Hybride Bedrohungen Bots – die Drohnen des Internets

Ein Gastbeitrag von Nicolas Armer 6 min Lesedauer

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Was heute durch Drohnen auf Flughäfen und in Krisengebieten sichtbar wird, ist im digitalen Raum längst Alltag. Bots – die Drohnen des Internets – greifen seit Jahren komplexe digitale Systeme an und bringen diese zum Stillstand.

Bots fliegen nicht mit Propellern, sondern mit Datenpaketen. Sie scannen, spionieren, sabotieren – millionenfach, rund um die Uhr.(Bild:  KI-generiert)
Bots fliegen nicht mit Propellern, sondern mit Datenpaketen. Sie scannen, spionieren, sabotieren – millionenfach, rund um die Uhr.
(Bild: KI-generiert)

Ein lauter Alarm, dann Stillstand. Über dem Flughafen schwebt eine Drohne, kaum größer als ein Fußball. Binnen Minuten sperrt die Flugsicherung Start- und Landebahnen, Maschinen bleiben am Boden, der Betrieb steht. Eine einzige einfache Drohne genügt, um ein hochkomplexes System aus dem Takt zu bringen.

Bei uns sind Drohnenüberflüge selten und ziehen große Aufmerksamkeit auf sich – in der Ukraine sind Drohnen hingegen trauriger Alltag. Berichte zeigen, dass die in einem unterirdischen Feldhospital in der Region Donezk behandelten Verletzungen zu rund 90 Prozent von russischen FPV-Drohnen verursacht wurden. In Städten wie Cherson entfielen Anfang 2025 sogar 70 Prozent der zivilen Opfer auf Drohnenangriffe. Kugeln und Artillerie spielen nicht mehr die Hauptrolle. Der physische Konflikt hat eine zusätzliche, automatisierte Dimension bekommen – und nähert sich damit Strukturen aus dem digitalen Raum an.

Vom Rotor zum Request

Bots sind die digitalen Drohnen des Internets. Sie fliegen nicht mit Propellern, sondern mit Datenpaketen. Sie scannen, spionieren, sabotieren – und sie tun das millionenfach, rund um die Uhr. Mehr als die Hälfte (51 Prozent) des globalen Traffics stammen inzwischen nicht mehr von Menschen, sondern von Maschinen; 20 Prozent davon gelten als klar schädlich.

Cyberkriminelle nutzen Bots für eine ganze Palette an Angriffen: von DDoS und Credential Stuffing über Scraping, Phishing und Account Takeover bis hin zu Click Fraud und Scalping. Was früher ein einzelner Angreifer mit Skripten und Angriffstools erledigte, übernehmen heute Schwärme automatisierter Bots – verteilt über kompromittierte PCs, IoT-Geräte und Cloud-Infrastrukturen. Die digitale Luft ist dicht geworden.

Schwarmlogik im Cyberspace

Was Drohnen am Himmel zeigen, führen Bots im Netz fort: Die Gefahr entsteht nicht durch einzelne Geräte, sondern durch ihre Masse. Drohnenschwärme im Krieg, Botnetze im Cyberspace – beides folgt derselben Logik: Überforderung durch Volumen.

Bots sind billig, skalierbar, aufwändig zu stoppen. Ihre Infrastruktur verteilt sich über das gesamte Internet, oft unbemerkt auf infizierten Systemen oder missbrauchten Cloud-Ressourcen. Interne Zahlen zeigen, dass 42 Prozent der schädlichen Anfragen aus Netzen in den USA, 19 Prozent aus Deutschland und 12 Prozent aus China stammen. Russland taucht mit 3 Prozent erst auf Platz sieben auf. Diese Analyse zeigt, wie Cyberkriminelle ihre Angriffskampagnen meist über Länder mit leistungsfähiger technischer Infrastruktur und schneller Internetanbindung leiten. Sie nutzen gezielt globale Ressourcen und verschleiern damit ihren eigentlichen Standort.

Parallel dazu füllen KI-Bots und Crawler den digitalen Luftraum. Sie durchforsten Webseiten automatisiert, belasten Server massiv – und 13,3 Prozent von ihnen ignorieren bewusst die Vorgaben der robots.txt. Der Entwicklerdienst SourceHut musste im März 2025 wegen aggressiver LLM-Crawler zeitweise offline gehen.

So wie eine kleine Drohne einen Flughafen blockieren kann, blockiert ein Botnetz öffentliche Portale: Bürgerkonten, Register, Bezahlstrecken. Ziel ist oft nicht der direkte Datendiebstahl, sondern die Störung der Verfügbarkeit.

Verfügbarkeit – die neue Frontlinie

Im physischen Krieg ist der Himmel keine sichere Zone mehr. Kleine FPV-Drohnen kreisen wie Stechmücken über Stellungen oder liegen versteckt im Gras, jederzeit bereit, zuzuschlagen. Jeder Schritt muss abgewägt sein, weil der nächste Anflug droht – die Schwärme müssen nichts sprengen, um Wirkung zu entfalten, sie halten Räume besetzt und binden Aufmerksamkeit.

DDoS-Attacken über ein Botnetz folgen derselben Logik. Für Angreifer sind sie heute ein niederschwelliges Angriffsmittel: leicht verfügbar, ohne große eigene Infrastruktur ausführbar und als „as a Service“ für vergleichsweise geringe Beträge buchbar. Die Attacke auf den Blog des Sicherheitsexperten Brian Krebs etwa nutzte 2025 das Aisuru-Botnetz und erreichte Spitzen von 6,3 TBit/s, angeboten wurde die Schlagkraft im Abo-Modell über Telegram.

