Kaum ein Thema scheint besser geeignet, die Rückständigkeit des deutschen Bildungssystems und die Behäbigkeit seines Personals aufzuzeigen als das Thema Digitalisierung. Denn diese hat es schwer in deutschen Schulen.
Der Autor, Rainer Ammel, ist Mathematiklehrer, Schulpsychologe, Sachbuchautor und Entwickler der Mathematiklernplattform „Mathegym.de“.
(Bild: Rainer Ammel)
Wie kann es sein, fragt man sich als normaler Arbeitnehmer, Selbstständiger oder Unternehmer, dass die meisten Lehrer noch immer die Kreidetafel dem Tablet vorziehen? Wie ist es möglich, dass viele Schulen zu Beginn der Schulschließungen im März wochenlang nicht mehr zu bieten hatten als – wenn überhaupt – Arbeitsblätter per eMail herauszugeben mit der herzlichen Empfehlung an die Eltern, doch bitte solange als Hilfslehrer zu agieren und die Bearbeitung der Blätter zu überwachen? Und auf welchem Planeten leben Schulverantwortliche, die nach den vorläufigen Lockerungen der Pandemie-Maßnahmen für das nächste Schuljahr von normalem Präsenzunterricht ausgehen und es nicht für nötig befinden, den kleinen, durch Corona erzwungenen Digitalisierungsfortschritt weiter auszubauen?
Ich bin Mathematiklehrer und betreibe die kommerzielle Mathematik-Lernplattform mathegym.de, bei der bislang über 400 Schulen und über 100.000 Schüler in Deutschland, Österreich und der Schweiz registriert sind. In den fast 15 Jahren, die ich mittlerweile als Unternehmer mit dem Thema „Digitalisierung an Schulen“ zu tun habe, sind mir viele Lehrer, Direktoren und Elternvertreter begegnet, die sich engagiert dafür einsetzen, ihren Schülern ein attraktives eLearning-Angebot bereitzustellen – und das lange vor Corona. Sind das nur positive Ausnahmen in einem ansonsten ziemlich verschlafenen Schulsystem?
Als im März die Schulschließungen über unser Land hereinbrachen, konnte ich in meinem lokalen Umkreis feststellen, dass Schulen damit sehr unterschiedlich umgingen. Die einen reagierten schnell und nutzten alle Ressourcen, die zur Verfügung standen, unter anderem Angebote wie MS Teams, das den einfachen Austausch von Dokumenten zwischen Lehrern und Schülern, aber auch Videochats in größeren Gruppen ermöglicht. Hilfreich war dabei die Lockerung von Datenschutzbestimmungen in einigen Bundesländern, die den Gebrauch solcher Software erst ermöglichte.
Anderen Schulen schien ein flexibles Eingehen auf die besondere Situation dagegen sehr schwer zu fallen. Sie leisteten kaum mehr als Dienst nach Vorschrift und verwiesen bei allen Beschwerden von Eltern auf die Beschränkungen, denen man nun mal unterliege, wie Datenschutz und zeitliche Ressourcen der Lehrkräfte.
Als Anbieter von Lernsoftware kenne ich diese und andere „Hinderungsgründe“ natürlich zur Genüge. Ich halte sie für entscheidende Bremsen beim Ausbau der Digitalisierung an Schulen. Im Folgenden werde ich sie näher beleuchten und – auch aus meiner Sicht als Lehrer – hinterfragen.
Kein Interesse an eLearning seitens der LehrerInnen?
Oft wird es in den Medien so dargestellt – zu Unrecht! Sehr viele meiner KollegInnen stehen digitalen Unterrichtsmedien sehr offen gegenüber und wissen deren Vorteile für ihren Unterricht gut zu nutzen. Auch ist es keine Frage des Alters, ob Lehrer sich interessiert zeigen und die Digitalisierung an ihrer Schule mitgestalten. Auf der anderen Seite gibt es aber natürlich auch die Gruppe der Lehrkräfte, für die Laptop, Tablet oder Handy im Unterricht nichts zu suchen haben. KollegInnen, die am liebsten bis zum Ende Ihrer Beamtenlaufbahn das Stück Kreide in der Hand behalten würden. Aber nach meiner Beobachtung geht von dieser Gruppe keine entscheidende Bremskraft aus. Es sind unauffälligere, aber umso mächtigere Hemmmechanismen, die ich seit vielen Jahren beobachte.
