Anweisungen in natürlicher Sprache an eine KI, die anschließend eine Software erstellt: „Vibe-Coding“ verspricht Softwareentwicklung ohne Programmierkenntnisse. Bietet der Ansatz einen Nutzen für den öffentlichen Dienst – und welche Entwicklungen stehen uns bevor?
Vibe-Coding richtet sich in erster Linie an Menschen, die eine Software-Idee verwirklichen wollen, ohne auf Entwickler angewiesen zu sein.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)
Kurzfristig hat der Gesetzgeber eine Förderung beschlossen, um in einer vom Strukturwandel gebeutelten Branche das Wachstum anzukurbeln. Der internen IT-Abteilung bleiben nur wenige Wochen. Denn zum Jahreswechsel tritt das Gesetz in Kraft und die Förderanträge sollen auf einer neu einzurichtenden Seite im Webauftritt der Behörde bereitstehen.
Die Fachabteilung hat rasch ein Pflichtenheft entwickelt, die Spezifikationen liegen vor. Doch wie soll aus der Idee in überschaubar knapper Zeit eine Anwendung entstehen, vom Frontend am Browser bis zum Backend beim Sachbearbeiter, einschließlich durchgängiger Integration aller Prozesse und Sicherheit? Ein Mitarbeiter schlägt vor, es mit Vibe-Coding zu versuchen. Damit könnte er die Software entwickeln, ohne die überlastete IT-Abteilung bemühen zu müssen.
Soweit das Szenario, das manchem Behördenmitarbeiter bekannt vorkommen dürfte. Dass dabei ein Verfahren angewandt werden soll, das vor etwa einem Jahr noch gänzlich unbekannt war, dürfte allerdings neu sein. Den Begriff Vibe Coding brachte Andrej Karpathy, OpenAI-Mitgründer erstmals im Februar 2025 auf. Er brachte damit eine Idee in die Welt, die in Zeiten immer allgegenwärtiger werdender KI eigentlich auf der Hand liegt: Personen ohne Programmierkenntnisse sollen Full-Stack-Anwendungen mithilfe autonomer KI-Agenten erstellen und produktionsreif bereitstellen können.
Was über viele Jahrzehnte hochspezialisierten Entwicklern, die komplexe Programmiersprachen gelernt hatten, vorbehalten war, soll nun auch ohne Fachwissen, Tools und langen Entwicklungszeiten möglich sein: Die Entwicklung robuster, produktionsreifer Software-Lösungen. Autonome KI-Agenten kümmern sich um alle nötigen Schritte, vom Frontend-Design über die Backend-Infrastruktur bis hin zur Datenbankverwaltung, Authentifizierung und Skalierung, einschließlich der Sicherheit.
Diese Demokratisierung der Softwareentwicklung ermöglicht es Menschen, reale Probleme zu lösen, ohne Programmieren lernen zu müssen, teure Teams zu beauftragen oder darauf zu warten, dass die interne IT-Abteilung Zeit für die Aufgabe hat. Ob es sich um eine App zur Verwaltung von Rollstuhlbeständen, einen individuellen Tracker für das Schmerzmanagement oder ein Tool für die Analyse von Marketingkampagnen handelt – Nutzer können maßgeschneiderte, produktionsreife Lösungen zu einem Bruchteil der Kosten und Zeit entwickeln.
Was genau ist Vibe Coding – und wie unterscheidet es sich von anderen Ansätzen?
Vibe Coding ist ein Ansatz der Anwendungsentwicklung, der sich sowohl in seiner Philosophie als auch in seiner Umsetzung von traditionellem Coding und herkömmlichen No-Code/Low-Code-Plattformen unterscheidet.
Traditionelles Coding erfordert manuelle Eingaben von erfahrenen Entwicklern, während Low-Code-/No-Code-Plattformen Drag-and-Drop-Tools oder begrenzte Skriptoptionen bieten. Diese erfordern jedoch immer noch ein gewisses technisches Verständnis und schränken in der Regel die Komplexität der Anwendungen ein, die Benutzer erstellen können. Im Gegensatz dazu nutzt Vibe Coding agentenbasierte KI – autonome Agenten, die sich untereinander abstimmen, um Anwendungen von Anfang bis Ende zu erstellen, zu testen, bereitzustellen und zu verwalten.
