Kolumne Sei kein KI-Grüßonkel!

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves 4 min Lesedauer

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… oder -tante. Denn wer bei der digitalen und KI-Transformation eine aktive Rolle spielen will, muss sich frühzeitig einschlägiges Wissen aneignen. Professor Niehaves zeigt, dass Kompetenzen nicht nur bessere Entscheidungen ermöglichen, sondern die entscheidende Basis für echtes Commitment darstellen.

Effizienz durch strategische und kompetente Vorbereitung.(©  ALEXSTUDIO - stock.adobe.com / KI-generiert)
Effizienz durch strategische und kompetente Vorbereitung.
(© ALEXSTUDIO - stock.adobe.com / KI-generiert)

Kein Witz. Es ist gut zehn Jahre her. Ich sitze mit einem Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt in einer Pressekonferenz. Als externer Wissenschaftler – darauf bestehe ich. Denn: Er wurde gefragt, wie es um das Thema Smart City in seiner Stadt stünde. In weltmännischer Manier lehnte er sich entspannt zurück, gönnte sich ein paar Sekunden Pause und antwortete voller Selbstbewusstsein: „Sehr, sehr gut. Wir haben gerade unsere neue Webseite online gestellt.“ Die Presse-Menschen haben sich erst verdutzt angeschaut, es gab einen Moment der Stille, und dann eben lautes Gelächter. Seitdem, wenn man sich die einschlägigen Smart City-Rankings deutscher Großstädte anschaut, steht diese besagte Kommune immer auf den hintersten Plätzen. Und das, soweit kenne ich diese Großstadt gut genug, hätte nicht so kommen müssen.

Eine Frage der Kompetenz

Die besagte Pressekonferenz hatte mir tatsächlich die Augen geöffnet in Bezug auf ein sehr wichtiges Detail der digitalen Transformation öffentlicher Institutionen: die verschiedenen Funktionen von Kompetenz.

  • Ganz klar: Kompetente Menschen treffen (potenziell) bessere Entscheidungen. Eine solide Kenntnis der Sachlage, wichtiger Trends und einschlägiger ­Herausforderungen hat auch im Rahmen der digitalen Transformation unserer Verwaltungen noch nie geschadet. Ganz im Gegenteil!
  • Der gerade mit Blick auf die Pressekonferenz noch viel wichtigere Aspekt ist jedoch, dass nur ­digital-kompetente Menschen wirklich Kapital aus den digitalen Initiativen, die sie verantworten sollen, schlagen können. Man muss mindestens (!) in der Lage sein, Fragen in einer Pressekonferenz zu beantworten oder auch einmal vor allen Mitarbeitenden die geplanten smarten Initiativen zu rechtfertigen. Denn das Geschäft als Führungskraft in Politik oder Verwaltung ist zu riskant, um sich auf Themen einzulassen, für die man nicht im Ansatz kompetent ist. Und ohne genau diese Kompetenz wird sich kaum eine politische Führungskraft wirklich für das Thema Digitalisierung und Smart City stark machen. Ein solcher Fail, wie der des Oberbürgermeisters in der besagten Pressekonferenz, lässt sich in Bezug auf das Fach­thema kaum heilen. Das Resultat: Schein-Commitment.

Wenn wir also zum Beispiel im Rahmen der Entwicklung digitaler Strategien für smarte Städte und smarte Regionen immer – im Sinne von wirklich immer – eine Kompetenzinitiative auch für die Politik und Führungskräfte in der Verwaltung vorwegschalten, dann hat dies genau den Grund, dass wir den verantwortlichen Akteuren und Führungskräften die Möglichkeit geben wollen, Sicherheit in ­Digitalthemen zu erlangen, um diese wirklich auch vertreten und damit zum Teil ihrer Agenda machen zu können.

Dabei ist eben auch das Timing sehr wichtig. Kompetenzentwicklung für Führungskräfte in Politik und Verwaltung muss vor (!) dem eigentlichen Start erfolgen, denn auch die Planungen wollen kompetent vertreten werden und bieten genügend Potenzial, sie mit der eigenen Agenda zu verknüpfen. Aber eben nur bei hinreichender Kompetenz. Daher: vor die Lage kommen!

Nicht nur winken, sondern machen

So, und jetzt zur KI: Künstliche ­Intelligenz ist zweifellos ein zentra­ler Baustein der digitalen Transformation öffentlicher Verwaltungen. Mit der zunehmenden Wichtigkeit des Themas haben wir jetzt (noch) die Chance, Führungskräfte in Politik und Verwaltung kompetent zu machen, bevor es in der Praxis der meisten deutschen Kommunen so richtig losgeht. Vorher. Und leider passiert hier mit Blick auf Kompetenzentwicklung noch nicht wirklich viel. Auch wenn ich bei manchen Führungskräften wirklich überrascht bin, wie exzellent sie sich im Bereich KI auskennen (Grüße gehen raus!), bleiben diese wenigen guten Beispiele und Best Practices bislang leider noch die Ausnahmen. Gerade mit Blick auf die anstehende KI-Transformation der Verwaltung braucht es Kompetenz in Breite – und es braucht sie jetzt!

Und jetzt an all die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger deutscher Politik und Verwaltung da draußen … Seien Sie kein Grüßonkel und keine Grüßtante! Es geht nicht nur darum, bei der digitalen und KI-Transformation dabei zu sein und freundlich zu winken. Wer frühzeitig Kompetenz aufbaut, hat die Chance, diese Themen nicht nur zu verstehen, sondern sie auch aktiv für die eigene Agenda zu nutzen. Denn wer die digitale Zukunft wirklich gestaltet, gewinnt auch den Gestaltungsspielraum für seine eigenen Ideen.

Also, machen Sie kompetent mit, übernehmen Sie kompetent Verantwortung, nutzen Sie die Chance – und das Ganze gern mit einem Lächeln, aber eben nicht nur zum Grüßen!

Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves
ist Informatikprofessor und Politikwissenschaftler, leitet die Arbeitsgruppe „Digitale Transformation öffentlicher Dienste“ an der Universität Bremen und berichtet in der wissenschaftlichen Kolumne über diverse aktuelle Forschungsergebnisse zur digitalen Verwaltung.

Linkedin:
linkedin.com/in/niehaves


Bildquelle: Björn Niehaves

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