Digitale Souveränität „Der öffentliche Sektor kann zeigen, dass es möglich ist“

Das Gespräch führte Johannes Kapfer 7 min Lesedauer

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Schleswig-Holstein macht es vor, Bayern zögert: Die Umstellung auf souveräne IT-Lösungen spaltet Deutschlands Verwaltungen. Frank Karlitschek, CEO von Nextcloud, und Patrick Schaudel, SVP Cloud bei IONOS, erklären, warum die technischen Hürden überwunden sind, wo die eigentlichen Blockaden liegen und wie Deutschlands öffentliche Verwaltung den Sprung in die digitale Unabhängigkeit schaffen kann.

Frank Karlitschek, CEO von Nextcloud, und Patrick Schaudel SVP Cloud bei IONOS.(Bild:  Nextcloud / IONOS / Collage VIT)
Frank Karlitschek, CEO von Nextcloud, und Patrick Schaudel SVP Cloud bei IONOS.
(Bild: Nextcloud / IONOS / Collage VIT)

Herr Karlitschek, Herr Schaudel, wir befinden uns in Bayern gerade in einer paradoxen ­Situation: Andere Bundesländer machen vor, dass digitale Souveränität machbar ist. Doch der Freistaat scheint diesen Weg nicht gehen zu wollen. Welchen Stellenwert hat der ­öffentliche Sektor für Ihre Unternehmen?

Karlitschek: Grundsätzlich sind wir als Nextcloud in verschiedenen Bereichen aktiv – im Bildungssektor, im Enterprise-Bereich mit Unternehmen. Der öffentliche Sektor ist für uns besonders interessant, weil dort ein hohes Bewusstsein für digitale Souveränität besteht. Das Thema wird direkt gespürt, gerade wenn man sieht, wie digitale Abhängigkeiten in Verhandlungen mit den USA beispielsweise bei Zollthemen zur Verhandlungsmasse werden. Das konnten wir erst neulich wieder in vielen Berichten lesen. Zudem ist der öffentliche Sektor interessant, weil er das Thema digitale Souveränität in Europa voranbringen kann.

Die Buying Power, also die verfügbaren Budgets für digitale Dienstleistungen im öffentlichen Bereich, sind so groß, dass sie tatsächlich einen Unterschied machen können. Wenn sich der Public-Sektor in Europa entschließt, europäische Lösungen zu bevorzugen – und wir sind da schon fast auf dem Weg –, kann das für den IT-Sektor in Europa einen enormen Unterschied bedeuten.

Schaudel: Für IONOS ist der öffentliche Sektor eine unserer Kernkundengruppen. Wir sind heute schon in vielen Projekten rund um den öffentlichen Sektor aktiv, beispielsweise beim ITZ Bund, wo wir souveräne Infrastruktur bereitstellen. Persönlich sage ich: Der öffentliche Sektor hat die Möglichkeit zu zeigen, was möglich ist – er kann Vorreiter sein. Dort, wo man sich fragt, ob etwas überhaupt geht, hilft der öffentliche Sektor als Beschleuniger. Wenn es sogar der öffentliche Sektor hinbekommt, sollten es alle anderen ja auch können. Wir wissen, der öffentliche Sektor hat eine gewisse Komplexität, eine sehr hohe Verbindlichkeit und eine hohe Prozessabhängigkeit. Deshalb ist das ein sehr gutes Feld, um nachhaltig zu beweisen, dass es möglich ist, auch mit souveränen Angeboten und Lösungen zu arbeiten.

Das Thema digitale Souveränität ist ja nicht neu. Spätestens seit Microsoft in Richtung Abo-Modell geschwenkt ist, war absehbar, dass dies in einen Vendor-Lock-in führen würde. Wie erklären Sie sich, dass man sehenden Auges in diese Abhängigkeit gestolpert ist?

Schaudel: Ich glaube, es bedarf eines sehr hohen Mutes der Veränderung. Der Endnutzer in den Ämtern und Behörden muss davon überzeugt werden, dass andere Lösungen gut sind, genauso funktionieren und den Arbeitsalltag nicht komplizierter machen. Manchmal habe ich das Gefühl, es wird die Bequemlichkeit dem Mut vorgezogen. Man nimmt dann fast schon fahrlässig in Kauf, dass man in eine Abhängigkeit gerät, die man vielleicht selbst gar nicht mehr auflösen muss. Es gab ja auch Projekte in der Vergangenheit, die leider gescheitert sind. München ist da ein Beispiel, wo der Mut da war, aber über den Druck der Anwender das Projekt wieder zurückgerollt wurde. Aber wir sehen auch Bundesländer, wo der Mut groß genug war und die Endanwender nach normalen Eingewöhnungsphasen zufrieden sind und ganz normal ihre Arbeit weitermachen können.

Schleswig-Holstein gilt als Vorreiter, während Bayern zögert. Wie erklären Sie sich dieses Nord-Süd-Gefälle?

Karlitschek: Die Frage ist ja ­eigentlich, warum es nur Schleswig-Holstein ist und nicht alle anderen Bundesländer auch. Das hat nichts mit Vorurteilen über Nord und Süd zu tun. Die Frage ist vielmehr, wie man mit Abhängigkeiten umgehen möchte. Die Gefahr besteht, dass Services abgeschaltet oder teurer werden, dass sie Teil der Verhandlungsmasse werden. Diese Abhängigkeiten sind essentiell. Für mich stellt sich eher die Frage, warum es nur Schleswig-Holstein ist und nicht ganz Europa. Ich finde den politischen Willen von Schleswig-Holstein sehr beeindruckend. Die haben erkannt, wie ernst die Lage ist, und sind tatsächlich sehr erfolgreich damit. Die sind momentan mitten in der Umstellung, und es funktioniert alles sehr gut.

Schaudel: Was wir brauchen, ist eine offene Diskussionskultur darüber, in welcher Abhängigkeit wir uns als Land – nicht als Bundesland, sondern als Land – begeben wollen und wo wir klare Grenzen ziehen. Es braucht eine Offenheit aller Bundesländer, positive Projekte zu sehen, anzuerkennen und nachzuahmen.

Es könnte sein, dass die Arroganz einzelner Bundesländer dem im Wege steht, nach dem Motto: Wenn Schleswig-Holstein das macht, machen wir es anders, einfach nur, weil wir anders sein wollen. Das können wir uns nicht mehr leisten – weder als Deutschland noch als Europa. Wenn wir nach Frankreich schauen, sehen wir sehr gute und positive Beispiele, dass ein souveräner Umgang mit Digitalisierungsthemen funktioniert. Wir dürfen nicht klein denken. Ein Bundesland ist im Kontext Europa und der Welt eine so kleine ­Einheit, dass das viel zu kurz ­gedacht ist.

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