Verwaltungs-KI ist überall und niemand möchte abgehängt werden. Professor Niehaves analysiert, warum die Fear of Missing Out (FOMO) zu übervollen KI-Werkzeugkisten führt. Und weshalb kluge Zurückhaltung manchmal die beste strategische Entscheidung ist.
Mitmachen statt zuschauen: Die Angst, bei KI den Anschluss zu verlieren, kann zu vorschnellen Entscheidungen führen.
Wir alle kennen das. Es ist wie früher. Damals, als Kinder, im Süßigkeitenladen. Große Augen. Offene Münder. Und: am liebsten alles haben wollen! Der Blick wanderte von den sauren Schlangen zu den Schokoriegeln, von Bonbon zu Bonbon, das Herz schlug schneller. Ein Zuckerschock schon beim Hinschauen. Und heute? Da stehen sie im Regal der KI-Möglichkeiten, kunterbunt sortiert wie im Süßigkeitenladen: ChatGPT-Plugins in knalliger Verpackung, KI-Assistenten mit extrasaftiger Feature-Füllung, Smart-Everything als zuckerfreie Innovation für die schlanke Verwaltung.
Alles sieht verlockend aus. Alles klingt nach Zukunft, und die wollen wir natürlich nichts verpassen. Erst recht nicht, wenn „alle anderen Kinder“ neben uns zugreifen. Bevor wir es rational einordnen können, hat unser Belohnungszentrum längst Pläne gemacht. So viele KI-Tools! So viel KI-Potenzial! Die innere Stimme flüstert: Nicht zögern! Es ist die perfekte Mischung aus Neugier, Fortschrittsglanz und Nervenkitzel. Und wir? Wir greifen zu. Am liebsten sofort.
Mitschwimmen
Die Triebfeder: Tool-FOMO, Fear of Missing Out. Dieses Gefühl, dass irgendwo jemand ein spannendes KI-Werkzeug (Tool) nutzt, während man selbst nur zuschaut. Ursprünglich kommt der Begriff aus der Psychologie und beschreibt die Angst, gesellschaftliche Ereignisse oder soziale Chancen zu verpassen. Bekannt wurde FOMO in Zeiten von Social Media, als Instagram & Co uns lehrten, dass scheinbar alle anderen gerade etwas Großartiges erleben. Nur wir nicht.
Doch FOMO ist längst erwachsen geworden. Sie ist rausgewachsen aus Festivals, Urlaubsfotos und Partyeinladungen. Heute hat sie einen Job im öffentlichen Dienst. Während früher die größte Angst der Besuch der Kommunalaufsicht war, ist es heute, bei KI den Anschluss zu verlieren. Alle sprechen darüber. Alle testen etwas. Alle scheinen schon viel weiter zu sein. Und plötzlich fühlt es sich nicht mehr so an, als hätten wir eine Wahl. FOMO hat Hochkonjunktur. Leider.
Unter dem glänzenden KI-Konfetti rascheln weiter die Papierprozesse aus dem letzten Jahrtausend. Aber immerhin glitzert es.
Neues Tool heißt neue Hoffnung. Die Hoffnung, endlich das Problem zu lösen, das schon zwei Jahrzehnte Digitalisierung nicht gelöst bekommen haben. Psychologisch ist das logisch: Wir lieben Abkürzungen. Die Idee, dass ein frisches KI-Werkzeug all die mühsamen Prozessfragen und Daten(qualitäts)-Probleme elegant umgeht und uns direkt ins digitale Paradies katapultiert. Und dann sind da die anderen. Die Nachbarstadt. Der Landkreis nebenan. Die Kollegin, die auf der SCCON stolz verkündet, auf der Bühne (!), dass bei ihnen (!) KI längst Standard (!) ist. Wer möchte da schon der Letzte sein, der immer noch auf einem Knopf herumlutscht?
Also kaufen wir Tools. Nicht, weil Prozesse reif wären. Sondern weil es sich nach Fortschritt anfühlt. Und weil es so viel leichter ist, ein neues System anzuschaffen, als alte Abläufe und Zuständigkeiten kritisch anzusehen. Unter dem glänzenden KI-Konfetti rascheln weiter die Papierprozesse aus dem letzten Jahrtausend. Aber immerhin glitzert es.
Doch Technik ohne Sinn, ohne Prozesse und ohne Kultur – SPOILER: das ist auch in Zeiten von KI so – bleibt am Ende nur eins: ein teures Spielzeug mit Verfallsdatum. Wir verwechseln den Einsatz von KI-Tools mit echter Transformation.
Kompass statt Gießkanne
Und so wird die Süßigkeitentüte prall gefüllt, während wir uns fragen, warum wir nicht wirklich satt werden. Eine gute KI-Strategie weiß die Antwort hierauf. Sie setzt nicht auf „noch ein Tool oben drauf“, sondern auf Richtung, Reife und echte Befähigung. Kompass statt Gießkanne. Kompetenz statt Konsum. Menschliche Gestaltung statt reflexartigem Draufloskaufen. Die entscheidenden Fragen lauten nicht: Welches Tool ist gerade in der Nachbarkommune im Roll-Out? Sondern: Was ist unser Problem? Welche Wirkung entsteht für Bürgerinnen und Bürger? Was können wir weglassen? Und wer übernimmt die Verantwortung, gerade wenn die Demo vorbei ist?
Die süße Verlockung wird bleiben, doch wer souverän bleiben will, trifft Entscheidungen nicht im Zuckerrausch, sondern strategisch.
Manchmal heißt Fortschritt eben nicht mehr zu kaufen, sondern mutig „Nein“ zu sagen. Ein akuter Tool-FOMO-Schub lässt sich übrigens ganz gut behandeln: Erst denken, dann testen, weniger konsumieren, mehr befähigen, Prozesse checken. Taschengeldzählen, so wie früher, übrigens auch. Um dann hin und wieder feststellen, dass das beste neue Werkzeug genau das ist, das wir längst haben, aber richtig eingesetzt.
Stand: 08.12.2025
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KI ist gekommen, um zu bleiben. FOMO sollten wir jedoch an uns vorüberziehen lassen. Denn digitale Reife zeigt sich nicht darin, wie viele KI-Tools wir im Kaufrausch anschaffen. Die süße Verlockung wird bleiben, doch wer souverän bleiben will, trifft Entscheidungen nicht im Zuckerrausch, sondern strategisch. Gerade in Zeiten knapper Kassen.
Und vor dem Hintergrund der immensen Herausforderungen wie dem Fachkräftemangel & Co. sowieso. Denn noch ein KI-Tool, und noch eins, das allein wird uns hierbei nicht helfen. Manchmal ist das größte Zeichen von Fortschritt, die Süßigkeiten nicht gleich zu essen, sondern erstmal zu überlegen, was uns wirklich gut tut. Und vorher die Hausaufgaben zu machen.
Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves ist Informatikprofessor und Politikwissenschaftler, leitet die Arbeitsgruppe „Digitale Transformation öffentlicher Dienste“ an der Universität Bremen und berichtet in der wissenschaftlichen Kolumne über diverse aktuelle Forschungsergebnisse zur digitalen Verwaltung.