Als erstes Bundesland hat sich Schleswig-Holstein offen zu einer reinen Open-Source-Strategie bekannt. Im Interview äußert sich Dirk Schrödter, Minister für Digitalisierung und Medienpolitik und Chef der Staatskanzlei des Landes, zum Stand der Dinge.
Dirk Schrödter, Chef der Staatskanzlei sowie Minister für Digitalisierung und Medienpolitik in Schleswig-Holstein.
Mit der „Open Innovation und Open Source Strategie“ hat Schleswig-Holstein – das Ziel der digitalen Souveränität vor Augen – eine ambitionierte Reise angetreten. Was hat den Ausschlag dafür gegeben, diesen Weg zu gehen, und welche Hürden galt es zu nehmen?
Schrödter: Für uns war klar: Digitale Souveränität ist kein theoretisches Konzept, sondern eine konkrete Handlungsaufforderung. Wir wollen Einfluss haben auf die Betriebsprozesse unserer IT-Systeme und Herr über unsere Datenhaltung sein. Deshalb haben uns die Abhängigkeit von einzelnen, insbesondere monopolhaften Anbietern, die Risiken bei der IT- und Datensicherheit sowie die notwendigen Schritte zur Sicherung unserer Resilienz dazu bewogen, diesen Weg jetzt zu gehen. Wichtig war, dass wir eine breite politische und administrative Unterstützung aufgebaut haben. Ein Paradigmenwechsel gelingt nur, wenn die Verwaltung als Gestalterin digitaler Prozesse vorangeht und ernst genommen wird und alle Beteiligten frühzeitig eingebunden werden. Die Klarheit unserer Kommunikation, warum dieser Weg unausweichlich ist, hat geholfen, Verständnis und Akzeptanz zu schaffen. Wie richtig und wichtig es war, frühzeitig damit zu beginnen, sich aus Abhängigkeiten zu lösen, ist angesichts der geopolitischen Entwicklungen deutlich erkennbar.
Für uns war klar: Digitale Souveränität ist kein theoretisches Konzept, sondern eine konkrete Handlungsaufforderung.
Dirk Schrödter
Im Januar war der Roll-out von LibreOffice in den Ministerien abgeschlossen, und auch in der Landesverwaltung wurden rund 25.000 Arbeitsplätze mit der Lösung ausgestattet. Welche konkreten Lehren konnten Sie hinsichtlich der technischen Umsetzung und der Akzeptanz durch die User ziehen?
Schrödter: Bisher ist LibreOffice auf den Arbeitsplätzen der Landesverwaltung als Parallelinstallation zu Microsoft Office verfügbar. Dies wollen wir in den kommenden Monaten ändern und auf dem weit überwiegenden Teil der Arbeitsplätze ausschließlich mit LibreOffice arbeiten. Sowohl bei der technischen Umsetzung als auch bei der Akzeptanz haben wir wertvolle Erfahrungen gesammelt. Bei der technischen Umsetzung ist eine der größten Herausforderungen die Anpassung unterschiedlicher Fachverfahren in der Landesverwaltung, die Office-Schnittstellen besitzen. Beispielsweise wurde unser zentrales E-Akten-System dahingehend angepasst, dass es mit offenen Dateiformaten und LibreOffice funktioniert, ähnliche Anpassungsbedarfe sehen wir bei anderen Fachverfahren. Aber klar ist auch, wer als Fachverfahrenshersteller diesen Weg nicht mit uns gehen möchte, wird mittelfristig keine Zukunft in Schleswig-Holsteins Landesverwaltung haben. Ich freue mich auf einen neuen Wettbewerb. Andere technische Herausforderungen sind etwa die Anpassung von Dokumentenvorlagen und Makros in der herkömmlichen Tabellenkalkulation. Technisch sind alle Fragen lös- und überwindbar. Das ist doch eine tolle Nachricht. Gleiches gilt hinsichtlich der Akzeptanz der Mitarbeitenden. Hier geht es vor allem um Kommunikation, Transparenz und Unterstützungsangebote. Wir setzen insbesondere auf Einführungsunterstützung vor Ort in den Ministerien und umfangreiches Schulungsmaterial. Ich nutze Libre extrem gern. Natürlich geht es aber auch um das Fordern, dass sich in neue Systeme eingearbeitet wird.
Meine erste Interview-Anfrage wurde abgelehnt – nicht von Ihnen, sondern vom E-Mail-Server des Landes. Grund war die angekündigte Einführung der Groupware Open-Xchange. Wie ist der Umstieg – von der zu erwartenden Downtime mal abgesehen – verlaufen?
