Begleiten Sie Professor Niehaves auf einer Reise durch New Work und moderne Arbeitswelten, von Start-ups bis zum öffentlichen Dienst, und entdecken Sie, was Alter und Störungen für die Produktivität der Verwaltung bedeuten.
Je nach Alter haben Mitarbeitende unterschiedliche Ansprüche an den Arbeitsplatz. Gerade die alternde Belegschaft empfindet die Geräuschkulisse bei digitalen Arbeitsplatzumgebungen oftmals als störend. Für sie gilt: Leise bitte!
(Bild: MarkRademaker – stock.adobe.com)
Auf dem T-Shirt, das mir neulich in der personalisierten Werbung angeboten wurde, stand „It’s weird being the same age as old people“. Ich finde, das war eine doch reichlich uncharmante Art von Facebook, mir zum Geburtstag zu gratulieren. Aber die Datenkrake muss es ja wissen, ich werde älter. Genauso wie Deutschland. Genauso wie der öffentliche Dienst.
„Cognitive Aging“ – die Psychologie des Alterns
Gemessen am Durchschnittsalter der Bevölkerung ist Deutschland – neben Japan, Italien, Portugal und Griechenland – eines der ältesten Länder der Welt. Übrigens, Spoiler, es sind nicht die USA und erst recht nicht dort das Silicon Valley. Und dann gibt es in Deutschland noch einen Sektor, den der demografische Wandel in Deutschland besonders stark erfasst hat. Sie ahnen es, das ist der öffentliche Sektor. Der öffentliche Dienst altert massiv und zwar noch deutlich stärker als andere Wirtschaftszweige. Während junge Talente zunehmend in Start-ups mit Tischkicker und Obstkorb abwandern (Grüße an die GovTechs gehen raus!), kämpft die Verwaltung mit einer drastisch alternden Personalstruktur. Im Jahr 2022 war schon mehr als jeder vierte Beschäftigte im öffentlichen Dienst über 55 Jahre alt! Im Verkehrs- und Nachrichtenwesen sind es sogar 40 Prozent und im Bereich „Politische Führung und zentrale Verwaltung“ gut 31 Prozent (Quelle: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 2024).
Daher heute kein Kongress mehr ohne das Thema des demografischen Wandels. Gefühlt quartalsweise kommen neue Studien von Unternehmensberatungen heraus, in denen die Dramatik demografischer Dynamiken für die öffentliche Verwaltung multipliziert wird: Bis 2030 wird mehr als jeder dritte Beschäftigte im öffentlichen Dienst in Rente gehen, was zu einer massiven Personallücke von circa 731.000 Beschäftigten führen wird. Doch der Fachkräftemangel, so wichtig er ist und so gut sich um ihn herum scheinbar einschlägige Beratungsservices verkaufen lassen, ist eben nicht die einzige einschlägige Komponente des demografischen Wandels der Verwaltung. Die Belegschaft wird im Schnitt auch einfach älter und arbeitet länger (Grüße an alle nach 1963 Geborenen gehen raus!).
Doch es gibt, neben der goldenen Uhr natürlich, zwischen jüngeren und älteren Kollegen wichtige Unterschiede. Die Psychologie diskutiert unter dem Begriff „Cognitive Aging“ bestimmte kognitive Veränderungen, die sich im Zuge „normalen“, das heißt hier „nicht-krankhaften“ Alterns ergeben, die uns demnach alle mehr oder weniger betreffen. Also, bitte nicht beleidigt sein, es ist nur Wissenschaft.
Erstens, zunehmende Inhibitionsdefizite. Hinter diesem Begriff steckt hier im Kern, dass man sich mit zunehmendem Alter leichter stören lässt. Zweitens, zunehmende Task-Wechselkosten. Wenn man gestört wird, findet man mit zunehmendem Alter langsamer wieder zur eigentlichen Aufgabe zurück. Beide wissenschaftlich gut belegten Effekte nochmals in anderen Worten: Mit zunehmendem Alter lässt man sich nicht nur leichter ablenken, sondern findet nach Ablenkungen auch schlechter die Konzentration wieder. Read again!
Innovative Ansätze, aber bitte altersgerecht
Und jetzt zu New Work. Wessen geniale Idee war es eigentlich, hippe Arbeitskonzepte aus Ländern nachzuahmen, in denen die (Über-)Alterung der Belegschaft gar kein wirkliches Thema ist? Oder aus Wirtschaftssektoren, deren Belegschaftsteil unterhalb des dortigen Medianalters auch heute noch eine Scheibe Wurst beim Metzger angeboten bekommt? Oder zu hypermodern gestalteten Verwaltungen ins Ausland zu pilgern, deren Durchschnittsalter zehn und mehr Jahre unter dem deutschen Pendant liegt, um sich dort in Sachen Raumgestaltung und für die Zukunft der Arbeit inspirieren zu lassen? Setzen. Sechs!
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, wir brauchen dringend innovative Ansätze, Arbeit in der Verwaltung neu zu organisieren. Doch die typischen digitalen Arbeitsplatzumgebungen, die ständig blinken, piepen, pingen und einfach stören, sind absolutes Gift für die Produktivität gerade unserer alternden Belegschaft im öffentlichen Sektor. Der Bitkom berichtet, dass die E-Mail-Kommunikation von 2014 auf 2023 um 133 Prozent zugenommen hat. Und hinzu kommen selbst in der Verwaltung noch die unzähligen anderen Messenger und (sozialen) Medien, die immer mehr Aufmerksamkeit fordern. Durch solche digitalen Störungen wird der Schaden pro Büroarbeitsplatz auf 12.000 Euro pro Jahr geschätzt, bei zunehmendem Alter der Kollegen aufgrund der oben beschriebenen Effekte kognitiven Alterns sogar bis zu 20.000 Euro. Multiplizieren Sie diese Zahlen gern mit der Anzahl der entsprechenden Beschäftigten in Ihrer Organisation. Hinzu kommen noch die vorhersehbaren Produktivitätsschäden im Zuge von New-Work-Überlegungen, nach denen Großraumbüros – gern auch heute unter dem Euphemismus „Teamfläche“ – in der Verwaltung wieder voll im Trend zu liegen scheinen. Wenn Sie also die Produktivität der höheren Alterskohorte in den deutschen öffentlichen Verwaltungen effektiv ruinieren wollen, führen Sie in der Breite digitale und räumliche New-Work-Konzepte ein, die besonders gut in jugendlich anmutenden SiliconValley-Start-ups funktioniert haben.
Stand: 08.12.2025
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Haben Sie nicht vor? Gut! Was dann? Deep Work, störungsarme räumliche und digitale Arbeitsplätze sowie klar geregelte Kommunikationserwartungen, die eben auch Zeiten von Nicht-Erreichbarkeit enthalten. Im Bereich der Mensch-Computer-Interaktion finden sich darüber hinaus auch KI-gestützte Systeme, die Unterbrechungen automatisch regulieren und in besonders wichtigen Momenten verhindern. Vor allem jedoch „Awareness“ im Kontext von New-Work-Initiativen für die Bedürfnisse der Arbeitsplatzgestaltung, die zwar uns alle, die älteren unter uns jedoch in besonderem Maße betreffen: Do not disturb!
Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves ist Informatikprofessor und Politikwissenschaftler, leitet die Arbeitsgruppe „Digitale Transformation öffentlicher Dienste“ an der Universität Bremen und berichtet in der wissenschaftlichen Kolumne über diverse aktuelle Forschungsergebnisse zur digitalen Verwaltung.