„Wir haben überhaupt keine Zeit mehr" Digitale Souveränität ohne Umwege

Das Gespräch führte Nicola Hauptmann 7 min Lesedauer

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Jutta Horstmann ist seit einem Monat Co-CEO der Heinlein Gruppe an der Seite von Unternehmensgründer Peer Heinlein. Im Interview sprechen beide darüber, wie sie sich für Open-Source-Lösungen und digitale Souveränität einsetzen – und warum die Zeit drängt.

Jutta Horstmann und Peer Heinlein(Bild:  Heinlein Gruppe)
Jutta Horstmann und Peer Heinlein
(Bild: Heinlein Gruppe)

Herr Heinlein, Sie haben angekündigt, mit Jutta Horstmann als Co-CEO die Heinlein Gruppe noch stärker als Gestalter technologischer Resilienz und digitaler Souveränität einzubringen. Was genau planen Sie?

Heinlein: Wir verfolgen schon immer einen ganzheitlichen Ansatz, es geht uns darum, Open Source den Weg zu bereiten. Mit unserer neuen Doppelspitze wollen wir die Leistungen unserer Subunternehmen zu einem ganzheitlichen Angebot auch für die öffentliche Verwaltung bündeln. Das war immer die Vision, für mich allein aber gar nicht zu schaffen. Deshalb bin ich auch sehr froh, in Jutta eine so kompetente und hervorragend vernetzte Co-CEOgefunden zu haben, die unsere Ideen und Visionen teilt.

Frau Horstmann, welche Schwerpunkte setzen Sie in ­Ihrer neuen Rolle?

Horstmann: Zum einen die Skalierung: Als COO der eyeo GmbH konnte ich diese erfolgreich umsetzen und hier bei der Heinlein Gruppe sehe ich sogar noch bessere Voraussetzungen. Vor allem aber will ich die Unterstützung für den Public Sector ausbauen, in Deutschland wie auch auf europäischer Ebene. Mit dem EuroStack und dem Deutschland-Stack haben wir endlich auch ein Verständnis von Seiten der öffentlichen Verwaltung, dass man IT wirklich als Stack denken muss und eine übergeordnete Strategie dafür braucht. Und mit unseren Produkten und dem Know-how zu Hosting, Linux, Open Source und offenen Standards können wir ein ganzheitliches Angebot unterbreiten. Es geht aber auch um Beratung,  weil einfach das Wissen um das große Open-Source-Ökosystem komplett fehlt.

Sind Sie dann die Ansprechpartnerin für den Public Sector?

Horstmann: Das werden wir beide sein. Es gibt so viel zu tun, da ist es gut, die Arbeit auf mehrere Schultern zu verteilen.

Heinlein: Wir haben ja beide schon viel Kraft in Überzeugungsarbeit gesteckt, treten auch regelmäßig bei Veranstaltungen und Paneldiskussionen auf und werden das weiterhin gemeinsam machen, um den politischen Weg zu bereiten, aber auch, um die richtigen Spieler dafür zusammenzubringen.

Wie wollen Sie das angehen, mit welchen Akteuren wollen Sie zusammenarbeiten – in Bezug auf den Deutschland-Stack, vor allem aber auf den Euro-Stack, der ja noch nicht so ganz greifbar ist?

Horstmann: Beim Deutschland-Stack ist natürlich das Digitalministerium im Lead, inzwischen sind dazu ja auch fünf Missionen hinterlegt.

Der EuroStack dagegen ist bis jetzt nur ein Konzept, basierend auf dem Papier, das die Gruppe um Francesca Bria über die Bertelsmann Stiftung finanziert und vorgelegt hat. Was Cristina Caffarra vorantreibt und wo wir uns jetzt verstärkt einbringen wollen, ist, eine Industrieinitiative dahinter zu legen. Seit dem offenen Brief an die Europäische Kommission, den sehr viele europäische Hersteller – wir auch – unterzeichnet haben, ist nicht viel passiert. Die Unternehmen hinter so einer gemeinsamen Idee zu vereinen – das ist eine Aufgabe, der ich mich jetzt stellen möchte.

