Die politische Landschaft verändert sich. Welche Chancen entstehen für KI-Innovationen in Deutschland, und wie wirkt sich der EU-AI-Act aus? Carsten Kraus, CEO von Casablanca, beleuchtet als KI-Experte sowohl wirtschaftliche als auch öffentliche Perspektiven. Im Interview äußert er sich zu aktuellen Entwicklungen und zum weltweiten Wettbewerb.
Carsten Kraus, CEO Casablanca und Mitglied des Forbes Technology Councils.
(Bild: Matthias Trenn)
Trump hat die Leitlinien für KI gekippt, investiert Milliarden in neue Rechenzentren und auch das Projekt Stargate läuft auf Hochtouren. Was bedeuten die aktuellen Entwicklungen in den USA für uns in Europa? Verlieren wir in Deutschland den Anschluss?
Carsten Kraus: Die USA bauen damit ihren aktuellen Vorsprung noch weiter aus, während China schon lange Milliarden in KI steckt. Beide Länder sind uns weit voraus, aber wir sind noch nicht abgehängt – das müssen wir uns bewusst machen, sondern nur hintendran. Die bisher von Deutschland angekündigten Millionen-Investitionen genügen nicht, wir brauchen endlich Milliarden. Die EU zieht nun endlich nach: mit der InvestAI Initiative beziehungsweise der EU AI Champions Initiative in Form von 200 Milliarden Euro. Das sind wichtige Schritte in die richtige Richtung, aber nur der Anfang. Auf nationaler Ebene macht Frankreich es vor und investiert 109 Milliarden Euro in Rechenzentren – genau das rate ich der deutschen Politik seit Jahren, um ein klares Signal zu setzen. Deutschland muss hier dringend nachziehen, damit wir nicht noch weiter zurückfallen. Auch muss der AI Act endlich die nötige Klarheit schaffen, damit KI nicht mehr als Risiko, sondern als Chance gesehen wird. KI ist eine Querschnittstechnologie, die alle Branchen betrifft. Wenn wir weiter abwarten, schließen andere Länder die Lücke – Arbeitsplätze gehen nicht deshalb verloren, weil wir KI einsetzen, sondern weil andere es tun und wir nicht mithalten.
Ein deutsches Hochleistungsrechenzentrum wäre ein starkes Signal in der KI-Welt. Wir müssen uns als Innovationsstandort positionieren und zeigen, dass wir KI wirklich wollen. Dafür brauchen wir jetzt Tempo, massive Investitionen und weniger Bürokratie. Europa sollte mutig handeln – let's do it!
Im vergangenen Jahr sagten Sie, dass die aktuelle Variante des AI Acts ein großes Problem hat und dadurch extrem gefährlich für die europäische Wirtschaft sei. Wo sehen sie das größte Problem?
Carsten Kraus: Das größte Problem beim AI Act ist, dass er viele KI-Anwendungen als „high-risk“ einstuft – von kritisch-sensiblen Bereichen wie Medizin bis hin zu alltäglichen HR-Anwendungen. Schon wenn ich ChatGPT frage, welche Fragen ich im Bewerbungsgespräch stellen soll, kann das zum Problem werden. Damit entstehen enorme bürokratische Hürden, die eigentlich nichts mit klassischen kritischen Bereichen wie Gesundheit oder Infrastruktur zu tun haben. Wer KI einführen will, steht plötzlich vor komplexen Prüfungen, hohen Dokumentationspflichten und drohenden Strafen von bis zu 35 Millionen Euro oder 7 Prozent des weltweiten Umsatzes. Das ist gerade für kleinere Betriebe existenzbedrohend – viele lassen es dann lieber ganz bleiben. Ähnliches konnten wir auch schon im Zuge der Einführung der DSGVO beobachten. Gleichzeitig reguliert der AI Act nicht nur KI-Unternehmen, sondern jeden, der KI einsetzt. Faktisch sind damit auch alle Branchen aller Art betroffen. Während US-Unternehmen und chinesische Firmen weitgehend frei entwickeln können, hemmt die EU die eigene Innovationskraft mit einem Regulierungsdickicht. Als Konsequenz verzichten wir auf erhebliche Produktivitätssteigerungen, die KI in praktisch jeder Branche bieten kann. Wer sich nicht traut, KI zu nutzen, verliert in der globalen Konkurrenz. Ich warne schon lange vor diesem Rückschritt – und fordere, dass die Politik hier mehr Augenmaß zeigt. KI darf nicht zum Risiko werden, sondern soll Europas Wirtschaft stärken. Deshalb ist es jetzt entscheidend, den AI Act so auszugestalten, dass er Klarheit schafft und nicht ausbremst.
Ist es problematisch, dass die Regulierung nur auf die EU-Ebene beschränkt ist?
Carsten Kraus: Ich halte das tatsächlich für ein großes Problem. Während die EU umfassend reguliert, haben Länder wie die USA viele Beschränkungen fallengelassen und können KI viel freier nutzen. Das schafft ein massives Ungleichgewicht. Zwar haben europäische KI-Start-ups in Nischenmärkten durchaus Chancen. Doch sowohl etablierte Weltmarktführer im Maschinenbau, oder andere Hidden Champions, als auch öffentliche Verwaltungen stehen vor erheblichen Herausforderungen. Denn sie werden künftig auf KI angewiesen sein, um wettbewerbs- bzw. handlungsfähig zu bleiben und so effizient und zukunftsorientiert zu arbeiten. Studien zeigen, dass KI die Produktivität in vielen Bereichen um 20 bis 40 Prozent steigern kann – und wer diese Vorteile nicht nutzt, fällt zurück.
Sollten wir dem Beispiel der USA folgen und der KI-Entwicklung mehr Freiraum geben?
Carsten Kraus: Ja. Es ergibt keinen Sinn, nur in Europa zu regulieren und unsere Wirtschaft damit auszubremsen. Der EU AI Act ist wie die Datenschutz-Grundverordnung (DGSVO) deutlich zu kompliziert. Laut AI Act ist gar nicht mal so vieles verboten, aber die Prüf- und Dokumentationspflichten sind viel zu bürokratisch. Die Folge: Unternehmen wie auch Behörden zögern beim Einsatz von KI, während in anderen Ländern die volle Power von KI genutzt wird – es werden bessere Produkte in kürzerer Zeit, günstiger und mit weniger Ressourcenverbrauch hergestellt und die kommen dann zu uns. Wenn man Künstliche Intelligenz weltweit reguliert, würde ich mich dafür aussprechen – auch hinsichtlich der Tatsache, dass die KI-Entwicklung schlicht zu schnell für uns Menschen ist und wir uns nur schwer anpassen können. Wir brauchen klare, schlanke Regeln und am besten eine internationale Lösung.
Stand: 08.12.2025
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Wie sieht Ihr Ansatz aus, den AI Act zu entschärfen (ohne neue Gesetzesinitiative)?
Carsten Kraus: Annex III des AI Acts müsste einfach wieder auf den ursprünglichen Entwurf reduziert werden, der sich auf kritische Infrastruktur, Medizin und autonomes Fahren beschränkt hat. Das AI Office, das die Liste der „High-Risk“-Anwendungen überwacht, könnte regelmäßig Anpassungen vornehmen, um sicherzustellen, dass die Regulierung mit den technologischen Entwicklungen Schritt hält und gleichzeitig Innovationen nicht behindert werden. Ein kontinuierlicher Dialog zwischen Wirtschaft und den zuständigen Behörden kann hier entscheidend zur Anpassung der regulatorischen Anforderungen beitragen.