Resilienz und Unabhängigkeit Digitale Souveränität in stürmischen Zeiten

Ein Gastbeitrag von Christine Knackfuß-Nikolic 5 min Lesedauer

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Angesichts geopolitischer und technologischer Veränderungen ist es für Europa unerlässlich, in eine eigene digitale Infrastruktur zu investieren und die Zusammenarbeit zwischen Industrie, Politik und öffentlichen Institutionen zu intensivieren.

Stürmische Zeiten erfordern Resilienz.(©  mikey - stock.adobe.com / KI-generiert)
Stürmische Zeiten erfordern Resilienz.
(© mikey - stock.adobe.com / KI-generiert)

Geopolitische Veränderungen und technologische Umbrüche stellen Organisationen weltweit vor enorme Herausforderungen. Verschärfte Regulierungen sollen sensible Daten vor zunehmenden Bedrohungen wie Spionage, Cyberangriffen sowie Sabotage schützen. Spätestens seit der US-Wahl erweist sich zudem eine zu starke Abhängigkeit von US-Technologien als wunder Punkt und lässt die Frage nach einer unabhängigen digitalen Zukunft Europas mehr denn je in den Mittelpunkt rücken. Eine Antwort darauf zu finden, muss ein Kernanliegen der nächsten Jahre sein.

Sowohl in der Wirtschaft als auch der öffentlichen Verwaltung sind Cloud-Technologien ein zentrales Element der digitalen Zukunft. Doch diesen globalen Markt dominieren die USA, und Europa gerät zunehmend in eine technologische Juniorrolle. Fragen des Datenschutzes und der digitalen Souveränität Europas scheinen für die Weltmächte von nachrangiger Bedeutung zu sein. Für Europa ist es daher unerlässlich, in eine eigene digitale Infrastruktur zu investieren. Europas Zukunft sollte nicht nur auf technologischer Unabhängigkeit basieren. Projekte, die europäischen Werte wie Datenschutz, Transparenz und Selbstbestimmung widerspiegeln, sind entscheidend.

Potenziale europäischer Initiativen

Das EU-Förderprogramm „8ra“ verfolgt beispielsweise die Entwicklung einer souveränen digitalen Cloud-Edge-Infrastruktur. Damit unterstützt 8ra eine Vielzahl von Branchen, die von niedrigen Latenzzeiten profitieren. Aber auch Städte können davon profitieren, indem mit Hilfe von Sensoren in Ampeln, Straßen und öffentlichen Verkehrsmitteln Verkehrsdaten in Echtzeit gesammelt werden. Cloud-Edge-Systeme ermöglichen es, diese Daten lokal zu verarbeiten und sofort auf Staus, Unfälle oder erhöhtes Verkehrsaufkommen zu reagieren, etwa durch dynamische Umleitungen.

Diese Infrastruktur soll vertrauenswürdige, föderierte Cloud- und Edge-Datenverarbeitungstechnologien unterstützen, zum Entstehen neuer Dienstleistungen beitragen und die Energieeffizienz der Datenwirtschaft verbessern. Die Initiative steht im Einklang mit europäischen Zielen und Strategien wie dem European Green Deal und der Europäischen Industriestrategie. Ein entscheidender Vorteil des Programms liegt in der Zusammenarbeit von mehr als 150 ­Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus insgesamt 12 EU-Mitgliedstaaten. Die breite Beteiligung ermöglicht den Aufbau einer resilienten und nachhaltigen digitalen Infrastruktur, die Europa mehr Unabhängigkeit und Datensouveränität verleiht. Die Potenziale reichen weit über die reine Technologieentwicklung hinaus:

  • Datensicherheit: Indem die Datenhoheit innerhalb Europas verbleibt, können öffentliche ­Institutionen sensible Informationen sicher verwalten. Der Schutz des europäischen „Datengoldes“ stärkt die Handlungs­fähigkeit und verringert die Abhängigkeit von außereuropäischen Hyperscalern.
  • Resilienz: Ein europäisches Cloud-Edge-Kontinuum erhöht die Widerstandsfähigkeit öffentlicher Institutionen gegenüber geopolitischen und technischen Risiken. So können Dienste auch bei Ausfällen einzelner Knoten in Echtzeit auf andere Ressourcen umgeschaltet werden, um die Kontinuität kritischer öffentlicher Dienstleistungen wie Notfallsystemen, eGovernment-Anwendungen oder Bildungsplattformen zu gewährleisten.
  • Nachhaltigkeit: Durch dezentrale Datenverarbeitung und energieeffiziente Technologien können öffentliche Institutionen ihre Umweltziele besser erreichen. Das ermöglicht nachhaltige Infrastrukturen, die den Anforderungen des European Green Deal entsprechen.

