Der NEGZ-Arbeitskreis „Diversity“ setzt sich für eine inklusive und zukunftsfähige Verwaltung ein. Wir haben mit Mathilde Berhault, Jana Janze, Katrin Kirchert, Helena Klöhr, Magdalena Konieczek-Woger und Andreas Krüger über den Status quo in der Verwaltung und die konkreten Ziele ihres Arbeitskreises gesprochen.
Die Sprecherinnen und Sprecher des Diversity-Arbeitskreises (v. l.): Katrin Kirchert, Jana Janze, Helena Klöhr, Mathilde Berhault, Andreas Krüger und Magdalena Konieczek-Woger.
(Bild: Jana Janze)
Vielfalt und Inklusion sollten eigentlich selbstverständlich sein. Wie sieht der Status quo in den öffentlichen Verwaltungen aus?
Konieczek-Woger: Vielfalt ist in vielen Verwaltungen noch kein gelebter Standard. Häufig wird sie auf das Thema Geschlecht reduziert. Andere Dimensionen wie Alter, ethnische oder soziale Herkunft, Behinderung, sexuelle Orientierung oder Neurodiversität finden deutlich weniger Beachtung. Dadurch bleiben Maßnahmen punktuell und adressieren nicht das volle Spektrum gesellschaftlicher Vielfalt. Dabei spielt eine Rolle, dass viele der genannten weiteren Dimensionen von Diversität eher versteckt bzw. sensibel sind und nicht einfach abgefragt werden dürfen. Das erschwert nicht nur fundierte Analysen, sondern auch gezielte Maßnahmen. In Bewerbungsprozessen wirken oft absolut menschliche, unbewusste Vorannahmen (Biases), zum Beispiel zu Namen, Herkunft, Brüchen im Lebenslauf oder Sprache. Neurodivergente Perspektiven bleiben oft unsichtbar oder werden eher nicht thematisiert, obwohl sie wertvolle Impulse für moderne Arbeitswelten liefern können. Zudem sind Verwaltungen häufig traditionell organisiert, mit wenig Raum für unkonventionelle Lebensläufe. So stimmt es natürlich oft, wenn man von Fachkräftemangel spricht – aber meist, weil man dabei nur die ideal passende Mitte der Normalverteilungskurve betrachtet. Links und rechts davon gibt es aber zahlreiche Kandidatinnen, die genauso passfähig wären für die Vielzahl der unbesetzten Stellen.
Berhault: Es gibt aber auch positive Entwicklungen. Einige Verwaltungen, wie das BMFSFJ oder die Stadt Freiburg, verfolgen bereits Diversitätsstrategien. Eine Studie von Deloitte und der Hertie School von 2024 zeigt: Der Wille zur Veränderung ist vielerorts vorhanden. Es fehlt jedoch oft an Ressourcen, Know-how und klaren Zuständigkeiten. Gleichzeitig wird eins deutlich: Dort, wo Maßnahmen wie Quoten eingeführt wurden, zeigen sich bereits spürbare Fortschritte. Diversität lässt sich gestalten – wenn man es ernst meint.
Was muss sich strukturell und kulturell verändern, damit Diversität in der Verwaltung nicht nur Anspruch, sondern gelebte Praxis wird?
Kirchert: Diversität in der öffentlichen Verwaltung ist kein neues Thema – aber eines, das zunehmend an Bedeutung gewinnt. Angesichts des demografischen Wandels, des Fachkräftemangels und des Ziels gesellschaftlicher Repräsentation wird aus unserer Sicht sehr deutlich, dass Vielfalt nicht nur eine Frage von Gerechtigkeit ist, sondern von Zukunftsfähigkeit. Gleichzeitig erleben wir aber auch, dass Diskussionen um Diversität politisch aufgeladen sind. Teils drohen Rückschritte. Umso wichtiger ist es, faktenbasiert, pragmatisch und unaufgeregt voranzugehen. Trotz vieler Leitbilder und Bekenntnisse klaffen Anspruch und Realität oft weit auseinander. Strategien existieren auf dem Papier, dennoch sind marginalisierte Gruppen weiterhin unterrepräsentiert, weil Strukturen unverändert bleiben. Genau hier setzt unsere Arbeit im Arbeitskreis an. Wir wollen systematisch analysieren, wo die Lücken liegen – und gemeinsam mit der Praxis Lösungen entwickeln.