Diese agentenorientierte Architektur macht Vorlagen oder die Überwachung durch Entwickler überflüssig. Der Benutzer interagiert mit dem System über natürliche Sprache oder intuitive visuelle Eingabeaufforderungen. Von dort aus übernehmen die Agenten – sie schreiben Code, verwalten die Infrastruktur, konfigurieren Datenbanken und skalieren die Anwendung nach Bedarf. Benutzer müssen sich nicht um Bereitstellungspipelines, Serverumgebungen oder Fehlerprotokolle kümmern – die Agenten übernehmen das alles.
Im Kern basiert Vibe Coding auf einer Multi-Agenten-KI-Architektur. Sie nutzt ein Netzwerk autonomer Agenten, die alle Phasen der App-Entwicklung abdecken – von der Interpretation der Idee über die Codegenerierung, das Testen und Debuggen bis hin zur Bereitstellung und Skalierung. Diese Agenten arbeiten ähnlich wie ein echtes Entwicklungsteam zusammen und sind dank integrierter Speicherfunktionen in der Lage, den Kontext über mehrere Sitzungen hinweg aufrechtzuerhalten.
Stand: 08.12.2025
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Vibe-Coding richtet sich in erster Linie an Nicht-Entwickler. Menschen, die eine Idee verwirklichen wollen, ohne auf Entwickler angewiesen zu sein. Diese „Citizen Developer“ verstehen das Problem, verfügen aber nicht über die technischen Fähigkeiten oder eine nötige Teamstärke, um die eigene Software zu entwickeln. Doch auch IT-Profis nutzen es als leistungsstarkes Werkzeug, um Prototypen schneller voranzutreiben, Routineaufgaben zu automatisieren oder funktionsübergreifende Teams für die interne Entwicklung zu organisieren.
Welche Architekturkomponenten sind am wichtigsten?
Eine agentenorientierte Vibe-Coding-Infrastruktur umfasst vier Kernkomponenten:
Autonome KI-Agenten: Sie ergänzen sich gegenseitig und sind für verschiedene Phasen des Erstellungsprozesses spezialisiert, vom Schreiben des Codes bis zum Debugging.
Orchestrierungsebene: Gewährleistet eine nahtlose Übergabe der Daten zwischen den Agenten unter Beibehaltung des Anwendungskontexts.
Maßgeschneiderte Bereitstellungs- und Sandboxing-Pipelines: Diese bieten sichere, skalierbare und schnelle Ausführungsumgebungen.
Langzeitgedächtnismodelle: Ermöglichen es den Agenten, die Entwicklung eines Projekts zu verstehen und die Kontinuität zwischen den Sitzungen aufrechtzuerhalten.
Wichtig ist, dass eine solche Architektur nicht nachträglich in bestehende Systeme integriert, sondern von Grund auf für die Unterstützung der agentenbasierten Entwicklung konzipiert wurde. Denn dadurch arbeitet sie schneller und zuverlässiger ist provisorische No-Code-Lösungen oder KI-Wrapper auf älteren Plattformen.
So hilft Vibe-Coding dem öffentlichen Dienst
Vibe Coding erleichtert die Modernisierung von Behörden und des öffentlichen Sektors. Dabei sind besonders vier Aspekte hervorzuheben. Zunächst kann der Ansatz helfen, manuelle Abläufe schnell zu digitalisieren. Nur zu oft arbeiten Behörden noch mit Tabellenkalkulationen, E-Mail-Ketten oder veralteter Software. Mit Vibe Coding entwickeln Mitarbeitende passgenaue Tools für ihre Abteilungen, ohne externe Entwicklerinnen und Entwickler zu benötigen.
Ein weiterer Aspekt sind bürgerfreundliche Anwendungen, grundsätzlich in recht kurzer Zeit. Agentenbasiertes Vibe-Coding ermöglicht die zügige Erstellung von Bürgerportalen, Formularsystemen und Service-Tools. Sie sind von Anfang an flexibel anpassbar und rechtskonform. Vibe-Coding kann auch die Mitarbeiter in den Fachabteilungen stärken, wie im Eingangsszenario erläutert. Mitarbeiter im öffentlichen Dienst kennen ihre täglichen Herausforderungen besser als zentrale IT-Teams.
Vibe Coding gibt ihnen die Mittel, diese Probleme eigenständig zu lösen. Innovationen können auch viel kosteneffizienter umgesetzt werden. Statt für jede kleine Anforderung ein Entwicklerteam oder teure Software einzukaufen, unterstützt Vibe Coding dabei, die Kosten zu senken und die Beschaffungszeit zu verkürzen.