Heinlein: Die OSBA ist dabei ein ganz wichtiges Gremium, wo der deutsche Open-Source-Mittelstand hervorragend zusammenarbeitet und auch sehr viel bewegt. In dieser Community ist die Idee der Zusammenarbeit, des gemeinsamen Ziels seit jeher stark ausgeprägt. Wir sehen uns als Unternehmen aber auch in der Verantwortung, zusammen mit zwei, drei weiteren Firmen, die die Kraft und Größe dafür haben, diese Diskussion zu steuern, voranzutreiben und dafür auch Ressourcen bereitzustellen.

Wie sieht es außerhalb der Community aus – braucht es ein positives Zielbild für die Arbeit mit Open-Source-Lösungen auch für die Anwender?

Horstmann: Es ist nicht nur in Bezug auf das Arbeitsleben zu denken, sondern es geht wirklich um unsere Demokratie. Die Demokratie ist auf allen Ebenen unter Beschuss, in Deutschland genauso wie international, und die Software, die wir im Moment nutzen, kommt aus einem Land, das immer mehr in ein autoritäres Regime abrutscht. Deshalb finde ich es wichtig, mit Open Source eine positive Vision dagegen zu setzen, eine andere, ­demokratische Herangehensweise, die von Kollaboration, Internationalismus und Transparenz geprägt ist.

Heinlein: Dem schließe ich mich an. Und was die Arbeitsebene angeht: Die Anwendungen sind nicht anders als proprietäre Lösungen. Tatsächlich vermisse ich oft den Blick auf die Vorteile, dass man etwa bei einer KI-Unterstützung, durch die sehr viel Haltung und politischer Gedankengang einfließt, auf eine europäische, trainierte KI zurückgreifen kann. Es sollte auch Endanwender interessieren, ob sie zukünftig noch in ihrem Wertesystem arbeiten können, ob sie die Freiheit haben, Tools auszuwählen, denen sie vertrauen.

Wenn es um diese Wahlmöglichkeit geht – Wechselfähigkeit ist ja ein Aspekt der digitalen Souveränität – kommt man da nicht allein mit offenen Schnittstellen und Standards schon sehr weit?

Heinlein: Offene Standards und offene Schnittstellen sind die Basis, um überhaupt modular zusammenzuarbeiten und einen Stack zu bauen. Wir dürfen aber nicht außer Acht lassen, dass in der internationalen politischen Auseinandersetzung digitale Anwendungen auch zu unfriedlichen Zwecken zwischen Staaten benutzt werden. Deshalb muss ich wissen, was der Code einer Software tut. Ich muss wissen, dass es keinen Kill Switch, keinen Abschaltmechanismus, gibt. Das geht nur, wenn der Code offen ist. Das ist ja auch der Punkt bei der Palantir-Diskussion: Wir dürfen eine so mächtige Kriminalitätsbekämpfungssoftware, die eben doch eine Blackbox ist, nicht mit so sensiblen Informationen in Deutschland füttern, ohne sicherstellen zu können, dass sie nicht „nach Hause telefoniert“.

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Um noch einmal auf die Kollaboration mit anderen Akteuren zurückzukommen, arbeiten Sie auch mit dem GovTech Campus Deutschland zusammen?

Horstmann: Der GovTech Campus bringt sich gerade stärker in Diskussionen ein und wir beobachten das. Und natürlich sprechen wir miteinander. Was mich eher beunruhigt: Was passiert denn mit dem ZenDiS? Als Zentrum für die digitale Souveränität sollte es doch die führende Rolle bei diesen Themen übernehmen und so würde ich es gern weiterhin sehen.