Der NEGZ-Arbeitskreis Diversity ist noch recht neu. Woran arbeitet Ihr konkret?
Krüger: Unser wesentliches Ziel ist es, Vielfalt in der öffentlichen Verwaltung zu fördern und zu einem festen Bestandteil allen Denkens und Handelns zu machen. Wir setzen uns dafür ein, die Bedeutung einer von Vielfalt geprägten Verwaltung hervorzuheben. Neben Dimensionen wie Geschlecht, Alter, Herkunft, sexuelle Orientierung, körperliche und/oder geistige Beeinträchtigungen betrachten wir auch Themen wie etwa Neurodiversität. Seit unserer Gründung Ende 2024 widmen wir uns aktuell in Untergruppen des Arbeitskreises verschiedenen Themenkomplexen zum Thema Diversität. Ziel unserer Arbeit im ersten Jahr ist es, uns einen Überblick zu verschaffen, wie es um Diversität in der Verwaltung steht und, basierend auf diesen Ergebnissen, Handlungsoptionen abzuleiten. Dazu werten wir unter anderem aus, welche Veranstaltungen und Netzwerke sich mit dem Thema befassen oder welche Studien und wissenschaftliche Beiträge es zur Diversität in der öffentlichen Verwaltung gibt.
Klöhr: Wichtig ist uns dabei vor allem unsere Arbeitsweise. Wir arbeiten kollaborativ, offen und partizipativ, mit einem Mix aus fachlichem Austausch, Erfahrungswissen und externem Input, etwa aus Wissenschaft, Praxis oder Zivilgesellschaft. Dabei verstehen wir Diversität nicht als Einzelthema, sondern als Querschnittsaufgabe. Sie muss mitgedacht werden, bei Digitalisierung, Personalgewinnung oder Innovationsprozessen. Der Arbeitskreis baut Brücken. Um diesen Anspruch einzulösen, ist uns auch der Austausch mit anderen Arbeitskreisen im NEGZ besonders wichtig. Ich glaube, dass Vielfalt ihre Wirkung vor allem dort entfaltet, wo sie in bestehende Themen integriert wird.
Stand: 08.12.2025
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Ihr seid also im Austausch mit anderen NEGZ-Arbeitskreisen. Was entsteht daraus?
Janze: Genau! Der Austausch mit anderen Arbeitskreisen ist für uns zentral, weil Diversität überall mitgedacht und mitgemacht werden sollte. Besonders eng vernetzt sind wir derzeit mit dem CDO-Zirkel und dem AK GovTech. Mit dem CDO-Zirkel arbeiten wir zum Beispiel an einer gemeinsamen Session, bei der wir diskutieren wollen, ob das „D“ in CDO nicht auch für Diversität stehen kann. Auch mit dem AK GovTech tauschen wir uns aus, etwa zu Fragen der inklusiven Technologieentwicklung oder der Zusammensetzung von Innovationsökosystemen. Dass daraus neue Perspektiven oder auch gemeinsame Formate entstehen, ist einfach toll. Außerdem entsteht das Bewusstsein auf allen Seiten, dass Diversität kein Zusatzthema ist, sondern ein Fundament für moderne Verwaltung. Wir wollen, dass Vielfalt nicht nur diskutiert, sondern sichtbar und strukturell verankert wird – in Projekten, Prozessen und Entscheidungsrunden.
Ihr plant eine Kurzstudie zum Thema Diversity. Worum geht es da genau?
