Software

Open Source ist keine Frage von Gut und Böse

< zurück

Seite: 2/2

Anbieter zum Thema

Entwicklung durch die Behörden?

Natürlich können Behörden eigene Entwicklungskompetenzen aufbauen. Doch das erscheint wenig realistisch – es sei denn, die Öffentliche Verwaltung würde massiv in das eigene IT-Know-how investieren. Gerade einmal drei Prozent der rund 26.000 Informatikstudierenden, die jährlich das Studium beenden, zieht es anschließend in die Öffentliche Verwaltung. Allein der Personalbedarf für die erfolgreiche Implementierung und Pflege der OZG-Leistungen beläuft sich hingegen auf mehrere Zehntausend stellen, wie KPMG im vergangenen Jahr ermittelt hat.

Dass sich Behörden vor diesem Hintergrund in breit aufgestellte Entwicklungsstudios für OSS verwandeln, ist keine ernsthafte Option; schon gar nicht angesichts der doch in Wahrheit äußert knappen personellen und finanziellen Ressourcen.

Dies gilt vor allem dann, wenn bereits entsprechende proprietäre Lösungen existieren. Warum sollten wir das Rad also zweimal erfinden? Um es zu betonen: Das alles spricht nicht gegen den Einsatz von Open-Source-Software, aber für den gleichberechtigten Einsatz proprietärer Software – und eine differenzierte und ideologiefreie Antwort auf die Frage, wie digitale Souveränität zu erreichen ist. In der Realität gibt es keine hundertprozentige oder nullprozentige OSS und wenn wir in der Grauzone leben, ist es fragwürdig, kategorische Vergabekriterien zu definieren.

Wo Kritiker proprietärer Software irren

Zwei zentrale Argumente werden oft gegen proprietäre Software ins Feld geführt. Das erste Argument betrifft die Kosten. Doch die angestellten Vergleiche hinken dabei regelmäßig. Es gibt nicht wenige Fälle, wo vermeintliche OSS deutlich teurer ist als andere Angebote – sowohl in Lizenzen als auch in den Gesamtkosten des Betriebs. Wie gesagt, es gibt nur ganz wenige Beispiele von reiner OSS. Wieviel Prozent OSS in einem Produkt steckt, ist dann nicht mehr ein eindeutiges Kriterium.

Im Zusammenspiel können proprietäre Software und Open-Source-Lösungen einen Beitrag zur digitalen Souveränität leisten, die Geschwindigkeit bei der Digitalisierung erhöhen, die Cybersicherheit und obendrein die Innovationskraft der IT-Branche hierzulande nachhaltig stärken

Das zweite zentrale Argument gegen proprietäre Software ist der nicht einsehbare Quellcode und damit einhergehend die Befürchtung, dass sich die Verwaltung mit ihren Daten einer Art Blackbox-Lösung ausliefern könnte, von der niemand so richtig sagen kann, was in ihr geschieht. Dabei lassen sich vertragliche Vereinbarungen finden, um die digitale Souveränität zu gewährleisten. Quellcode-Einblicke im Rahmen eines Code-Audits, das die Behörden oder entsprechend von ihnen beauftragte Dienstleister durchführen, sind ein Beispiel dafür. Durch diese Audits lassen sich der Datenschutz und die IT-Sicherheit der jeweiligen Software sicherstellen.

Die Rolle von Software „Made in Germany“

Viele Unternehmen in Deutschland und in Europa bieten proprietäre Softwarelösungen an – und sind entsprechend auf die Einnahmen angewiesen, um digitale Innovationen vorantreiben und leistungsstarke Angebote entwickeln zu können. Indem sich die Verwaltung komplett auf OSS umstellt, entzieht sie ihnen schlimmstenfalls die gesamte Geschäftsgrundlage. Das Ergebnis ist kein Beitrag zu mehr digitaler Souveränität in Europa, sondern zu einer Schwächung der hiesigen IT-Branche im internationalen Wettbewerb – dabei müsste das Streben nach mehr Souveränität doch genau das Gegenteil im Sinn haben. Die Digitalisierungsbemühungen der Verwaltung werden dadurch weiter ausgebremst.

Immer mehr Unternehmen entwickeln bereits OSS-Lösungen. Viele Anbieter proprietärer Software sind heute bereits wichtige Akteure der Open-Source-Community und unterstützen aktiv den Aufbau eines Open-Source-Ökosystems in Deutschland. Die Vorteile offener Software sind unbestritten. Doch Open-Source-Software ist eben auch kein Allheilmittel, sondern nur einer von mehreren Bausteinen hin zu mehr digitaler Souveränität. Es gibt gute Gründe, ebenso auf proprietäre Software zu setzen.

Die öffentlichen Verwaltungen in Deutschland sollten sich dieses Miteinander verschiedenster Ansätze bei der Entwicklung und der Monetarisierung von Software zu Nutze machen. Sowohl OSS als auch proprietäre Software haben ihre Daseinsberechtigung – und gerade die Balance zwischen beiden Welten kann wichtige Beiträge für Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen und die öffentlichen Verwaltungen selbst leisten.

Im Zusammenspiel können proprietäre Software und Open-Source-Lösungen einen Beitrag zur digitalen Souveränität leisten, die Geschwindigkeit bei der Digitalisierung erhöhen, die Cybersicherheit und obendrein die Innovationskraft der IT-Branche hierzulande nachhaltig stärken. Die digitale Verwaltung darf sich nicht länger selbst ausbremsen, sondern gehört pragmatisch vorangebracht – mithilfe von OSS und proprietärer Software, die einander ergänzen.

Dr. Stefan Sigg
Chief Product Officer bei der Software AG

Bildquelle: Software AG

(ID:48965742)

Jetzt Newsletter abonnieren

Wöchentlich die wichtigsten Infos zur Digitalisierung in der Verwaltung

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung