IT-Security Sollte Deutschland Ransomware-Zahlungen für öffentliche Einrichtungen verbieten?

Ein Gastbeitrag von Andy Grolnick 5 min Lesedauer

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Schreckt ein generelles Zahlungsverbot Kriminelle wirklich ab oder blockiert es eher wichtige Behörden? Andy Grolnick, CEO von Graylog, gibt in seinem Gastbeitrag einen Überblick zu diesem brisanten Thema.

Lösegeld zahlen, um gekaperte Daten zu sichern und den Betrieb aufrechtzuerhalten: eine gute Idee?(©  Bacho Foto – stock.adobe.com)
Lösegeld zahlen, um gekaperte Daten zu sichern und den Betrieb aufrechtzuerhalten: eine gute Idee?
(© Bacho Foto – stock.adobe.com)

Stellen Sie sich vor, ein großes Gesundheitsunternehmen sieht sich einer weiteren Cyberattacke ausgesetzt und kann weder Patienten behandeln noch Krankenwagen entsenden. Der einzige Ausweg ist die Zahlung eines Lösegelds, um die Dienste wiederherzustellen und Leben zu retten. Doch es gibt ein Problem: ein neues Gesetz, das öffentlichen Einrichtungen derartige Zahlungen verbietet. Sollte eine öffentliche Einrichtung gezwungen werden, untätig zu bleiben, selbst auf Kosten von Menschenleben? Dies ist das entscheidende Dilemma des öffentlichen Interesses.

Dieses Szenario ist nach der neuen Konsultation der britischen Regierung zum Verbot von Ransomware-Zahlungen durch öffentliche Einrichtungen nicht weit von der Realität entfernt. Für Regierungsstellen ist ein solches Verbot bereits in Kraft, aber nach dem neuen Vorschlag würde es auch für Schulen, National Health Service Organisationen (NHS-Trusts), Gemeinden und kritische nationale Infrastrukturnetze gelten.

Oberflächlich betrachtet mag dies wie ein Schritt zur Eindämmung der Computerkriminalität erscheinen. Das Argument ist klar: Die Bezahlung von organisierten Kriminellen finanziert deren Operationen – Erpressung, Drogen, illegaler Handel und Geldwäsche – und schafft Anreize für weitere Angriffe. Ein Verbot würde diese Organisationen theoretisch weniger attraktiv für Ransomware-Banden machen. Die Auswirkungen in der Praxis sind jedoch weitaus komplexer.

Unbeachtete Folgen

Der erste Punkt, den es zu berücksichtigen gilt, sind die unbeabsichtigten materiellen Auswirkungen des Verbots von Lösegeldzahlungen. In einigen Fällen können die Kosten für die Unterbrechung des Betriebs die Kosten für die Zahlung des Lösegelds und die Wiederherstellung der Dienste übersteigen. Je länger sich die Wiederherstellungsmaßnahmen hinziehen, desto größer wird der Schaden, sowohl in finanzieller Hinsicht als auch in Bezug auf das öffentliche Vertrauen. Letzten Endes sollten die Institutionen die Möglichkeit haben, kommerzielle Entscheidungen auf der Grundlage ihrer besonderen Situation zu treffen.

Ransomware ist ein globales Problem, bei dem Cyberkriminelle grenzüberschreitend agieren. Es erfordert eine globale Reaktion.

Nehmen wir Florida, einen der beiden US-Bundesstaaten, die derzeit Lösegeldzahlungen verbieten. Kürzlich wurde dieses Verbot auf die Probe gestellt, als North Miami von einem Cyberangriff betroffen war, der die öffentlichen Dienste unterbrochen hat. Da die Stadt das geforderte Lösegeld nicht zahlen konnte, zogen sich die Wiederherstellungsmaßnahmen in die Länge, und einige Dienste waren auch zwei Wochen später noch nicht erreichbar. Auch wenn das Ziel darin bestand, die Cyberkriminalität einzudämmen, können die Folgen einer längeren Unterbrechung von Diensten größeren Schaden anrichten als die einfache Zahlung des Lösegelds.

Ransomware ist ein globales Problem

Ein weiteres Problem ist, dass Ransomware ein globales Problem ist, bei dem Cyberkriminelle grenzüberschreitend agieren. Es erfordert eine globale Reaktion, ähnlich wie bei der Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terrorismus oder die Pandemie. Die Regierungen müssen hohe Geldstrafen und Sanktionen verhängen und sogar drastische Maßnahmen in Erwägung ziehen, um Cyberkriminalität unrentabel zu machen. So könnte beispielsweise die Sperrung des Internetzugangs für Länder, die kriminelle Aktivitäten beherbergen, die öffentliche Empörung gegen diese bösen Akteure wecken und ihre Aktivitäten unterbrechen.

