wie verbreitet sind solche Fälle?
Heinlein: Die Open-Source-Projekte sind in den letzten fünf Jahren größer und somit spannender geworden. Wo es früher um 300.000 Euro ging, sind es heute durchaus auch 3 oder 13 Millionen Euro. Das zieht natürlich auch neue professionelle Spieler auf dem Markt an, die über den Preis einsteigen. Das ist auch nicht grundsätzlich schlecht, nur einige haben tatsächlich mit Dumpingpreisen gewonnen und das als einen Vertriebseinstieg gesehen – ohne von vornherein Entwicklung und Support mit einzukalkulieren oder ohne den Upstream sicherzustellen. Dann entsteht eine Sackgassenlösung, die irgendwann zum Totalschaden wird. Denn wenn die eigentliche OSS über vielleicht fünf Jahre immer weiterentwickelt wird, die Anpassungen (Patches) im Rahmen dieses Projekts aber nie zurückgespielt wurden, entsteht eine riesige Lücke zwischen dem eigentlichen technologischen Stand der Software und der eigenen, spezifischen Lösung. Und das ist eben das, was auch die Beschaffung verstehen muss: Die Bieter sollten so vernetzt und Teil der Open Source Community sein, dass die Lösung zuverlässig weiterentwickelt wird und über Jahre stabil nutzbar ist. Damit ist dann auch die Investition nachhaltig. Insgesamt hat sich die Situation in der letzten Zeit verbessert, dennoch kann es passieren, dass man an einen Dumping-Anbieter gerät. Darum haben wir das Papier entwickelt.
Inwieweit ist denn den Anwendern überhaupt schon bewusst, was es bedeutet, Open-Source-Lösungen zu beauftragen? Hat sich das verändert im Laufe der Zeit?
Heinlein: Also es gibt allgemein eine Veränderung, was die Bekanntheit und auch die Beschaffung von Open Source Software angeht. Vor 10 oder 15 Jahren hatten wir in Behörden und Unternehmen technisch sehr versierte Ansprechpartner, die selbst Open Source verstanden haben und dann eine passende Beschaffung in die Wege leiten konnten. Inzwischen ist Open Source im Mainstream angekommen, es gibt ja in mehreren Bundesländern auch Vorgaben zur vorrangigen Beschaffung. Das heißt, Open Source Software ist populärer geworden, wird aber in diesem Zuge auch etwas unbedachter beschafft. Die Vergabestellen agieren oft im Alleingang, ohne technische Beratung durch die Fachabteilung. Der eigentliche Unterschied bei Open Source Software besteht darin, dass es im Grunde ein Prozess ist, nicht eine einmalige Beschaffung. Es ist eine Strategie, die man über Jahre partnerschaftlich gemeinsam verfolgt, um das beste Ergebnis zu finden. Und insofern fehlt in den Ausschreibungsverfahren, wenn man nur nach dem Preis geht, einfach das Kriterium oder die Suche nach dem qualitativ guten Bieter, mit dem man dann auch nach mehreren Jahren besser dasteht, als wenn man blind nach dem Preis einkauft.
Und dieses Verständnis, dass es um einen Prozess geht, fehlt auf der Anwenderseite?
Heinlein: Ja, das ist das Problem. Es gibt Bundesländer, die das Ganze mustergültig praktizieren, vor allem Thüringen und Schleswig-Holstein. Das sind die Leuchttürme hier in Deutschland, die gehen mit großem Erfolg voran und ziehen auch viele Vorteile daraus, weil sie zum Beispiel bessere Projekte und besser angepasste Software bekommen. Aber in vielen Vergabestellen fehlt es noch an diesem Bewusstsein. Und vor allem fehlt es an Ressourcen. Wenn wir sehen, wie personell unterausgestattet Vergabestellen oft sind, obwohl da so viel Geld umgesetzt und maßgeblich über den Preis und die Qualität entschieden wird, dann ist das wie immer im Verwaltungshandeln etwas bitter. Gleichzeitig gibt es auch viele gute Vergabeprozesse, die ich sehr befürworte, zum Beispiel Dialogverfahren, wo mit den Bietern gemeinsam nach der besten Lösung geschaut wird. Denn das Problem ist oft, dass sowohl die Fachabteilung als auch die Vergabestelle gar nicht wissen, welche innovativen Ansätzen es gibt. Wenn man aber, gerade bei größeren Projekten, vorher mehr Zeit in die Ausschreibung, in den Dialog investiert, spart das am Ende Geld und Aufwand und das gesamte Verfahren wird effizienter. Ich habe schon große Verfahren im achtstelligen Bereich erlebt, bei denen es ein Jahr lang ein Dialogverfahren mit verschiedenen Bietern gab.
Das klingt lang …
Heinlein: Zunächst ja, aber weil das Verfahren fair und transparent durchgeführt wurde, wurde am Ende auch die Entscheidung für den Bieter akzeptiert. Das heißt, es gab keine Rügen von unterlegenen Bietern, was ja sonst eher die Regel ist und die Projekte um ein halbes Jahr verzögert. Somit lief es am Ende schneller. Aber für so ein Dialogverfahren braucht es eben auch Ressourcen in den Vergabestellen.
