Aus dem Rathaus

„Erst mal machen und notfalls entschuldigen“

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Für Schurr ist eine solche Fehlerkultur die Grundlage für kreatives, effizientes Arbeiten. Auch in den Kommunen sei es wichtig, Fehler machen zu dürfen und daraus zu lernen. Schurr: „Wenn Leben ein lebenslanges Lernen ist, und Lernen gleichzeitig Fehler machen ist, dann ist es klar, warum Rathäuser alle für tot gehalten werden, denn da werden keine Fehler gemacht.“

„Der Job muss Spaß ­machen“

Auch das Thema Mitarbeiterentwicklung liegt ihm am Herzen. Allerdings auch hier auf eine eher unkonventionelle Art. „Mein Ansatz ist zu sagen: Worauf habt ihr denn Bock? Was sind Eure Fähigkeiten?“, erklärt Schurr. „Es gibt Leute, die sind unheimlich kreativ, aber das hat ihnen noch nie jemand gesagt.“ Oder es gibt Mitarbeiter, die beispielsweise gut Events planen können, dies selbst aber noch gar nicht richtig gemerkt haben. Schurr: „Und dann sitzen die da ihr Leben lang und füllen Formulare aus und werden dann irgendwann depressiv oder kriegen Burnout, weil ihnen der Job keinen Spaß macht.“

Ein solcher Spaß am Job sowie die Möglichkeit, eigene Fähigkeiten und Fertigkeiten einzubringen, hat einen attraktiven Nebeneffekt: Die Mitarbeiter arbeiten effizienter. Denn der Fachkräftemangel ist auch in Spraitbach ein Thema. „Jetzt gehen die Boomer in Rente, und jetzt fliegt uns der ganze Laden um die Ohren, und zwar vom Allerfeinsten“, meint Schurr. „Während Corona hat man das nicht so gemerkt, da war viel geschlossen. Aber jetzt, wo alles wieder aufmacht, merken wir: Shit, uns fehlen hinten und vorn die Leute.“

Was in Spraitbach auch fehlt, ist ein eigener IT-ler. Die Gemeinde teilt sich einen externen Dienstleister mit den Nachbarorten, doch ist dieser hauptsächlich für die Betreuung der Grundschulen verantwortlich. Nur 0,2 Prozent der letzten Abrechnung entfielen auf die IT-Betreuung für das Spraitbacher Rathaus. „Ich fände gut, wenn wir einen hausinternen IT-ler hätten“, sagt Schurr, denn der Externe kommt nur bei Bedarf, ist nicht vor Ort und rechnet nach Stunden ab. Da macht Schurr lieber vieles selbst. Zum Beispiel hat er „stundenlang damit zugebracht, mich mit Fake-Accounts bei tausenden Projektmanagementtools anzumelden“. So konnte er verschiedene Lösungen testen. Die endgültige Installation auf dem Server übernahm dann aber die IT.

Infos zur Gemeinde Spraitbach

Spraitbach ist eine Gemeinde in Baden-Württemberg, die im Jahre 1296 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Der Ort liegt zwischen 420 und 540 Meter über dem Meeresspiegel. Nach Norden grenzt Spraitbach an den Ort Gschwend, nach Osten an Ruppertshofen, nach Süden an Durlangen und in westlicher Richtung an Alfdorf. Das Markungsgebiet umfasst 1.239 Hektar, davon 466,5 Hektar landwirtschaftliche Fläche, 596,5 Hektar Waldfläche und 7,3 Hektar Wasserfläche.
Spraitbach ist Mitglied im Gemeindeverwaltungsverband Schwäbischer Wald. Die Gemeinde hat rund 3.400 Einwohner.

www.spraitbach.de

„Uns fehlt der Blick von außen“

Schurr sieht aber auch den Vorteil eines externen IT-Dienstleisters, schließlich komme dadurch auch externes Know-how in die Verwaltung. „Uns fehlt oft der Blick von außen“, sagt er. Und mit „außen“ meint er nicht andere Verwaltungen, andere Kommunen, sondern andere Branchen. Konkret: die freie Wirtschaft. „Wir brauchen einen unvoreingenommenen Blick auf unsere Prozesse“, konkretisiert Schurr.

Und genau diese Prozesse sind es auch, die sich der Bürgermeister nun im Detail ansehen will. „Wir arbeiten im Großen und Ganzen noch mit Prozessen aus dem Mittelalter. Viele Prozesse müssten in Gänze mal überprüft werden – und zwar bevor man sie digitalisiert“, sagt er. Das Problem dabei sei, dass jeder Prozess, auch wenn er in sich abgeschlossen ist, Auswirkungen habe auf Anbindungen, Schnittstellen oder Weiterverarbeitungen.

„Wo bleibt unsere ­Dampfmaschine?“

An dieser Stelle kommt auch ein wenig Selbstkritik ins Spiel. So agil es auch war, Prozesse zügig und in Eigenregie zu verbessern – „ich hätte vorher vielleicht doch ein bisschen was konzipieren sollen, ich hätte mir ein bisschen mehr Zeit lassen sollen, mir diese Verwaltungsgeschichte anzuschauen“, sagt Schurr.

Daher möchte er nun all seine Verwaltungsprozesse offenlegen. Egal, ob es sich dabei um die Frage handelt, wie die Glückwunschschreiben zum 80-jährigen Bürger kommen oder was mit den Beschlüssen nach einer Sitzung passiert. „Ich würde gern alle Prozesse, die es im Rathaus gibt, vor mir sehen und verstehen. Damit ich einen nach dem anderen smart machen kann“, präzisiert Schurr. „Und wenn sie dann smart sind, dann digitalisieren.“

(©  Spraitbach)
(© Spraitbach)

Das wünscht er sich auch von der Landes- und Bundesregierung. Denn kein Unternehmen der Welt arbeite mit den immer gleichen Prozessen. „Wo bleibt unsere Dampfmaschine? Wo bleibt unser Fließband?“, fragt sich Schurr. „Auf die grundsätzliche Revolution warten wir seit 100 Jahren.“ Da sei vielleicht auch etwas schöpferische Zerstörung notwendig. „Es muss etwas kaputt gemacht werden, um etwas Besseres aufzubauen“, sagt Schurr. Oder anders gesagt: „Ich reiße meine alte Verwaltungsstruktur ein, um eine grundsätzlich neue aufzubauen. Anders kommen wir aus dem Bürokratieding nicht raus, wir drehen uns im Kreis. Wir haben genug Zeit verplempert!“ Und Schurr hat noch eine, gar nicht unbedingt unernst gemeinte Bitte Richtung Berlin: „Ich bin für ein Ministerium für Glücksangelegenheiten – mit ein paar Mitarbeitern, die nur dafür da sind, Fehler zu machen.“

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