Gastautor Manuel Kilian beschreibt, welche Chancen digitale Technologien für eine nachhaltige Zukunft der öffentlichen Verwaltung bieten – und räumt dabei mit zwei Mythen auf.
Nicht nur in gängigen Produktkategorien denken: Werden digitale Technologien in der Beschaffung berücksichtigt, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten, Ressourcen zu schonen.
Der öffentlichen Verwaltung in Deutschland wurden auf Bundes- und Länderebene ehrgeizige klimapolitische Ziele gesetzt. Bis zum Jahr 2030 will beispielsweise der Bund klimaneutral agieren. Aus diesen politischen Zielen zur Klimaneutralität ergibt sich für die öffentliche Beschaffung der Arbeitsauftrag, beim Einkauf von Produkten und Dienstleistungen verstärkt deren Nachhaltigkeit zu berücksichtigen. Grundsätzlich werden bei der nachhaltigen Beschaffung ökologische, soziale und ökonomische Aspekte beachtet. Es liegt jedoch auf der Hand, dass zur Erreichung der klimapolitischen Ziele der ökologische Aspekt in den Mittelpunkt rückt. Um das Potenzial einer ökologisch nachhaltigen Beschaffung voll auszuschöpfen, wird kein Weg an einer Umschichtung der öffentlichen Beschaffungsausgaben hin zu digitalen Produkten vorbeiführen.
Die Grenzen einer zu engen Betrachtung der Nachhaltigkeit
Beginnen wir mit einem Beispiel, das wir alle aus der öffentlichen Verwaltung kennen, nämlich einem Blatt Papier, genauer gesagt, Frischfaserpapier. Die naheliegende nachhaltige Alternative zu Frischfaserpapier ist Recyclingpapier. Es ist vermutlich relativ einfach, den öffentlichen Einkauf von Frischfaserpapier durch Recyclingpapier zu ersetzen.
Dieser Ansatz, innerhalb gängiger Produktkategorien nach möglichst ähnlichen Alternativen mit geringeren Umweltauswirkungen zu suchen, ist nachvollziehbar. So gibt es immer mehr Handreichungen und Leitfäden, darunter zum Beispiel für die Beschaffung von Recyclingpapier (anstelle von Frischfaserpapier), von nachhaltigen Büromöbeln (anstelle von Möbeln aus nicht-erneuerbaren Rohstoffen) oder von wiederverwertbarem Straßenbelag (anstelle von neuem Asphalt).
Um beim Beispiel Papier zu bleiben: Das Problem ist, dass die CO2-Emissionen von Recyclingpapier im Durchschnitt nur 15 Prozent unter denen von Frischfaserpapier liegen (siehe Berechnungen des Umweltbundesamtes; die Einsparungen bei Wasser und Energie fallen hingegen höher aus). Um die Klimaziele zu erreichen, reichen 15 Prozent CO2-Einsparung nicht aus. Das Beispiel des Papiers verdeutlicht, dass die Betrachtung der Nachhaltigkeit innerhalb gängiger Produktkategorien ihre Grenzen hat. Ein Nachhaltigkeitseffekt kann zwar erwirkt werden, aber er wird für die Erreichung der Klimaziele oftmals zu inkrementell bleiben.
Digitalisierung als strategisches Element einer nachhaltigen Beschaffung
Wie lassen sich also weitere Einsparungen erzielen? Die lapidare, aber richtige Antwort im Falle von Papier lautet: Indem man es gar nicht erst beschafft. Denn für jede Seite Papier, die nicht benötigt wird, beträgt die CO2-Einsparung 100 Prozent. Genau hier lässt sich eine Brücke zur Digitalisierung schlagen, denn durch Schritte hin zur papierlosen Verwaltung, etwa durch eine elektronische Aktenverwaltung oder eine Software für das Sitzungs- und Gremienmanagement, ist es tatsächlich möglich, auf Papier zu verzichten und die damit verbundenen Emissionen und Umweltauswirkungen zu vermeiden.
Und diese Brücke zur Digitalisierung lässt sich in erstaunlich vielen Fällen schlagen, wie die beiden anderen oben genannten Produkte zeigen: Der Bedarf an neuen Büromöbeln, so nachhaltig sie auch sein mögen, kann durch die Beschaffung einer Software zur flexiblen Buchung und Optimierung der Auslastung von Büroräumen minimiert werden. Die Ausschreibung einer Bauleistung zur Erneuerung der Straßendecke, egal ob mit neuem Asphalt oder recyceltem Straßenbelag, kann überflüssig werden, wenn ein intelligentes Straßenmanagement-Tool hilft, kleine Straßenschäden so frühzeitig zu erkennen, dass gehandelt werden kann, bevor eine teure Sanierung notwendig wird.
Dieser Brückenschlag zur Beschaffung digitaler Technologien im Sinne einer nachhaltigen Beschaffung stellt eine intellektuelle Herausforderung dar. Im Vergleich zur Nachhaltigkeitsoptimierung innerhalb bestehender Produktkategorien ist dies keine einfache Aufgabe, denn sie bedarf einer strategischen Neuausrichtung des öffentlichen Beschaffungswesens. Für eine konsequent nachhaltige Beschaffung mit einer deutlichen Reduzierung des CO2-Fußabdrucks führt jedoch kein Weg daran vorbei.
Zu diesem Ergebnis kommt auch die kürzlich erschienene Weltbank-Studie Greening Public Administration with GovTech. Die Studie zeigt auf, wie digitale Technologien für den öffentlichen Sektor, also GovernmentTech oder kurz GovTech, zugunsten einer umweltfreundlichen Verwaltung eingesetzt werden können – indem Prozesse effizienter gestaltet, Ressourcen optimal genutzt und CO2-Emissionen reduziert werden. Ohne eine strategische Herangehensweise, so betont auch die Studie, wird dies jedoch nicht gelingen.
Stand: 08.12.2025
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Zwei Mythen über die Digitalisierung für eine nachhaltige Zukunft
In Diskussionen über das Potenzial digitaler Technologien für eine nachhaltige Zukunft der öffentlichen Verwaltung kursieren zwei Mythen: Erstens wird immer wieder behauptet, es gäbe keine geeigneten digitalen Lösungen für den öffentlichen Sektor. Zweitens wird mitunter argumentiert, dass schließlich auch digitale Lösungen einen CO2-Fußabdruck hinterlassen und daher vermieden werden sollten.
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