In Baden-Württemberg geht der Aufbau der landesweiten cloudbasierten Gesundheitsplattform voran. Stefan Krebs, CIO/CDO des Landes, spricht über die besonderen Herausforderungen des Projekts und die nächsten Schritte.
Stefan Krebs, Ministerialdirektor und CIO/CDO des Landes Baden-Württemberg.
Ein cloudbasiertes Gesundheitsdatenökosystem: nachhaltig, sicher und interoperabel, mit Fachdiensten und Basisleistungen nach dem App-Store-Prinzip – mit dem Projekt MEDI:CUS verfolgt Baden-Württemberg große Pläne. Nicht nur technologisch ist das eine anspruchsvolle Aufgabe, es sind auch mehrere Landesministerien involviert, deren Zusammenwirken zu koordinieren ist. Wir haben bei Stefan Krebs, CIO/CDO des Landes Baden-Württemberg, nachgefragt, wie das gelingt.
Bei einem solchen ressortübergreifenden Projekt dürfte allein die Koordination auf Seiten der Ministerien eine herausfordernde Aufgabe sein. Wie ist diese Zusammenarbeit organisiert?
Krebs: MEDI:CUS ist ein gutes Beispiel für eine ressortübergreifende Zusammenarbeit, die reibungslos läuft: Von den finanziellen Mitteln über die Kompetenzen bis hin zu den jeweiligen Netzwerken wird gemeinsam alles in die Waagschale geworfen, um eine ganzheitliche Transformation für einen Sektor im Umbruch zu koordinieren. Mit der Projektleitung ist das Innenministerium beauftragt, das auch die Zuständigkeit für Digitalisierung innehat. Hier laufen die Fäden zusammen. Wir als Innenministerium erarbeiten mit den Implementierungspartnern die Ergebnisse und treiben die Umsetzung auf das Projektziel hin voran. Die beteiligten Fachressorts stellen neben den finanziellen Mitteln auch personelle Expertise bereit und unterstützen die Umsetzung inhaltlich entsprechend ihres jeweiligen Ressortschwerpunktes. Ein Projekt dieser Größe erfordert darüber hinaus auch die Unterstützung weiterer Akteure im Gesundheitswesen. Daher freuen wir uns über die Unterstützung von rund 70 Expertinnen und Experten aus der klinischen Praxis, die in Arbeitsgruppen die Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer einbringen und die Projektergebnisse mitgestalten können. Ein Lenkungsausschuss, der mit Vertreterinnen und Vertretern aus Ministerien, Krankenhäusern und Forschung besetzt ist, fungiert als Kontroll- und Steuerungsgremium. Mit dieser sehr kooperativen Struktur versuchen wir, die herausfordernde Konstellation im Gesamtvorhaben gut zu beherrschen.
Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie in diesem Projekt?
Krebs: Die Krankenhäuser stehen vor großen Herausforderungen wie knappen Mitteln, mangelnder technischer Interoperabilität und belastetem Personal. Gleichzeitig müssen sie immer neuen regulatorischen Anforderungen wie dem Krankenhauszukunftsgesetz gerecht werden. Damit trifft ein ohnehin unter Spannung stehendes System auf zusätzlichen Veränderungsdruck. Ein sehr wichtiges Element ist daher, den Nutzen und die Vorteile von MEDI:CUS immer wieder klar hervorzuheben, um die Offenheit und Motivation der Beteiligten für ein weiteres Veränderungsprojekt entsprechend aufrechtzuerhalten.
Wie arbeiten die Ministerien mit dem GovTech Campus und mit den Lösungsanbietern zusammen?
Krebs: Der GovTech Campus ist unser technischer Generalunternehmer: Unserem gemeinsamen Auftrage entsprechend setzt er mit weiteren Partnern und Lösungsanbietern die Architektur um. Als Schnittstelle zur Projektleitung haben wir im Projektteam auch eine versierte IT-lerin als „Technical Project Officer“, die den technischen Fortschritt im Blick hat, die stetige Qualitätskontrolle sicherstellt und im engen Austausch mit dem GovTech Campus, den Lösungsanbietern und den Arbeitsgruppen steht. So ist sichergestellt, dass die Ministerien auch von eigenen Experten beraten werden, die Umsetzungsergebnisse beurteilen und entsprechend abnehmen können.
Gibt es bereits erste Learnings, zum Beispiel aus der ersten Anwendung, bei der eine Kollaborationslösung in einer Cloudumgebung im kleineren Maßstab getestet wurde?
Krebs: Die Kollaborationslösung konnten wir bisher auf einer ersten Version der MEDI:CUS-Plattform als Showcase begutachten. Auf dieser Basis eine Einschätzung abzugeben, ist noch zu früh. Zuversichtlicher stimmt mich, dass im dritten Quartal 2025 erstmals in Pilotkliniken ein Echtbetrieb gestartet wird. Hier werden die Erkenntnisse gesammelt und entsprechend verarbeitet, auf deren Grundlage wir die Lösungen weiter anpassen und verbessern können. Relevante Learnings erwarte ich dann aus der Validierung mit den Nutzerinnen und Nutzern. Die Gruppe der Pilotkliniken wird dabei Einrichtungen aus allen Regionen Baden-Württembergs sowie unterschiedlicher Versorgungsgrößen abdecken, um einen realen Querschnitt unterschiedlicher technischer Grundvoraussetzungen abzubilden und so den Anbindungsprozess universell zu testen.