Der Paradigmenwechsel in der Softwareentwicklung
Vibe-Coding markiert einen Paradigmenwechsel in der Softwareentwicklung: Es ermöglicht die Erstellung komplexer, produktionsreifer Anwendungen allein durch natürliche Spracheingaben, ohne Programmierkenntnisse. Der Ansatz basiert auf einer Multi-Agenten-KI-Architektur, die sämtliche Schritte von der Codegenerierung bis zur Bereitstellung autonom übernimmt.
Für den öffentlichen Dienst eröffnet dies enorme Chancen – von der schnellen Digitalisierung manueller Prozesse über die Entwicklung bürgerfreundlicher Anwendungen bis hin zur Stärkung der Fachabteilungen und Kostensenkung. Damit wird Softwareentwicklung demokratisiert und beschleunigt, was insbesondere in Zeiten knapper Ressourcen und hoher Innovationsanforderungen einen entscheidenden Vorteil darstellt.
Herr Jah, bei „Citizen Development“, ob mit Low Code oder KI, schwingt immer das Thema Schatten-IT mit. Wie können Behörden sicherstellen, dass Anforderungen wie Rechenschaftspflicht, Sicherheit und Datenschutz erfüllt werden?
Jah: Da Software zunehmend in die Produktion gelangt, gewinnen Sicherheit, Datenschutz und Privatsphäre zunehmend an Bedeutung. Plattformen wie die unsere hosten die Endanwendungen, daher nehmen wir dies äußerst ernst. Wir haben Sicherheitsmaßnahmen von Grund auf integriert. Die Anforderungen an eine App, die auf Emergent basiert, entsprechen denen von Emergent selbst. Wir hosten sie in ähnlichen Umgebungen mit Isolation, umfassendem Datenschutz und Transparenz.
Plattformen wie unsere müssen sicherstellen, dass Nutzer sich um diese Aspekte keine Sorgen machen müssen. Wir bleiben stets einen Schritt voraus und erfüllen die Best Practices für produktionsreife Anwendungen.
Mit unserem Einstieg in den Unternehmensbereich erhalten diese Themen noch mehr Gewicht. Wir arbeiten eng mit unseren Kunden zusammen, um zu definieren, wie weit die Rechte der Endnutzer gehen, wenn jeder in einer Organisation Software entwickeln kann. Sie benötigen eine private Bereitstellung innerhalb ihrer privaten Cloud sowie angemessene Kontrollen für den Datenzugriff, und wir konzentrieren uns darauf, sicherzustellen, dass diese Sicherheitsvorkehrungen vorhanden sind, damit Organisationen diese Tools frei einsetzen können. Prozesse wie Überprüfungen werden Teil des Systems sein, doch die grundlegenden Sicherheitsmaßnahmen stehen für uns an erster Stelle.
Wo liegen derzeit die Grenzen von Vibe Coding und welche Schritte in Richtung autonomer KI-Agenten erwarten Sie?
Jah: Wir stehen noch ganz am Anfang. Heute lassen sich komplexe Anwendungen wie Salesforce noch nicht entwickeln, dass die Leistungsgrenzen bis zum Jahresende deutlich höher liegen werden. Apps mit sehr hohem Datenaufkommen sind derzeit etwas schwieriger zu entwickeln – nicht unmöglich, aber sie erfordern mehr Ausdauer. Mit dem Wachstum der Plattform und den Fortschritten der KI werden diese Einschränkungen meiner Meinung nach sehr schnell verschwinden.
Wie tief lassen sich KI-gestützte Anwendungen in bestehende IT-Infrastrukturen und spezialisierte Abläufe integrieren?
Jah: Auch hier befinden wir uns noch in einer frühen Phase. Komplexe Anwendungen sind aktuell noch nicht realisierbar, aber bis zum Jahresende werden die Möglichkeiten erheblich zunehmen. Man wird in der Lage sein, deutlich anspruchsvollere Apps zu entwickeln. Derzeit stellen Apps mit hohem Datenverbrauch eine Herausforderung dar, doch mit der Weiterentwicklung der Plattform und der KI-Technologie werden diese Einschränkungen rasch verschwinden.
Der Autor Mukund Jha ist Mitgründer und CEO von Emergent. Er lebt in San Francisco, Kalifornien. Zuvor gründete und leitete er unter anderem die Task-Management und Logistik-Plattform Dunzo. Jha studierte Computerwissenschaften an der Columbia University, USA.