Heinlein: Digitale Souveränität, also digitale Unabhängigkeit und damit digitale und politische Resilienz muss nach unserer Ansicht viel konsequenter gelebt werden. Ich sehe es vor allem als Handlungsfreiheit: Werden wir die künftig noch haben oder sind unsere Handlungsmöglichkeiten dann durch eine schlechte Strategie abgeschnitten und wir sind abhängig von Monopolen wie früher vom russischen Gas? Das Gute am Open-Source-Ansatz ist ja, dass es nicht ein Monopol, sondern grundsätzlich Alternativen gibt – vorausgesetzt, dass nicht die Hersteller-Landschaft durch eine proprietäre IT-Strategie ausgetrocknet wird, denn das ist nicht mehr zu ersetzen. Was weg ist, ist weg.

In fünf Jahren wird KI einen Großteil unserer Produktivität bestimmen und so, wie wir jetzt die IT-Landschaft gestalten, so werden wir dann leben.

Um Zeit ging es auch im offenen Briefwechsel der OSBA mit Claudia Plattner, den Sie beide mitunterzeichnet haben. Claudia Plattner hat in ihrer Antwort zum Austausch eingeladen. Mein Eindruck: Beiden Seiten ist klar, dass digitale Souveränität nicht von heute auf morgen zu erreichen ist. Zu diskutieren ist offenbar: Wie viel Zeit wollen wir uns dafür geben, wie lange Ressourcen nicht nur in Open-Source-Lösungen, sondern auch in die Absicherung der derzeit genutzten Anwendungen stecken?

Horstmann: Auf der politischen Ebene hätte ich mir sehr diesen einen entscheidenden Satz im Koalitionsvertrag gewünscht: Wir wollen einen Open-Source-Mindestanteil von X Prozent. Stattdessen steht dort der Satz: Wir definieren ambitionierte Ziele für Open Source. Auf diese Ziele warten wir bis heute. Dabei braucht Regierungshandeln genau wie unternehmerisches Handeln klare, messbare Ziele, dann kann sich auch die Beschaffung daran orientieren. Wenn man der Industrie einen klaren regulatorischen Rahmen gibt und einen angemessenen Zeitraum, also etwa 100 Prozent Open Source in zehn Jahren, können sich alle entsprechend umorientieren.

Um auf den offenen Brief zurückzukommen: Ich frage ich mich schon, warum machen wir jetzt mit Steuergeldern noch einen „Umweg zu digitaler Souveränität“? Man buttert noch einmal richtig viel in die falschen Tools, statt dieses Geld endlich so zu investieren, dass nachhaltig Werte geschaffen werden.

Heinlein: Um es klar zu sagen: Wir haben überhaupt keine Zeit mehr. Ich bin – wir beide sind – immer wieder fassungslos, mit welcher diplomatisch entspannten Gelassenheit die akuten und brennenden Probleme vertagt werden; dass das Digitalministerium viel zu lange aufgebaut, das ZenDiS nicht mit absoluter Rückendeckung ausgestattet wird.

Horstmann: … und Geld.

Heinlein: Ja, mit Geld. Man müsste einfach sagen, volle Fahrt voraus, und zwar jetzt und nicht erst im nächsten Quartal. Stattdessen wird vertagt, gezaudert, über 2026 geredet. Es müsste jetzt ambitionierte Ziele geben, und dann würden wir schon auf die Umsetzung drängen.

Wir sehen hier in der IT-Landschaft, in der politischen Entwicklung, überhaupt keinen Raum für diese entspannte Gelassenheit. Jedes halbe Jahr, das wir verlieren, wird schwerer aufzuholen, wird irreparabel die Anbieterlandschaft zerstören und uns weiter in die Abhängigkeit führen.

Horstmann: Dabei zeigt der Blick nach Schleswig-Holstein, dass es geht. Dirk Schrödter vertritt eine sehr konsequente Politik der digitalen Souveränität, und dieses Mindset wünschen wir uns auch auf allen Ebenen.

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