Ein zentraler Erfolgsfaktor ist die Schaffung eines Cloud-Edge-Kontinuums, das schnelle Reaktionszeiten, hohe Datensicherheit und nahtlose Vernetzung bietet, indem es Edge Computing mit einer souveränen europäischen Cloud kombiniert, um sowohl lokale Echtzeitanalysen als auch übergreifende Datenverarbeitung zu ermöglichen. Das schafft die Grundlage für eine zukunftssichere digitale Infrastruktur, die zum einen die Innovationsfähigkeit, zum anderen die Effizienz und Widerstandsfähigkeit öffentlicher Institutionen stärkt. Es bleibt jedoch eine Herausforderung, die technologische Unabhängigkeit mit der öffentlichen Daseinsvorsorge zu verbinden. Dafür bedarf es gezielter Investitionen in Forschung, standardisierter Technologien und einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Institutionen, Industrie und Politik. Doch wie lässt sich eine ­unabhängige und gleichzeitig ­wirtschaftlich wettbewerbsfähige Lösung gestalten?

Hybride Cloud-Modelle als Lösung

Der Schlüssel liegt in der Kombination von souveränen Cloud-Modellen mit Public-Cloud-Lösungen, um den unterschiedlichen Anforderungen von Unternehmen und Behörden gerecht zu werden. Letztlich entscheidet die Art der Anwendung und der genutzten Daten über den Einsatz der einen oder der anderen Plattform. Ein solcher hy­brider Ansatz ermöglicht es öffentlichen Institutionen, sensible Daten sicher in souveränen Clouds in Europa zu speichern und gleichzeitig die Flexibilität und Kosteneffizienz öffentlicher Clouds für weniger kritische Anwendungen zu nutzen. Solche Lösungen fördern den vertrauensvollen Datenaustausch zwischen Behörden und Unternehmen und tragen dazu bei, digitale Souveränität zu stärken. Dabei ist es sinnvoll, auf verschiedene Angebote zu setzen, um einen Vendor-Lock-in zu vermeiden.

Diese Kombination erhöht zudem die Ausfallsicherheit durch Verteilung der Arbeitslast. So können Behörden ihre digitalen Dienste sicher und unabhängig gestalten und gleichzeitig von den Vorteilen moderner Cloud-Technologien profitieren. Beispielsweise ermöglichen souveräne cloudbasierte Bürgerportale den Bürgern den schnellen digitalen Zugang zu Verwaltungsdienstleistungen, während komplexe Analysen der Daten aus der Cloud Verwaltungen helfen, fundierte Entscheidungen, etwa in der Verkehrs- oder Krisenplanung, zu treffen.

Mehrwert durch souveräne Datenräume

Ein weiterer Baustein für mehr Souveränität sind europäische ­Datenräume wie Catena-X, deren Logik auch auf Daten von Behörden und öffentliche Einrichtungen übertragbar ist. So gelingt es, Verwaltungsverfahren transparenter zu gestalten, die behördenübergreifende Zusammenarbeit zu vereinfachen und die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung voranzutreiben. Das schafft die Grundlage für ein datengetriebenes Ökosystem, in dem alle Akteure auf einem bisher unerreichten Niveau zusammenarbeiten können.

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Ein Beispiel für einen Data Space in der öffentlichen Verwaltung ist die Bearbeitung von Bauvorhaben. In diesem Szenario sind verschiedene städtische Datenquellen an unterschiedlichen Orten gespeichert – zum Beispiel Bebauungspläne, Umweltgutachten und geodätische Daten. In einem Datenraum stehen sie den verschiedenen Akteuren zur Bearbeitung und Freigabe des Antrages zur Verfügung. Behörden wie das Bauamt, das Umweltamt oder das Denkmalschutzamt können gleichzeitig Zugriff auf relevante Informationen anfordern und Anträge parallel prüfen, was den gesamten Prozess beschleunigt. Bürgerinnen und Bürger können sich über geplante Bauvorhaben informieren, Einwände erheben oder den Baufortschritt verfolgen. Das schafft Vertrauen und Sicherheit, insbesondere im Umgang mit sensiblen Daten wie Bürgerinformationen oder sicherheitsrelevanten Dokumenten.

Alle Beteiligten entscheiden jederzeit selbst, wann sie welche Informationen mit wem teilen. Zudem verbinden Datenräume Datensouveränität mit Interoperabilität, die einen direkten Datenaustausch (Peer-to-Peer) über standardisierte Formate ermöglicht.

Europas Weg zur digitalen Souveränität

Die digitale Souveränität Europas ist weit mehr als eine bloße technologische Herausforderung – sie ist auch eine strategische Chance. Geopolitische Spannungen und die Abhängigkeit von außereuropäischen Technologien unterstreichen die Dringlichkeit des Aufbaus unabhängiger digitaler Infrastrukturen. Initiativen wie 8ra und hybride Ansätze, die souveräne und öffentliche Clouds kombinieren, zeigen, wie Europa diesen Herausforderungen begegnen und gleichzeitig wirtschaftlich wettbewerbsfähig bleiben kann.

Für öffentliche Institutionen, ­Unternehmen und politische Entscheidungsträger bedeutet dies, jetzt den Kurs für eine belastbare und unabhängige Zukunft zu setzen.

Europas digitale Infrastruktur gleicht einem Schiff in stürmischen Gewässern. Nur mit einem klaren Kompass in Form verbindlicher Standards, einem festen Griff am Steuer und einem konsequenten Kurs auf digitale Souveränität kann es die Herausforderungen der globalen Dynamik meistern und den sicheren Hafen der Unabhängigkeit erreichen.

Christine Knackfuß-Nikolic
Chief Technology Officer bei T-Systems International

Bildquelle: T-Systems

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