Staatssekretär Jürgen Böhm im Interview Kompetenz- statt Wissensvermittlung

Von Natalie Ziebolz 4 min Lesedauer

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Was ändert sich durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz an Schulen und wie können Lehrkräfte darauf vorbereitet werden? Darüber sprachen wir mit Jürgen Böhm, Staatssekretär im Ministerium für Bildung Sachsen-Anhalt.

Durch neue Technologien wie Künstliche Intelligenz verändert sich das Lehr-Lern-Setting.(Bild:  WettE – stock.adobe.com)
Durch neue Technologien wie Künstliche Intelligenz verändert sich das Lehr-Lern-Setting.
(Bild: WettE – stock.adobe.com)

Welche Möglichkeiten bietet Künstliche Intelligenz in der Schule und wo liegen ihre Grenzen?

Böhm: Man kann KI recht breit gefächert in Schulen nutzen. Zum einen als medialen Lerngegenstand („Lernen über“), zum anderen aber auch als Arbeitswerkzeug („Lernen mit“). Für Schülerinnen und Schüler ergeben sich zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten: als Übersetzungswerkzeug, für Textüberarbeitungen, als Chatfunktion und Fremdsprachenassistent, denkbar ist auch eine interaktive Kommunikation als simulierte Expertenbefragung, Stichwort „Lernpartner“. Natürlich ist dabei jederzeit eine fachliche und überfachliche Reflexion über Chancen und Potenziale notwendig. So könnte KI auch als adaptive Technologie für individuelle Lernsettings/-pfade und Leistungsermittlungen eingesetzt werden, aber auch für Differenzierungsaufgaben oder als Lernassistenz, zum Beispiel als Tool für mathematische Rechenwege. Auch Lehrkräfte können davon profitieren. Grenzen und Risiken sehe ich in der ethischen Dimension, es handelt sich immer noch um eine Maschine, die im Zweifel natürlich nicht menschlich handelt.

An deutschen Schulen ist die Skepsis gegenüber dem Einsatz von KI im Unterricht groß. Woran liegt das?

Böhm: Ich kann diese pauschale Aussage grundsätzlich nicht bestätigen. Im Gegenteil: Wir erleben aktuell eher viel Interesse, welches sich mit Teilnehmerzahlen in Fortbildungen und Anfragen belegen lässt. Allerdings ist eine gewisse Unsicherheit oder Vorsicht auch nachvollziehbar: In der Arbeit mit Minderjährigen beziehungsweise Software-Technologien von außerhalb der EU sind Themen wie Informationssicherheit und Datenschutz häufig recht herausfordernd.

Wie geht das Land Sachsen-Anhalt mit der Thematik um?

Böhm: Seit Februar bietet das Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung (LISA) Sprechstunden, Handreichungen, Materialien, kontinuierliche Fortbildungsreihen und Großveranstaltungen – wie jüngst die „emuKON | 23 – Künstliche Intelligenz – Gekommen, um zu bleiben“, eine Tagung im Fokus der Medienbildung. Die KI steht im LISA im Fokus einer Denkwerkstatt zum Thema „Künstliche Intelligenz in der schulischen Bildung“, es gibt einen Podcast zum Thema, zudem wurden Abrufangebote in Form von Mikrofortbildungen für Lehrerdienstberatungen ins Leben gerufen, etabliert durch die Medienpädagogische Beratung des Landes. Als Lerngegenstand ist das Thema KI seit August explizit im Rahmenplan „Lernen in der digitalen Welt“ verankert. Dies wird perspektivisch fächerübergreifend in Lehrplänen abgebildet und umgesetzt.

Künstliche Intelligenz ist jedoch nicht die einzige Technologie, die an die Schulen drängt. Die IT-Infrastruktur und auch die Ausstattung der Schulen mit Endgeräten nimmt langsam zu. Damit diese nicht in den Ecken verstauben, braucht es neue Unterrichtskonzepte. Gibt es hier in Sachsen-Anhalt konkrete Projekte?

Böhm: Dies ist Kern aller Fortbildungen, fachspezifisch wie überfachlich. Als Unterstützungsinstrument dient die medienpädagogische Beratung des Landes. Zudem wurden im LISA das Projekt Digitalassistenz sowie die genannte Denkwerkstatt geschaffen, die sich mit Lehr- und Prüfungskultur in der Digitalität beschäftigen.

Wie verändert sich die Rolle der Lehrkräfte durch die neuen Technologien und Medien?

Böhm: Das Lehren und Lernen ist schon immer bestimmt von Veränderungen vor dem Hintergrund sich entwickelnder Technologien und Medien, dies wird auch immer so bleiben. Die Einbindung und Reflexion zeitgemäßer b gegenwärtiger Medien ist ein wesentliches Merkmal von modernem Unterricht. Digitale Medien verstärken dabei potenziell ein Lehr-Lern-Setting, in denen die Hierarchie zwischen Lehrkräften und Lernenden zunehmend aufgehoben wird. Herausforderung ist für Lehrkräfte wie Lernende gleichermaßen, Kompetenzen zu entwickeln, mit großen Wissensmengen umzugehen und diese strukturiert nutzen zu können. Dabei müssen Lehrkräfte agiler handeln, um erworbene Kompetenzen aktuell zu halten und weitergeben zu können. Neben reiner Wissensvermittlung liegt ein stärkerer Fokus dann auch auf der Entwicklung von Kompetenzen. Vor dem Hintergrund von KI könnten auch handlungs- und produktorientiere Lernformen sowie die Bedeutsamkeit des Lernprozesses bzw. Gestaltungsprozesses an Bedeutung gewinnen.

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