Wenn Sie sagen, dass Vergabestelle und Fachabteilung innovative Ansätze oft nicht kennen, ist mangelnder Überblick über die verfügbaren Lösungen generell ein Problem?
Heinlein: Nach meiner Wahrnehmung findet eine wirkliche Markterhebung im Vorfeld der Ausschreibung viel zu selten statt. Innovative Ansätze finden sich hierzulande oft im Mittelstand oder bei Start-ups und dann ist es schlecht, wenn Innovation gar nicht als Kriterium mit ausgeschrieben wird. Gerade für Open Source, was ja ein sehr mittelstandsfreundliches und sehr deutsches Thema ist und wo es auch darum geht, dass Steuergelder im Land bleiben könnten und nicht als Lizenzgebühr nach Übersee abfließen, von Themen wie digitale Souveränität noch ganz abgesehen.
Stichwort „digitale Souveränität“ – ist hier Beunruhigung spürbar angesichts der Entwicklungen seit der Amtsübernahme von Donald Trump?
Heinlein: Das kann man direkt sagen. Wie haben jetzt die Situation, vor der wir seit über zehn Jahren warnen: Die Abhängigkeit von US-Clouds, von Services, die praktisch über Nacht beendet werden könnten. Auch was Datenhoheit angeht: Selbst wenn die Daten physikalisch in Europa liegen, sind sie rechtlich nicht sicher und es ist leider mit allem zu rechnen. Also die Nachfrage nach souveränen Lösungen steigt. Aber anders als früher sind es jetzt eher die Unternehmen, die immer noch, aus einer Bequemlichkeit heraus, abwartender sind. In der Verwaltung dagegen hat sich in den letzten Jahren politisch sehr viel gedreht, das Bewusstsein ist jetzt deutlich ausgeprägter, viele Bundesländer oder Behörden haben Open-Source-Beschaffungsvorbehalte und gehen mustergültiger voran als die Unternehmen. Das muss man auch einmal hervorheben und sehr loben.
Stand: 08.12.2025
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Wie arbeiten denn Unternehmen, die Open-Source-Lösungen anbieten, auch über die OSBA, mit dem ZenDiS, zusammen?
Heinlein: Wir schätzen das ZenDiS ausdrücklich. Praktisch alle etablierten Open-Source-Unternehmen pflegen einen guten und engen Kontakt zum Zentrum. Dessen Einrichtung war absolut notwendig und ein wichtiger Schritt. Und man sieht ja, wie dadurch in nur wenigen Jahren die ganze Diskussion und das Bewusstsein für digitale Souveränität und auch Open Source am Arbeitsplatz immens vorangetrieben wurden. Und mit OpenCode haben wir eine riesengroße Bibliothek an etablierten Open-Source-Projekten von und für die öffentliche Verwaltung. Was ich an der Stelle auch sehr begrüße, ist das Open-Source-Kompetenzzentrum in meiner Heimatstadt Berlin, das dem Aufgabenbereich nach ein Open Source Program Office, kurz OSPO, ist. Denn Vergabestellen könnten – im Sinne der Nachnutzung – noch viel mehr profitieren von der Arbeit anderer Bundesländer oder Kommunen, indem sie zuerst einmal auf OpenCode schauen, ob es die gesuchte Lösung nicht schon gibt. Und genau dabei können die OSPOs unterstützen. Wir sollten uns auch bewusst machen, dass wir hier eine Vorreiterrolle einnehmen, was auch mit unserem traditionell größeren Mittelstand zu tun hat. Bei der UN-Konferenz „OSPOS for Good“ letztes Jahr in New York wurde Deutschland, wurden das ZenDiS, OpenCode und OpenDesk immer wieder anerkennend erwähnt. Diese Einrichtungen werden von anderen Ländern als großer Vorteil gesehen.
HINTergrund
OSPOs in der Verwaltung
Open Source Program Offices (OSPOs) koordinieren Planungsprozesse und IT-Aktivitäten zu Open-Source-Lösungen und offenen Standards, klären etwa Lizenzfragen, unterstützen bei der Identifizierung passender Lösungen, der Kommunikation mit Open-Source-Communities und durch Bereitstellung von Know-how. Die OSB Alliance hatte bereits in ihrem Papier „38 Maßnahmen für eine zukunftsfähige und Open-Source-getriebene Digitalisierung von Wirtschaft und Verwaltung“ aufgelistet, welche Vorhaben das ZenDiS als OSPO auf Bundesebene bereits umsetzt, und dessen (auch finanzielle) Stärkung in dieser Rolle gefordert. Auch die KGSt greift das Thema in ihrem Bericht zu Open-Source-Governance in Kommunen auf: Sie empfiehlt OSPOs vor allem für größere Kommunen und die interkommunale Zusammenarbeit – neben einem rollenbasierten Ansatz, der für kleinere Kommunen vorgeschlagen wird.