Kolumne Wandel braucht Werte!

Von Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves 4 min Lesedauer

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Alles andere als philosophische Mottenkiste, sondern wichtiges Instrument der digitalen Transformation: Professor Niehaves zeigt auf, wie Werte uns hier als Kompass und notwendiges Korrektiv dienen sowie Identifikation schaffen.

Was kann die Verwaltungspraxis von der Wissenschaft lernen? Die eGovernment-Kolumne klärt auf – diesmal zum Thema „Werte“. (©  Coloures-Pic - stock.adobe.com)
Was kann die Verwaltungspraxis von der Wissenschaft lernen? Die eGovernment-Kolumne klärt auf – diesmal zum Thema „Werte“.
(© Coloures-Pic - stock.adobe.com)

Immer wieder das Gleiche. Am Ende meckern sie alle. Nicht hübsch genug, nicht die richtigen Funktionen, nicht „usable“ genug und, seit Neuestem, nicht ethisch einwandfrei. Die Rede ist, wie soll es anders sein, von Digitalprojekten in der öffentlichen Verwaltung. Am Ende meckern sie alle.

Doch das eigentliche Drama nimmt seinen Lauf schon in der Frühphase des Projekts. Dort, in der Konzeptionsphase, wo die Fantasie noch mit technischer Machbarkeit tanzt und wir glauben, jedes Feature sei nur einen Mausklick entfernt. Hier begegnen wir dem ersten Akt: Wir könnten jetzt noch alles ändern, doch welche Folgen unsere Entscheidungen haben werden, das liegt im Nebel der Zukunft verborgen. Dann, wenn aus Ideen Code und dieser Code greifbar wird und das Leben der Nutzer und Nutzerinnen berührt, offenbart sich der zweite Akt: Die Auswirkungen unserer Entscheidungen treten zutage, doch jetzt, unter dem Gewicht des bereits Geschaffenen, erweisen sich nachträgliche Änderungen als ebenso mühsam wie kostspielig. Wir stehen vor einem zentralen Paradoxon der digitalen Ära, das in der Philosophie auch als „Collingridge-Dilemma“ bekannt ist: frei gestalten zu können, solange wir blind sind, und gefesselt zu sein, sobald wir klar sehen. In dieser Zwickmühle der digitalen Transformation navigieren wir zwischen dem Ideal, alles richtig machen zu wollen, und der Realität, dass jede spätere Korrektur ihren Preis hat.

Doch wie könnte man das Collingridge-Dilemma überwinden? Klassisches Requirement Engineering mit seinen detaillierten Spezifikationen, so erforderlich es natürlich ist, stößt hier an seine Grenzen. So verlieren wir uns hier oft in technischen Feinheiten, die zwar präzise sind, aber die Fähigkeit zur Anpassung an unbekannte Zukünfte einbüßen. Wir ersticken die Flexibilität im Keim, noch bevor sie Luft holen kann. Umfassende Bürgerbeteiligung hingegen, während sie demokratische Legitimation verspricht, stolpert über das Problem, dass selbst gut informierte Bürger und Bürgerinnen kaum die Langzeitwirkungen digitaler Weichenstellungen im Detail vorhersehen können. Experten und Expertinnen, und das kann leider nicht wirklich beruhigen, in den allermeisten Fällen übrigens auch nicht.

Über die Kolumne

Praxis und Wissenschaft sind oftmals zwei Paar Stiefel, sie koexistieren, werden jedoch selten direkt zusammengeführt. Gerade den Praktikern fehlt auch häufig die Zeit, die einschlägige wissenschaftliche Literatur zu lesen. Dabei könnten die Erkenntnisse der Wissenschaft auch in den hiesigen Verwaltungen zur Verbesserung der Arbeitsweisen, zum Verständnis neuer Technologie und zum effektiven Einsatz dieser beitragen.
In unserer wissenschaftlichen Kolumne arbeitet Björn Niehaves daher präzise, fundiert und praxisnah den Stand der Wissenschaft zu aktuellen relevanten Fragen oder einzelnen Publikationen auf und bringt sie mit der Praxis zusammen.

Die Lösung? Sie könnte in den Werten liegen, die wir als Leitsterne wählen. Werte wie Transparenz, Fairness, Gemeinschaft, Nachhaltigkeit und Inklusion sind weniger flüchtig als konkrete Anforderungen und bieten dennoch solide Handlungsgrundlagen. Sie sind wie Kompassnadeln, die zwar nicht den genauen Weg verraten, aber die Richtung weisen. Indem wir Werte ins Zentrum unserer Digitalprojekte stellen, vermitteln wir zwischen Orientierung einerseits und Flexibilitätsanforderungen andererseits. Wir schaffen damit Referenzpunkte, die robust genug sind, um sich entwickelnden gesellschaftlichen Normen und Erwartungen anzupassen, ohne bei jedem Windstoß der Veränderung gleich in sich zusammenzufallen. Werte stehen uns so bei allen unvermeidlichen Unwägbarkeiten digitaler Entwicklungsprozesse als Korrektiv und Orientierungspunkt zur Verfügung. Dieser in der Literatur auch als „Value-Sensitive Design“ (Value = Wert) bekannte Ansatz stellt den Menschen und seine Werte ins Zentrum technischer Entwicklungsprozesse.

Doch nicht nur bei konkreten digitalen Entwicklungsprojekten, auch bei der Formulierung von Digitalisierungsstrategien und allgemein im Rahmen von Change-Management-Projekten erfüllen Werte eine ähnliche Leit- und Orientierungsfunktion. Sie bieten Anknüpfungspunkte, die den Menschen Identifikation ermöglichen und ihnen so Unterstützung im Zuge digitaler Veränderungen bieten. Werte sind nicht nur theoretische Konstrukte, sondern sie resonieren mit persönlichen Überzeugungen und Erfahrungen, was ihnen eine kraftvolle, motivierende Wirkung verleiht. „Wofür – für welche Werte – soll die Digitalisierung in Eurer Stadt stehen?“ Dies fragen wir bei jeder Smart-City-Strategieentwicklung, die wir wissenschaftlich begleiten. Die Antworten reichen von Effizienzgewinnen und Kosteneinsparungen bis hin zu Nachhaltigkeit und Teilhabe. „Welche Werte soll die Zukunft der Arbeit in Eurer Verwaltung verkörpern?“, fragen wir bei jedem New-Work-Vorhaben. Hier hören wir Werte wie Flexibilität im Arbeitsalltag genauso wie die Stärkung des Wir-Gefühls. „Für welche Werte stehst Du?“, ist die Frage, die wir Change Managern und -Managerinnen in der Verwaltung stellen. Vertrauen, Transparenz, Mut oder Kreativität?

(Digitaler) Wandel braucht Werte! Wofür stehst Du?

Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves
ist Informatikprofessor und Politikwissenschaftler, leitet die Arbeitsgruppe „Digitale Transformation öffentlicher Dienste“ an der Universität Bremen und berichtet in der wissenschaftlichen Kolumne über diverse aktuelle Forschungsergebnisse zur digitalen Verwaltung.

Linkedin: www.linkedin.com/in/niehaves

Bildquelle: Björn Niehaves

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