Aufgrund des grenzüberschreitenden Charakters von Ransomware-Angriffen kann ein von einer einzelnen Nation verhängtes Verbot wenig zur Abschreckung von Cyberkriminellen beitragen. Eine wirksame Abschreckung würde ein koordiniertes internationales Verbot erfordern, doch ein solcher Ansatz ist derzeit nicht realisierbar.

Das Problem geht noch tiefer

Ein pauschales Verbot von Zahlungen könnte dazu führen, dass Ransomware-Zahlungen in den Untergrund getrieben werden, da Unternehmen im Stillen über Berater oder andere Dritte zahlen, um Strafen zu vermeiden. Dieser Mangel an Transparenz würde die Nachrichtendienste über das Ausmaß und die Art der Cyberbedrohungen hinwegtäuschen und die Länder letztlich verwundbarer machen.

Darüber hinaus könnte die Lieferkette für kritische Infrastrukturen die Schuld abwälzen und eine Berichterstattung vermeiden, was die Transparenz und die Reaktionsmöglichkeiten weiter beeinträchtigen würde. Dieser Mangel an Rechenschaftspflicht könnte zu einer gefährlichen Situation führen, in der das wahre Ausmaß des Problems verborgen bleibt, so dass Cyberkriminelle ungehindert agieren können.

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Ein vorausschauender Ansatz kommt aus Australien

Ein gutes Beispiel dafür, wie man mit Ransomware umgehen kann, ohne sie zu verbieten, kommt aus Australien. Die australische Regierung erwog in der Vergangenheit ein Verbot von Lösegeldzahlungen für Cyberangriffe, entschied sich dann aber dagegen. Stattdessen wurde eine nationale Cybersicherheitsstrategie mit Initiativen wie einem Ransomware-Handbuch für Unternehmen, einer Meldepflicht für Angriffe und einem „No-Fault-No-Liability“-Meldesystem ins Leben gerufen, um Unternehmen zu ermutigen, Ransomware-Zahlungen ohne Angst vor Strafverfolgung zu melden. Diese Bemühungen zielen darauf ab, die nationalen Abwehrmechanismen zu stärken, bevor ein Verbot von Lösegeldzahlungen in Betracht gezogen wird.

Die australische Regierung hat sich dafür entschieden, die harte Arbeit zuerst zu tun, und ihre Strategie, die sich auf Prävention, Cyberhygiene der Mitarbeiter und Unterstützung nach einem Vorfall konzentriert, geht davon aus, dass wir die Cybersicherheit durch Vorbereitung und Zusammenarbeit angehen sollten.

Entscheidend ist der „Schritt voraus“

Bei der Bekämpfung von Ransomware geht es nicht darum, auf Angriffe zu reagieren, sondern ihnen einen Schritt voraus zu sein. Techniken wie TDIR (Threat Detection, Investigation, and Response) helfen dabei, Bedrohungen frühzeitig zu erkennen, damit Unternehmen eine Chance haben, Angriffe zu stoppen, bevor sie Chaos verursachen. Eine gute Cyber-Hygiene ist ebenso wichtig: Software auf dem neuesten Stand zu halten, Mitarbeiter zu schulen, um Phishing-Versuche zu erkennen, und sensible Daten zu sperren, kann den entscheidenden Unterschied ausmachen.

Deutschland braucht mutige, koordinierte Maßnahmen, um kriminelle Netzwerke zu zerschlagen und kritische Dienste zu schützen, ohne die öffentliche Sicherheit zu gefährden.

Und dann ist da noch die künstliche Intelligenz, die heute Berge von Daten durchforsten kann, um ungewöhnliche Aktivitäten zu erkennen, Schwachstellen vorherzusagen und sogar die Reaktion auf Bedrohungen zu automatisieren. Zusammen bilden diese Tools eine starke, proaktive Verteidigung gegen Ransomware.

Deutschland braucht mutige, koordinierte Maßnahmen, um kriminelle Netzwerke zu zerschlagen und kritische Dienste zu schützen, ohne die öffentliche Sicherheit zu gefährden. Cyberkriminalität ist ein endemisches Problem, und nur umfassende, globale Maßnahmen werden das Blatt wenden.

Andy Grolnick
CEO des Security-Anbieters Graylog

Bildquelle: Graylog

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