Kann Bayern an Skandinavien aufschließen? Trotz des zuletzt verzeichneten Digitalerfolgs im Bundesranking bleiben die Finnen wie viele andere nordische Staaten Vorbild. Bleibt die Frage: Weshalb ist Finnland bei der Verwaltungsdigitalisierung so erfolgreich?
Viele europäische Länder können aus den Best Practices des Nordens lernen, doch wie gut lassen sie sich auf deutsche Verhältnisse übertragen?
Skandinavische Strategien dienen häufig als Vorbild in Europa. Aufgrund ihrer Innovationskraft wird der Digitalisierungsfortschritt in Deutschland deshalb oft mit dem in den Nordstaaten verglichen – die digitale Dekade Finnlands ist das beste Beispiel. Im Bundesvergleich machte Bayern bei der Digitalisierung bereits einen deutlichen Sprung nach vorne. Auch Bayerns Digitalminister Dr. Fabian Mehring sieht den Freistaat ohne Zweifel in einer bundesweiten Vorreiterrolle. Doch am Anfang jeder Transformation steht die Kultur – und die ist in Bayern besonders speziell.
Der Weg von kultureller Offenheit zu digitalen Strategien
Viele Wege führen zum Erfolg. Oft ist es eine Frage der Effizienzabwägung. In Finnland funktioniert der menschenzentrierte Ansatz. Kann auch Bayern trotz einiger kultureller Eigenheiten einen solchen Ansatz verfolgen?
„In Finnland ziehen Behörden, Bürgerinnen und Bürger an einem Strang und digitale Angebote sind in den Alltag integriert“, teilte Dr. Marc Fuchs, CEO von Gofore, mit. Dort spricht man deshalb bereits vom „We-Government“. Fuchs erklärte dazu, dass man in Finnland bereits sehr früh erkannte, dass Digitalisierung mehr brauche als nur Technik. „Man ging von einem neuen Denkansatz aus, von gemeinsamen Visionen und dem Mut zur Veränderung“, sagte er bei einem Veranstaltungsvortrag im Sommer. Schließlich waren in Finnland bei einem Flächenland mit sieben Mio. Einwohnern die menschlichen Ressourcen begrenzt und die Notwendigkeit für Digitalisierung groß. Auch deshalb stand stets die Frage im Vordergrund, wie die Verwaltung für und mit Menschen funktionieren kann.
Eine Eigenheit Deutschlands ist das starre Denken zum Datenschutz, die Sorge um die Sicherheit personenbezogener Daten und wie diese gewahrt bleiben. Das kann – neben rechtlichen Hürden und Bürokratie – ein Grund für stockende Innovation und langsame Digitalisierung sein. Auch in manchen skandinavischen Ländern spielt der Datenschutz eine wichtige Rolle, jedoch ermöglichen sie gleichzeitig die Nutzung KI-gestützter Technik im öffentlichen Raum, wie etwa Bordkameras.
Für die Datenschutz-Kultur gilt: Jeder Dienst muss transparent gestaltet werden. Markus Metternich, Public Sector Lead bei Gofore, erklärte das wie folgt: „In Finnland ist der Datenschutz ebenso gültig und wichtig wie in Deutschland. Doch wenn Bürgerinnen und Bürger wissen, was mit ihren Daten geschieht, dann nehmen sie digitale Leistungen auch in Anspruch.“
Auf die Frage, was wir also von den Finnen lernen könnten, antwortete Metternich: „Mehr Mut zur Veränderung, mehr Vertrauen.“ In der Praxis heißt das: Mitarbeitende sollten offen für Neues sein, in Verwaltungen zu Tools geschult werden und konsequent aus der Perspektive der Bürger denken, indem die Digitalisierung zugänglich und verständlich wird – denn das schafft Vertrauen. Zudem seien klare gesetzliche Vorgaben erforderlich, beispielsweise durch das Bundesdigitalministerium.
Bayerische Herausforderungen sind auch deutsche Herausforderungen
Es sind nicht nur kulturelle und rechtliche Herausforderungen, sondern auch föderale Strukturen, die in Deutschland Digitalisierung prägen und hemmen. Doch föderale Strukturen können auch von Vorteil sein, meinte Markus Metternich, Public Sector Lead bei Gofore. Er sieht den Föderalismus auch als Möglichkeit und als Innovationsmotor und sagte: „Wettbewerbslösungen können vielleicht nicht auf Bundesebene in die Fläche getragen werden – aber auf Landesebene.“
Fortschritt? Ein Vergleich beider Länder
In Finnland gibt es schon länger ein zentrales Amt für Digitalisierung, ähnlich dem Bundesministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung. Das Amt für Digitalisierung und Bevölkerungsdaten (finnisch: DVV) entstand aus der Zusammenlegung verschiedener Registerbehörden. Denn auch dort erkannte man, dass es eine landesweite Organisation mit gebündelten Kompetenzen brauche, um allen Bürgerinnen und Bürgern dieselben digitalen Services zu bieten, ohne in jeder Kommune eigene Strukturen aufzubauen.
Neben einer Zentrale, die alles steuert, gibt es eine Nummer, die alles kann: der finnische persönliche Identitätscode. Im Vergleich zum Personalausweis in Deutschland weist der Identitätscode bereits viele praktische Vorteile auf, ähnlich der Sozialversicherungsnummer. Es ist eine Personenkennziffer, die ein Leben lang gilt und in allen öffentlichen und vielen privaten Systemen verwendet wird. Der Identitätscode wird im Bereich E-Government genutzt, beispielsweise für Steuererklärungen, Arztbesuche, Bankgeschäfte, Vertragsabschlüsse oder im Bildungswesen. Auch der Online-Ausweis mit der eID ist in dieser Hinsicht oft sehr nützlich, doch gibt es in Deutschland nur wenige Menschen, die ihn tatsächlich nutzen. Der Identitätscode ist öffentlich in vielen Registern (z. B. Handelsregister) zugänglich, was Effizienz, aber auch Datenschutzrisiken bedeutet. In Deutschland ist der Datenschutz restriktiver. Das führt zu weniger effizienten Vorgängen, aber zu einem höheren Schutz persönlicher Daten.
Stand: 08.12.2025
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Auf der transparenten Plattform Suomi können finnische Bürgerinnen und Bürger alle Daten nachverfolgen, einschließlich der Informationen, welche Daten von der Polizei abgerufen und wofür sie verwendet wurden.
Finnland ist im Vergleich ein relativ kleines und zentral organisiertes Land. Allein aufgrund föderalistischer Strukturen können nicht alle finnischen Lösungen hierzulande übertragen werden. Auch in Bayern können kommunale und staatliche Behörden nicht einfach fusionieren. Deshalb spielen Digitalisierung und Interoperabilität eine wichtige Rolle: Digitale Plattformen und standardisierte Prozesse vereinheitlichen und vereinfachen Dienstleistungen durch ihre virtuelle Zusammenlegung. Für alles Weitere, insbesondere bei kulturellen Eigenheiten, würden laut Fuchs Transparenz und Vertrauen gelten. Durch offene Kommunikation und die frühzeitige Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern würde in der Regel auch das Vertrauen in staatliches Handeln wachsen: „Die Bürger vertrauen ihrer Verwaltung dort, wo sie spüren, dass diese kompetent und hilfsbereit ist“, erklärte Fuchs. Und wenn Vertrauen fehlt, dann muss dies schrittweise aufgebaut werden, etwa durch Pilotprojekte, klare Kommunikation und sichere, stabile sowie zuverlässige Services.