Berhault: Wir haben uns zunächst für die Konzeption einer Kurzstudie beworben. Der Arbeitstitel lautet „Diversität in öffentlichen Organisationen – Repräsentation, Perspektiven und Impulse für die Verwaltungspraxis. Entwicklung eines Methodenkoffers am Beispiel des NEGZ“. Mit der Studie möchten wir Diversität in öffentlichen Organisationen sichtbar und messbar machen. Zudem wollen wir praxisnahe Impulse für Verwaltungshandeln ableiten. Im Zentrum steht die Frage, wie groß die Diskrepanz zwischen Selbstbild und Fremdbild im Hinblick auf Diversität ist. Also: Wie wird Diversität intern verstanden und gelebt – und wie zeigt sie sich nach außen? Vorgesehen ist ein Mixed-Methods-Ansatz. Wir wollen sowohl quantitative Umfragen als auch qualitative Auswertungen – etwa von Webseiten, Arbeitsgruppen und Gremienzusammensetzungen – kombinieren. Das Ziel ist ein übertragbarer Methodenkoffer, der andere Verwaltungen dabei unterstützt, Diversität systematisch zu erfassen, kritisch zu reflektieren und langfristig zu verankern. Geplant sind drei Bausteine. Das umfasst ein wissenschaftlich fundiertes Gutachten mit konkreten Empfehlungen, einen Methodenkoffer als praktisches Werkzeug und ein öffentliches Online-Event zur Vorstellung der Ergebnisse. Noch ist die Studie nicht bewilligt, aber wir hoffen sehr, dass wir sie umsetzen dürfen. Sie wäre ein wichtiger Schritt, um Diversität im öffentlichen Sektor datenbasiert und strukturiert voranzubringen.
Wie soll der Diversity-Gedanke aus dem Arbeitskreis heraus in die Verwaltungen getragen werden?
Krüger: Unser Ziel ist es, konkrete Impulse in die Verwaltung zu tragen, nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch. Dafür entwickeln wir zum Beispiel Workshops und Impulspapiere, mit denen wir Wissen vermitteln, Debatten anstoßen und Organisationen zur Selbstreflexion anregen. Wir sind bei Veranstaltungen wie der Smart Country Convention oder dem Thüringer E-Government Kongress vertreten, um dort unsere Perspektiven einzubringen. Parallel entstehen Handreichungen und Checklisten, die besonders in der Personal- und Organisationsentwicklung eingesetzt werden können. Die NEGZ-Studie ist dafür eine Möglichkeit. Ein weiterer Hebel ist die Einbindung von Multiplikatorinnen, wie Chief Digital Officers, Gleichstellungsbeauftragte oder Personalverantwortliche. Um unsere Inhalte noch sichtbarer zu machen, nutzen wir Linkedin aktiv. Außerdem denken wir aktuell über neue Formate wie einen Podcast nach, um Stimmen aus der Praxis zu verstärken.
Gibt es Best Practices, die als Vorbild dienen können?
Klöhr: Ja, und das ist das Schöne, es bewegt sich gerade viel in ganz unterschiedlichen Bereichen und Projekten der öffentlichen Verwaltung. In einer unserer Untergruppe „Testimonials“ stellen wir auf dem NEGZ-Linkedin-Account regelmäßig inspirierende Personen und Beispiele vor. Zum Beispiel berichtet Laura Noelle Gassen von den Technischen Betrieben Leverkusen, wie sie neurodivergente Mitarbeitende bewusst als Ressource sieht – nicht als Ausnahmefall. Oder René Lindenberg aus Thüringen, der betont, wie wichtig es ist, alle Lebensentwürfe mitzudenken, um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben. Diese Stimmen zeigen, dass Vielfalt längst da ist – wir müssen sie nur sichtbar machen, ernst nehmen und stärken.
Können sich Interessierte hierbei oder beim Arbeitskreis Diversity noch beteiligen?
Janze: Ja, sehr gerne! Der Arbeitskreis Diversity ist offen für alle, die sich für mehr Vielfalt und Inklusion in der öffentlichen Verwaltung engagieren möchten, egal ob aus Verwaltung, Wissenschaft, Zivilgesellschaft oder Unternehmen. Eine Beteiligung ist auf vielfältige Weise möglich: durch aktive Mitarbeit in Formaten, Studien und Impulspapieren oder auch punktuell, etwa als Inputgeberin oder Teilnehmerin an Workshops.
Konieczek-Woger: Wir freuen uns immer über neue Perspektiven – genau das macht Diversität doch aus. Wer Interesse hat, kann sich einfach über die NEGZ-Webseite oder direkt per Mail an ak-diversity@negz.org melden. Vielfalt lebt vom Mitmachen!