Schluss mit dem Schneckentempo

Entscheidungsprozesse müssen digitalisiert und gestrafft werden

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Schluss mit abgeschotteten IT-Marktplätzen

Die Forderung nach einem zentralen Marktplatz findet in der GovTech Community breite Zustimmung. Verschiedene, wenn auch leider zerstreute Initiativen, wie DEUTSCHLAND.DIGITAL, strategischebeschaffung.NRW oder auch der Marktplatz der Zukunft unter Federführung des IT-Planungsrats, zeigen in Ansätzen, wie so ein offener Marktplatz funktionieren kann. Auch private Anbieter wie GovMind mit ihrer Plattform MIRA wollen mehr Markttransparenz schaffen und innovative Lösungen sichtbarer machen.

Der WEF beschreibt in seiner Fallstudie zu Deutschland die Vision eines zentralen GovTech-Marktplatzes interessanterweise als scheinbar etablierte Staatsdoktrin. Und doch: Im Koalitionsvertrag ist angekündigt, das Kaufhaus des Bundes zu einem digitalen Marktplatz für Bund, Länder und Kommunen auszubauen. Rahmenverträge und zentrale Einkaufsplattformen sollen konsolidiert und für alle Ebenen geöffnet werden. Ziel ist ein strategisch gesteuerter, IT-seitig gestärkter öffentlicher Einkauf, der weniger von Monopolen abhängt und neue Anbieter gezielt einbindet.

Björn Niehaves warnt jedoch davor, auf einen reinen nationalen Fokus zu setzen. Seine europaweite Studie zeigt, dass vielerorts vor allem die lokale Wirtschaftsförderung dominiert – seine Vision ist ein europäischer GovTech-Markt. Aus Sicht der meisten Start-ups und Investoren sicherlich die attraktivere Vorstellung, auch wenn die große Heterogenität des europäischen Rechtsraumes einer schnellen Skalierung im Wege steht.

Wir fordern: schafft faire Wettbewerbsbedingungen

Ein zentrales Problem im GovTech-Sektor ist der langwierige Verkaufsprozess: Über drei Viertel der befragten Startups in einer Umfrage von GovMind und dem InnoLab_bw aus dem Jahr 2022 empfinden die Zusammenarbeit mit öffentlichen Kunden als deutlich zeitintensiver als mit der Privatwirtschaft. Im Durchschnitt dauert ein solcher Prozess knapp neuneinhalb Monate – unabhängig davon, ob er über formale Ausschreibungen erfolgt oder nicht.

Der zentrale Bekanntmachungsservice für öffentliche Vergabeverfahren “oeffentlichevergabe.de” listet lediglich alle Aufträge mit einem Auftragsvolumen oberhalb der EU-Schwellenwerte. Laut Fortschrittsbericht zur Start-up Strategie der Ampelregierung wird dieser zunehmend auch für kleinere Vergabe verfahren genutzt, was jedoch nicht verpflichtend ist. Das bietet zwar etwas mehr Transparenz für Startups, verbessert an sich jedoch noch nicht den Zugang zu öffentlichen Aufträgen.

Veraltete Strukturen aufbrechen

Die Initiative für einen handlungsfähigen Staat nennt für die IT-Landschaft des Bundes eine schwindelerregende Zahl von über 10.000 Einzelbetriebslösungen. Die schwarz-rote Koalition greift diese Problematik im Koalitionsvertrag auf. Ziel ist es, Doppelstrukturen zu vermeiden und standardisierbare Aufgaben wie IT, Beschaffung oder Datenschutz in zentralen Serviceeinheiten zu bündeln. Der geplante Aufbau ressortübergreifender Strategien und interministerieller Teams nach dem „Whole of Government“-Ansatz soll dabei helfen, Silodenken zu überwinden und systemisch zu arbeiten.

In Deutschland dominieren öffentlich finanzierte IT-Dienstleister den Markt – 73 Prozent der Kommunen arbeiten laut BMWK-Studie von 2022 mit ihnen zusammen. Aufgrund ihrer Inhouse-Fähigkeit sind sie oft ohne Ausschreibungsverfahren direkt beauftragbar, wodurch echter Wettbewerb mit privaten Anbietern kaum stattfindet. Diese Anbieter agieren nicht nur als IT-Betreiber, sondern zunehmend auch als Beschaffungsdienstleister – inklusive Durchführung von Vergabeverfahren. Startups sehen sich dadurch in einer strukturell benachteiligten Position: In der Umfrage von GovMind und InnoLab_bw gaben 19 Prozent der GovTechs an, dass sie öffentliche IT-Dienstleister als ihre stärkste Konkurrenz empfinden.

Andreas Michel
ist Mitgründer und CEO von Locaboo. Er ist Experte für Innovationsmanagement und erfahrener Produktentwickler mit Stationen in diversen Technologieunternehmen.

Bildquelle: Locaboo

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