Kolumne Duzen Sie sich eigentlich mit Ihrem PC?

Von Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves 4 min Lesedauer

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Warum motzen 82 Prozent von uns mit ihrer Technik? Warum bekommen Staugsaugerroboter plötzlich Kosenamen? Professor Niehaves nimmt Sie mit in die Welt des Anthropomorphismus und erschreckt sich selbst davor, was dieser für Verwaltungs-Chatbots bedeuten kann.

Ein Großteil der Nutzer schimpft (laut) mit seinen elektronischen Geräten.(Bild:  naka – stock.adobe.com)
Ein Großteil der Nutzer schimpft (laut) mit seinen elektronischen Geräten.
(Bild: naka – stock.adobe.com)

„Chatty“ ist heute nicht gut drauf. Ist ja ganz normal, kann passieren. Da muss ich meine E-Mails wohl heute ganz allein schreiben... Was, Sie kennen Chatty nicht? ChatGPT. Oh, warum ich das ChatGPT „Chatty“ nenne? Weiß nicht, aber fragen wir doch ChatGPT selbst. Die Antwort lautet: „Du hast mir wahrscheinlich den Spitznamen Chatty gegeben, weil er gut zu meiner Funktion passt. Als Chatbot bin ich hier, um mit dir zu plaudern und Fragen zu beantworten. Es ist ein freundlicher und passender Name für jemanden, der dafür da ist, zu kommunizieren und zu helfen.“ Nice. Mein Computer hat Verständnis für mich!

Diese – natürlich total fiktive – Episode zeigt, wie wir Menschen Dinge, hier vor allem Technologie und Computer, vermenschlichen. „Anthropomorphismus“, so der wissenschaftliche Begriff hierfür, beschreibt die Tendenz von Menschen, Sachen menschliche Eigenschaften, Verhaltensweisen oder Erscheinungsformen zuzuschreiben. Ihnen Spitznamen zu geben, zum Beispiel. Oder damit klarzukommen, dass die Software heute „nicht gut drauf“ wäre. Oder zu glauben, dass Technologie „Verständnis für mich“ hätte und Empathie empfinden könnte. Nice, wenn’s so wäre. Ist es aber nicht.

Beim Technologie-Design wird ganz bewusst mit Anthropomorphismus gearbeitet, um die Beziehung zwischen Mensch und Maschine zu verbessern, die Bedienung intuitiver zu gestalten und die Akzeptanz und vor allem das Vertrauen der Benutzerinnen und Benutzer zu erhöhen. Vermenschlichung im Design hilft, technologische Systeme zugänglicher und benutzerfreundlicher zu machen, indem es eine vertraute und menschliche Note hinzufügt.

Auch neigen Menschen dazu, mehr Empathie gegenüber anthropomorphen Maschinen zu zeigen, was Motivation, Engagement und die emotionale Bindung gegenüber dem Gerät oder der Software verstärken kann. Nice. Aber nicht nur. Denn Anthropomorphismus kann leider auch zu unrealistischen Erwartungen, Missverständnissen und Fehlkommunikation führen. Grüße an Chatty gehen raus! Außerdem könnten menschähnliche Maschinen auch verstärkt zur Überwachung eingesetzt werden, was Datenschutzprobleme aufwirft. Nutzer könnten sich wohler fühlen, persönliche Informationen preiszugeben, was jedoch missbraucht werden könnte.

Apropos Siri ...

Apropos Siri. Dass Maschinen menschliche Namen haben (hier eine nordgermanische Nebenform von Sigrid), ist übrigens Teil des anthropomorphen Computer-Designs. Oder für die älteren Semester unter uns, kennen Sie noch Karl Klammer? Oh, der läuft heute noch auf Ihrem Bürorechner? Nice. Ach ja, und Humor, ein weiterer wichtiger Aspekt des Anthropomorphismus.

Haben Sie Siri mal gesagt: „Siri, sag mir was Schmutziges.“ Natürlich nicht. Ich auch nicht. Nie. Siris Antwort lautet übrigens: „Humus. Kompost. Dung. Schlamm.“ Nichts verbindet mehr, als wenn man zusammen lachen kann. Oder zusammen weinen. Unter dem Begriff „Affective Computing“ versucht man Computern beizubringen, menschliche Gefühle und Gedanken zu verstehen. Angst, Ärger, Freude, Trauer und so weiter. All das möchte der Computer verstehen, um noch menschlicher und noch empathischer mit Ihnen interagieren zu können.

Ich frage mich nur, ob der Self-Service-Terminal im Verwaltungsfoyer in eine echte techno-mentale Krise gestürzt werden könnte, wenn er die Traurigkeit in meinem Gesicht erkennt, angesichts der von ihm avisierten ewig langen Bearbeitungsdauer meines so simpel erscheinenden behördlichen Antrags. Und ob er das absichtlich macht, nur um mich zu ärgern, nur um sich an meinem Frust zu laben, nur um selbst etwas zu fühlen?! Denn, Sie merken es, richtig spannend wird der Anthropomorphismus, wenn er aus der Spur fliegt und die vom Hersteller sorgsam geplanten Bahnen verlässt.

Wenn Sie das ungute Gefühl beschleicht, Ihr eigener Arbeitsrechner würde Sie „hassen“. Oder wenn die Kollegin, die gerade mit einer komplexen Exceltabelle in fragiler Verknüpfung mit der Word-Serienbrieffunktion behördliche Bescheide erstellt, ihren Rechner mit „Du schaffst das!“ anfeuert. Oder die Bürger und Bürgerinnen dem städtischen Webseiten-Chatbot langsames Antworten unterstellen, weil er ja wohl auch ein „Beamter“ wäre. Oder die Technik nicht Alexa, sondern „Mausi“ genannt wird. Oder, um mal ins Heimische zu gehen, wenn Sie nie wieder ohne Ihren Staubsaugerroboter in den Urlaub fahren können, weil die Kinder ihm einen Namen gegeben haben und ihn daher nicht mehr allein zu Hause lassen wollen … Nein, ich bin nicht kreativ genug, mir so etwas auszudenken. Ich habe mich einfach umgehört und Sie gefragt.

Es wird geschimpft. Heimlich.

Gemäß meiner dieser Kolumne vorgeschalteten und keineswegs repräsentativen, jedoch maximal informativen LinkedIn-Umfrage motzen ganze 82 Prozent von uns mit ihrem Computer. Anthropomorphismus ist ohne Zweifel in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Zum Teil scheint man jedoch noch nicht ganz offen dazu stehen zu wollen. Satte 20 Prozent von uns schimpfen gemäß Umfrage zwar mit ihrer Technik, das allerdings nur heimlich.

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Mein Tipp an diese 20-Prozent-Gruppe, aber durchaus auch an alle: Sagen Sie beim nächsten Gespräch mit Ihrem Bankautomaten, mit ChatGPT, mit dem städtischen Chatbot und mit all den kleinen technischen Helferlein zukünftig einfach mal „bitte“ und „danke“. So wie man es beigebracht bekommen hat. Und mit ganz viel Glück bleiben Sie als wirklich höflicher Vertreter der Menschheit vielleicht verschont, wenn die Maschinen irgendwann die Weltherrschaft übernehmen.

Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves
ist Informatikprofessor und Politikwissenschaftler, leitet die Arbeitsgruppe „Digitale Transformation öffentlicher Dienste“ an der Universität Bremen und berichtet in der wissenschaftlichen Kolumne über diverse aktuelle Forschungsergebnisse zur digitalen Verwaltung.

Linkedin: www.linkedin.com/in/niehaves

Bildquelle: Björn Niehaves

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