Wurden bereits weitere Lösungen entwickelt oder getestet beziehungsweise welche konkreten Lösungen sind noch geplant und welche Einrichtungen sollen in den ersten Schritten angeschlossen werden?
Krebs: Wir verfolgen den Ansatz eines „Store-Modells“. Das bedeutet, wir entwickeln keine Anwendungen, sondern stellen eine cloudbasierte Plattform bereit, über die Nutzerinnen und Nutzer einfach, schnell, günstig und sicher die bestgeeigneten Lösungen am Markt beziehen können. Als ersten Schritt stellen wir bis Ende 2026 zunächst nachgefragte Lösungen wie Cloudspeicher und Lösungen für Messaging und Telekonsil bereit. Die Auswahl der Piloteinrichtungen erfolgt in enger Abstimmung mit den zuständigen Fachressorts und der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft e. V. als Landesverband und soll nach Möglichkeit wie bereits beschrieben einen Querschnitt der Gesamtversorgungslandschaft abdecken. Schritt für Schritt weiten wir dann die Pilotierung aus mit dem Ziel, zum Projektende eine stabile und performante Plattform mit einem skalierbaren Angebot in den Regelbetrieb übergeben zu können.
MEDI:CUS – Fakten zum Projekt
MEDI:CUS steht für: Medizindaten-Infrastruktur: cloudbasiert, universell, sicher.
Als Projekt der Landesregierung wird der Aufbau der Plattform bis Ende 2026 aus Mitteln des „Forums Gesundheitsstandort Baden-Württemberg“ durch das Sozial-, Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium des Landes finanziert. Für die Zeit danach wird ein Betriebs- und Finanzierungsmodell entwickelt, das sukzessive umgesetzt werden soll, so dass im Laufe des Jahres 2026 der Regelbetrieb starten kann.
Das Projektteam arbeitet in fünf Workstreams:
Aufbauorganisation und Betrieb: Zu den aktuellen Aufgaben gehören die Erarbeitung der Grundlage für ein nachhaltiges Betriebs- und Finanzierungsmodell inklusive der möglichen Eigentümerstruktur sowie Legal- und Compliance-Themen. Um die Plattform zum Ende der Projektlaufzeit in den Regelbetrieb zu überführen, sei es wichtig, die Zielorganisation frühzeitig aufzubauen und die Überführung vorzubereiten. „Die Organisation muss dann schon auf klar definierte Prozesse, verlässliche Strukturen und eine leistungsfähige Betriebsarchitektur zurückgreifen können“, erklärt Projektleiterin Eva Schulz.
Technologie und Plattform: Anfang des Jahres habe der GovTech Campus, als technischer Implementierungspartner, die Firma Accenture für die technische Entwicklung an Bord geholt, berichtet Katharina Rach, Technical Project Officer. Bis Ende Q2/2025 werde die Plattform mit den ersten beiden einfachen Basisleistungen – eine Kollaborationslösung sowie eine Multi-Cloud-basierte Storagelösung – zum Test durch die Pilot-Krankenhäusern bereitstehen.
Fachdienste: Entsprechend dem App-Store-Ansatz sollen bereits bestehende Anwendungen auf die Cloudplattform gebracht werden. Die Plattform soll den Markt also vorsondieren und „standardisierte, interoperable sowie geprüfte digitale Dienste“ bieten – die angeschlossene Krankenhäuser dann einfacher, schneller und kostengünstiger beziehen können. Durch die übergreifenden Ausschreibungen und die zentrale Beschaffung sollen auch die Abhängigkeiten von einzelnen IT-Anbietern reduziert werden.
Rollout Kliniken: Die Pilotierung ist ab Q3/2025 geplant, mit etwa 10 bis 15 Krankenhäusern verschiedener Versorgungsgrößen und aus allen Regionen Baden-Württembergs, in enger Abstimmung mit den beteiligten Ministerien und der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft.
Kommunikation und Changemanagement: Das Projekt wurde bereits auf mehreren Veranstaltungen, u.a. auf der DMEA, vorgestellt. Hier sei man auch mit Branchenvertreterinnen und -vertretern in den Austausch gekommen, habe Feedback erhalten, Unsicherheiten und offene Fragen besprochen, wie Projektleiter Alexander Becker berichtet. Eine weitere Maßnahme sind Online-Termine für die Krankenhäuser. Und schließlich soll auch der Anschluss in den Piloteinrichtungen eng begleitet werden, um Erkenntnisse für Change-Konzepte und letztlich für den Rollout zu gewinnen.
Stand: 08.12.2025
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