Hamsterrad Schule
Nicht nur Schüler, auch viele ihre Lehrkräfte erleben den Schulalltag als Hamsterrad, das lediglich in den Ferien, und selbst da nie ganz – zum Stillstand kommt. Immer steht eine Aufgabe an, die dringend zu erledigen ist: Vorbereitung auf die morgigen Unterrichtsstunden, Korrektur der Klassenarbeiten bis Ende dieser Woche, Sprechstundentermine, Noten und Mitarbeit bis übermorgen ins Verwaltungsprogramm eintragen, Protokoll der Klassen- oder Lehrerkonferenz abgeben, Inklusionsberichte schreiben und so fort. Nach Aussage vieler älterer LehrerInnen hat die Arbeitsbelastung im Laufe der letzten drei Jahrzehnte deutlich zugenommen, wurden Lehrer mit immer mehr Zusatzaufgaben belastet. Und jetzt also auch noch Digitalisierung! Das bedeutet Digitalisierungskonzepte erarbeiten, zusätzliche Schulungen im Wochenplan unterbringen, Einarbeitung in neue Programme etc. Die Bereitschaft von Lehrern, an einem fächerübergreifenden Gesamtkonzept für die Digitalisierung aktiv mitzuwirken, gemeinsam mit Kollegen Lernsoftware zu testen und Erfahrungen auszutauschen scheitert selten am fehlenden Willen oder am mangelnden Interesse, sondern an der Tatsache, eh schon an der Belastungsgrenze zu arbeiten.
Stand: 08.12.2025
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Was dabei leider oft vergessen wird: Die Einführung digitaler Lernmedien kann als Investition betrachtet werden, die auf lange Sicht viel Zeiteinsparungen im Schulalltag mit sich bringt. Eine Content-basierte Lernplattform etwa stellt den Schülern bestens aufbereitete Inhalte zur Verfügung und entlastet Lehrkräfte dabei, selbst zusätzliche Übungsmaterialien zu erstellen.
Schulen und ihr mageres Taschengeld
Zu Beginn der Schulschließungen kamen viele Schulen auf uns zu und nutzten unser kostenloses Corona-Unterstützungsangebot bis Ende dieses Schuljahres. Die meisten dieser Schulen kamen dabei auf den Geschmack und werden unsere Plattform auch künftig – kostenpflichtig – weiterverwenden. Bei einigen Kunden dagegen waren wir überrascht, dass sie sich trotz guter Nutzungszahlen gegen eine Fortführung entschieden. Auf Nachfrage erwies sich meist die Lizenzgebühr von 490 Euro pro Jahr (für die gesamte Schule!) als einziger Hinderungsgrund.
Sicher, auch Schulen müssen darauf achten, dass ihre Kosten im Rahmen bleiben. Wenn aber Beträge von 500 Euro für Lernsoftware ein Problem für Schulen darstellen, andererseits der Laserdrucker mehrmals im Jahr für diesen Betrag selbstverständlich aufgefüllt wird, sollte man vielleicht doch mal über eine ordentliche „Taschengelderhöhung“ oder über eine flexiblere Entscheidungsfreiheit in der Finanzadministration nachdenken. Es kann doch nicht sein, dass der Staat im Rahmen des Digitalpakts Milliarden für Hardwareausrüstung an Schulen springen lässt, für die Anschaffung von geeigneter Lernsoftware nach Aussage vieler Schulen dagegen keine Mittel zur Verfügung stehen. Ob diese Gelder tatsächlich fehlen, aus Unkenntnis von vielen Schulen nicht abgerufen werden oder die Beantragungszeiten zu lang sind ist dabei fast egal. Ein Lernprogramm, das von Hunderten Schülern jährlich regelmäßig genutzt wird, im Rahmen des Unterrichts wie auch zu Hause als jederzeit abrufbare Nachhilfe, darf einfach nicht an einer 500-Euro-Barriere scheitern! Wir sprechen hier von weniger als 2 Euro pro Schüler pro Jahr für qualifiziertes Training.
Datenschutzhysterie
So sorglos, wie viele Schüler und ihre Eltern im privaten Bereich persönliche Daten über Social Media preisgeben, so übertrieben stellt sich der Datenschutz im Schulbereich dar. Wir Anbieter müssen mit unseren Programmen so viele und zum Teil nicht nachvollziehbare Datenschutz-Auflagen erfüllen, dass es kaum möglich ist, praktikable Programme anzubieten, ohne im datenschutzrechtlichen Graubereich unterwegs zu sein. Viele der Gesetze und daraus abgeleiteten Verordnungen passen sich einfach nicht schnell genug an den technischen Entwicklungen des Internets an. Viele Experten sind sich einig darin, dass hier, um den Fortschritt nicht zu hemmen, ein krasser Schnitt gemacht werden müsste. Eine Neukonzeption des schulischen Datenschutzes, der den Anbietern von Lernsoftware den Zugang zu den Schulen erleichtert und Schulleitern und Lehrern ermöglicht, solche Produkte auch zu nutzen, ohne sich dabei mit einem Bein im Gefängnis zu wähnen.