Schrödter: An diesem Tag wurde tatsächlich die gesamte Staatskanzlei Schleswig-Holstein mit allen Postfächern von der bisherigen Lösung Microsoft Exchange zu Open-Xchange umgestellt, nachdem einige Wochen zuvor bereits die Abteilung „Zentrales IT-Management“ erfolgreich umgestellt wurde. Dieser Migrationsprozess ist technisch und organisatorisch sehr herausfordernd, daher kam es auch für eine gewisse Zeit zu der von Ihnen genannten Downtime, aber wir waren ja erreichbar. Letztendlich hat die Migration gut funktioniert, alle Mitarbeitenden der Staatskanzlei waren nach kurzer Zeit wieder wie gewohnt per E-Mail zu erreichen und konnten ganz normal weiterarbeiten – nur eben mit der Web-Oberfläche von Open-Xchange und jetzt auch mit Thunderbird statt Exchange und Outlook. Kleinere Fehler, die bei der Umstellung aufgetreten sind, werden nun bearbeitet und wir planen, in den kommenden Monaten den Großteil der Landesverwaltung ebenfalls auf Open-Xchange zu migrieren. Die erfolgreiche Umstellung der Staatskanzlei ist ein echter Meilenstein auf unserem Weg zur digitalen Souveränität. Ich bin furchtbar stolz, dass uns das so gelungen ist. Das ist wirklich eine Revolution.
Die umgelenkten Kosten sind Investition in die Zukunft unseres Standorts, keine Budgetkürzung.
Dirk Schrödter
Um die Kontinuität von Open-Source-Projekten zu gewährleisten, will Schleswig-Holstein eingesparte Lizenzgebühren in Entwicklungs- und Supportaufträge umlenken – und dabei die hiesige Digitalwirtschaft einbinden. Welche Rolle kommt dem DigitalHub.SH dabei zu?
Schrödter: Wir nutzen unser öffentliches Budget strategisch, indem wir Programmieraufträge bei unserer heimischen Digitalwirtschaft finanzieren anstatt mit unseren Lizenzgebühren den technologischen Vorsprung, insbesondere außereuropäischer Anbieter zu bezahlen. So stärken wir den Digitalstandort Deutschland. Die öffentliche Verwaltung muss Ankerkunde werden. Der DigitalHub.SH ist für uns ebenfalls ein zentraler Partner, um die regionale Innovationskraft zu stärken. Über ihn wollen wir Open-Source-Kompetenzen gezielt in Schleswig-Holstein aufbauen und vernetzen – auch mit Start-ups, Mittelstand und Hochschulen. Die umgelenkten Kosten sind Investition in die Zukunft unseres Standorts, keine Budgetkürzung. Gemeinsam mit dem Hub schaffen wir Plattformen für Kooperation, fördern neue Geschäftsmodelle im Open-Source-Umfeld und tragen dazu bei, dass digitale Wertschöpfung in Schleswig-Holstein bleibt.
Stand: 08.12.2025
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Aber auch überregional stehen die Zeichen auf Kooperation und Unterstützung. Wie soll die Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) und anderen Bundesländern aussehen? Und wie lässt sich verhindern, dass jedes Land wieder seine eigenen Silostrukturen schafft?
Schrödter: Unser Ansatz ist klar: Zusammenarbeit statt Alleingänge. Mit dem ZenDiS und den Partnerländern stimmen wir uns eng ab, um gemeinsam Basisdienste und Open-Source-Lösungen zu entwickeln und weiterzuentwickeln. Durch offene Standards und gemeinsame Plattformansätze verhindern wir Insellösungen. Dabei ist Transparenz entscheidend: Wir legen Wert darauf, dass Entwicklungen modular, wiederverwendbar und skalierbar sind, damit jedes Land seine spezifischen Anforderungen einbringen kann, ohne eigene Parallelwelten zu schaffen.
Im Open-Source-Strategiepapier heißt es: „Die Zukunft der Verwaltung ist cloudifiziert, algorithmisiert, automatisiert und datenbasiert.“ Wie weit ist Schleswig-Holstein von dieser Zukunftsvision entfernt? Und woran wollen Sie den Erfolg Ihrer Open-Source-Strategie kurz- bis mittelfristig messen?
Schrödter: Wir haben die Richtung zum Erreichen dieses Ziels klar definiert und erste Meilensteine umgesetzt. Mit dem Aufbau einer bundesweiten souveränen Cloud-Infrastruktur und der Ablösung proprietärer Lösungen hier im Land sind wir auf einem guten Weg. Gleichzeitig setzen wir darauf, die Automatisierung von Verwaltungsprozessen, z. B. im Bereich der Anlagengenehmigung umzusetzen. Das gilt auch für den Auf- und Ausbau unserer Open-Data-Plattform und unseres Datenhauses Schleswig-Holstein, welche einen wesentlichen Kern unserer Datenökosysteme bilden. Diese Initiativen sind zwar komplex und erfordern einen langen Atem, aber wir kommen Schritt um Schritt voran. Den Erfolg unserer Aktivitäten messen wir an mehreren Kriterien: an der tatsächlichen Nutzung von Open-Source-Lösungen, an der Zufriedenheit der Mitarbeitenden, an der Resilienz unserer Systeme und an der Innovationskraft, die wir damit in der Verwaltung und der regionalen Wirtschaft erzeugen. Entscheidend ist, dass wir offen, adaptiv und lernbereit bleiben.