Der Effekt ist immer gleich: Zugänge blockieren, Bandbreiten fressen, Teams in den Ausnahmezustand zwingen. Der Lärm wird auch gerne als Nebelkerze eingesetzt. Während alle auf die Überlastung starren, läuft im Hintergrund eine zweite Operation: gezielte Kontoübernahmen, Spionage über APIs, das Ausloten schwacher Punkte in der Infrastruktur. DDoS-Kampagnen begleiten oftmals andere Angriffe oder bereiten diese vor.

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Die Folgen sind konkret – und teuer. Wenn in der Gesundheitsversorgung die IT ins Stocken gerät, hat das unmittelbare Auswirkungen auf die ärztliche Versorgung der Menschen. Auch in anderen KRITIS-Bereichen gilt: Jede Minute Stillstand verursacht operative Schäden – von Ausfällen im Zahlungsverkehr bis hin zu blockierten Bürgerdiensten und Verwaltungsportalen. Die Kosten reichen von Overtime und Notfallprozessen bis zu spürbaren wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen.

Laut Bundesregierung stieg die Zahl gemeldeter Cybersicherheitsvorfälle in Deutschlands kritischer Infrastruktur 2024 auf 769 Fälle – ein Plus von 43 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Verfügbarkeit ist deshalb nicht nur eine technische Kennzahl. Sie ist die Frontlinie, an der sich zeigt, ob Systeme unter Beschuss handlungsfähig bleiben – trotz Schwärmen, trotz Nebel, trotz Lärm.

Der blinde Fleck Europas

Vor der österreichischen Nationalratswahl 2024 überzogen pro-russische Hacktivisten das Land mit einer mehrtägigen DDoS-Kampagne: Betroffen waren Regierungsseiten, Flughäfen und die Wiener Börse. Kurz darauf trafen ähnliche Angriffe im Umfeld der Europawahl und nationaler Wahlen in den Niederlanden weitere Regierungs- und Parteiseiten.

Und die Muster wiederholen sich. Im Herbst 2025 legten DDoS-Angriffe kurz vor Kommunal- und Regionalwahlen in Dänemark die Webauftritte mehrerer Parteien und Teile der öffentlichen Online-Infrastruktur lahm. Der Wahlakt selbst blieb intakt – aber das digitale Umfeld geriet ins Wanken. Europol und Eurojust sehen Gruppen wie NoName057(16) als zentrale Akteure hinter diesen Kampagnen, die gezielt auf Wahlen, Parlamente und kritische Infrastruktur zielen.

ENISA analysierte von Mitte 2024 bis Mitte 2025 fast 4.900 Sicherheitsvorfälle in der EU; die öffentliche Verwaltung war der am stärksten betroffene Sektor, und DDoS-Angriffe machten rund 76,7 Prozent der gemeldeten Vorfälle in diesem Bereich aus. Solche Kampagnen, insbesondere rund um Wahlen und internationale Gipfel, werden weiter zunehmen – nicht, um Stimmen zu manipulieren, sondern um das digitale Umfeld zu stören.

Wie bei einem Drohnenüberflug geht es auch digitalen Raum vor allem darum, Grenzen zu ignorieren, Systeme zu testen und Vertrauen anzugreifen. Europas blinder Fleck ist nicht das Erkennen der Bedrohung – sondern die Bereitschaft, Schutz so ernst zu nehmen wie die Gefahr selbst und Gefahren mittels vorgelagerter Schutzschichten frühzeitig aus dem Verkehr zu ziehen.

Warum Lösungen extern liegen müssen

Um DDoS-Angriffe und Attacken durch riesige Botnetze abzuwehren, braucht es ein System, das wie Radar und Abfangstaffel zugleich funktioniert. Denn: Wer Schwärme abwehren will, muss Schwärme verarbeiten können. Algorithmen entscheiden in Millisekunden, welche Pakete passieren dürfen und welche nicht – bevor sie die produktiven Systeme erreichen. Für Banken, Gesundheitsanbieter, Plattformen und Behörden ist das Voraussetzung, um Verfügbarkeit, Compliance und Meldepflichten gleichzeitig zu erfüllen.

Im digitalen Raum übernehmen das vorgelagerte Schutzdienstleister. Sie analysieren in Echtzeit, aus welchen Netzen Angriffe kommen, über welche Protokolle sie laufen und mit welchen Browsern sowie Verhaltensmustern sie arbeiten. Werden zukünftig ähnliche Muster und Signaturen registriert, erfolgt ein Block vollautomatisch.

Ohne enorme finanzielle sowie personelle Ressourcen ist es kaum möglich, eine eigene, interne Schutzinfrastruktur aufzubauen und zu betreiben. Eine vorgelagerte, externe Schutzschicht nimmt den Druck aus dem Netz, bevor er Systeme und Organisationen zerreibt.

Der Schwarm fliegt weiter

Bots sind die Drohnen des Internets. Sie fliegen unsichtbar, schnell und in großer Zahl – und testen täglich unsere Abwehr. Die Ukraine zeigt, wie unbemannte Systeme die Kriegsführung verändern. Im digitalen Raum passiert das längst – nur leiser. Wer diesen Schwärmen nicht einfach tatenlos zusehen will, sondern ihnen begegnen möchte, braucht deshalb eine Schutzinfrastruktur, die sichtbar macht, was fliegt, versteht, was stört, und handelt, bevor man selbst getroffen wird. Denn am Ende gilt: Wer den Luftraum nicht kontrolliert – ob über Flughäfen oder in den Netzen –, der verliert ihn.

Der Autor
Nicolas Armer, Global Communications Manager, Myra Security

Bildquelle: Myra Security

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