Aber so schnell wird dieser Schnitt wohl nicht kommen, und so liegt es vorläufig an den Datenschutzbeauftragten der Schulen, die vorliegenden Gesetze und Verordnungen verhältnismäßig anzuwenden. Leider können das nicht alle. Man sollte sich im Klaren darüber sein, dass die Verhinderung einer bewährten Lernplattform an einer Schule durch eine zu enge oder falsche Interpretation einer Datenschutzvorschrift auch Schaden anrichten kann. Als Datenschutzbeauftragter wäre man also gut beraten, sich mit Absichten des Gesetzgebers zu befassen und die Gefahr in der Praxis verhältnismäßig zu bewerten.
Kollektivzwang
Schon häufiger bekamen wir Absagen mit der Begründung, einzelne Lehrer wären zwar interessiert, unsere Plattform einzusetzen, aber die Mehrheit der Mathelehrer hätte sich dagegen entschieden. Nicht, weil ein anderes Produkt besser wäre, sondern weil aus Sicht der meisten Lehrer kein Bedarf bestehe. Mal abgesehen davon, dass Schüler und Eltern natürlich von Haus aus Interesse an unterrichtsbegleitenden Hilfen haben und Lehrer diesen Bedarf vielleicht nicht immer ganz treffend einschätzen – mich wundert an dieser Argumentation etwas ganz anderes: warum wird über die Anschaffung einer Lernsoftware, die der freiwilligen Nutzung jedes einzelnen Lehrers überlassen bleibt, überhaupt abgestimmt? Bestehen Ängste, dass man früher oder später dann doch gezwungen ist, das Programm einzusetzen, weil andere Kollegen es tun und damit Begehrlichkeiten bei Schülern und Eltern wecken? Sehen einige Lehrer unterstützende Digitalmaßnahmen als Konkurrenz zur eigenen Arbeit? Ich halte diese Tendenz zu kollektiven Entscheidungen für eine der stärksten Bremsen beim Thema Digitalisierung.
Warum lässt man die Lehrer, die wollen und können, nicht einfach losmarschieren und lauscht ihren Erfahrungen? Wir haben die Erfahrung gemacht, dass selbst an Schulen, an denen zunächst kein einziger Lehrer Interesse zeigte, die Elternvertretung aber in Eigenregie eine Schullizenz für unser Programm kaufte und verwaltete, bald immer mehr Lehrer freiwillig einstiegen und die Vorteile für sich entdeckten.
Alles oder nichts?
Abschließend möchte ich klarstellen, dass digitale Bildung und analoger Unterricht, so wie wir ihn seit Jahrhunderten gewohnt sind, sich nicht ausschließen, sondern wunderbar ergänzen.
Die Situationen, in denen ich als Lehrer einen wirklichen Mehrwert durch den Einsatz von digitalen Endgeräten erhalte, sind rar. So wie Archimedes seine Kreise in den Sand zeichnete und darüber wunderbare Erkenntnisse gewann, kann ich im Unterricht nach wie vor meine Schüler über das gesprochene Wort, über Gesten und Mimik und den Anschrieb an der Tafel für mich und mein Fach gewinnen. Jedoch muss ich mein zunehmend heterogenes Publikum im einheitlichen Tempo unterrichten, wo der ein oder die andere auf der Strecke bleibt. Umso wichtiger sind Unterrichtsphasen des selbstgesteuerten Lernens, die sich mit digitalen Werkzeugen viel besser umsetzen lassen als mit analogen. So hilft uns die Digitalisierung an Schulen, ein Mehr an Verständnis, Motivation und Eigenverantwortlichkeit zu erzielen. Und – wie wir 2020 alle überrascht festgestellt haben: in Ausnahmesituationen kann man auch als Schule ganz schnell auf digitale Technik angewiesen sein, ohne die so gut wie nichts mehr funktioniert.
Das ist meine ganz persönliche Ansicht. Manche KollegInnen werden wesentlich intensiver auf digitales Lernen setzen, andere eher weniger. Solange wir mit einer gesunden, ausgewogenen Einstellung an die Thematik herangehen, vermeiden wir unnötige Reibereien und Blockaden. Niemand soll sich gezwungen fühlen, die Kreide abzugeben und ab jetzt nur noch Powerpoint-Präsentationen vorzutragen. Lasst uns die Schulen und Klassenzimmer schnell mit genügend Endgeräten und bewährter Lernsoftware ausstatten und geben wir damit den LehrerInnen, die dafür brennen, die Möglichkeit, ihre Ideen umzusetzen. Inspiration statt Zwang!