Hinterfragen kostet nichts Killerfragenkompetenz statt Kadavergehorsam

Ein Gastbeitrag von Carola Heilemann-Jeschke 4 min Lesedauer

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In der öffentlichen Verwaltung sind Mitdenken und Hinterfragen eher den höheren Hierarchieebenen vorbehalten. Doch wollen wir die Digitalisierung schnell vorantreiben, dann sollte konstruktive Systemirritation im Amt nicht erst ab Referatsleitung erlaubt sein.

Carola Heilemann-Jeschke, CIO der Freien Hansestadt Bremen und Abteilungsleiterin beim Senator für Finanzen.(Bild:  © Freie Hansestadt Bremen)
Carola Heilemann-Jeschke, CIO der Freien Hansestadt Bremen und Abteilungsleiterin beim Senator für Finanzen.
(Bild: © Freie Hansestadt Bremen)

Neulich kam es zu einer Begegnung, die das Grundproblem der deutschen Verwaltung wie unter einem Brennglas zeigt. Mein Gesprächspartner nahm, wie so oft, den vereinbarten Zeitpunkt für den Beginn des Termins nicht allzu ernst. Ich begann ein Gespräch mit einer pünktlich erschienenen Mitarbeiterin. Fast schon im Plauderton wollte ich wissen, ob es sie nicht störe, dass man in Arbeitsgruppen und Gremien technisch elaborierte Dokumente erstelle, allein um sie anschließend revisionssicher im DMS abzulegen. Ob sie nicht finde, dass sich Verwaltung oft zu sehr mit sich selbst beschäftigt, anstatt auf echte Ergebnisse zu schielen oder sich daran messen zu lassen, ob Arbeit tatsächlich Wirkung entfaltet?

Ein kurzes Zögern, dann ein Schulterzucken und ihr leises Eingeständnis: Sie sei „noch nicht in der Position“, diese Praktiken zu kritisieren oder unbequeme Fragen zu stellen. Wer denn, so fragte ich neugierig weiter, bestimme denn, wann man das dürfe? Wer verleihe das Privileg, mit Intellekt und Kritiklust die Verwaltung aus dem Dornröschenschlaf wachzuküssen?

Hamsterrad der Routine

In deutschen Behörden scheint das System damit beschäftigt, sich selbst zu verwalten. Arbeitsgruppen erarbeiten Konzepte und produzieren Berichte, die selten zu wirklicher Veränderung führen. Das System arbeitet selbstreferenziert. Nicht das Ergebnis zählt, sondern der Nachweis von Aktivität. Die Gremienlogik dient vor allem der Absicherung von Routinen, dem Konservieren des Alten.

Selbstständig zu denken und zu hinterfragen, das bleibt traditionell den „Höheren“ vorbehalten. Wer unten steht, verwaltet pflichtbewusst, aber hinterfragt nicht; oder zumindest nicht laut. Das System immunisiert sich so gegen Innovation und bleibt bequem im eigenen Trott. Und es funktioniert. Unbewusst. Automatisch. Unreflektiert. Das Statusamt entscheidet in der Behördenhierarchie, wer Fragen stellen, Unbequemes aussprechen, gar Kritik formulieren darf.

Das ist fatal: Wertvolle Perspektiven junger Mitarbeitender, die Prozesse unvoreingenommen mit frischem Blick sehen, bleiben stumm. Das Denken wird auf Vorrat gehalten, bis das Amt zum Ausdruck ermächtigt. So entstehen Generationen von Verwaltungsfachkräften, die gelernt haben, erst zu gehorchen und dann (vielleicht) zu gestalten. Oft aber ist es dann zu spät. Was passiert ist? Gewohnheit.

Die Folgen sind sichtbar: Meistens wird geliefert, produziert, dokumentiert, aber selten infrage gestellt, ob diese Aktivität Wirkung zeigt. Echte Veränderung? Fehlanzeige! Denn Mut zur Kritik bleibt die Ausnahme.

Das Ouroboros-Prinzip

Selbst das „Abliefern“ wird immer schwieriger. Weil sich das System im Selbsterhaltungsautomatismus immer mehr Aufgaben gibt. Innovationen werden so zur anstrengenden Nebensache (Nicht das auch noch!), solange sie als Risiko für Status, Karriere oder wohlerworbene Privilegien empfunden werden. Die Verwaltung verliert dadurch Innovationskraft und den Impuls, sich als lernende Organisation am Gemeinwohl auszurichten. Auch Verwaltungsdigitalisierung stockt nicht primär wegen fehlender Ressourcen oder Technik, sondern weil emotionale Erstarrung, Angst vor Statusverlust und systemischer Widerstand gegen Veränderung dominieren.

Wer tatsächlich Veränderung will, wird nicht selten in den eigenen Reihen ausgebremst, während Führung immer noch auf Fehlervermeidung und Verfahrenssicherheit setzt. Junge, motivierte Mitarbeitende gehen daran verloren, dass ihre Selbstwirksamkeit im Behördengestrüpp zerrieben wird, bis sie verstummen oder sich innerlich verabschieden.

Besonders brisant: Nicht die Höhe der Vergütung, sondern vielmehr die Möglichkeit zur Selbstwirksamkeit wirkt motivierend. Führungskräfte, die Vorbild sind, Ziele transparent machen und Kritik nicht als Bedrohung erleben, bleiben rar. Selbstwert, Wirkung und Initiative bleiben Privileg, solange das System am Status entscheidet, wer sprechen darf, statt am Willen, Verantwortung zu übernehmen und das Gemeinwohl voranzubringen.

Popkultur als Gegenentwurf

Gerade junge, progressiv denkende Frauen finden heute vielfältige Referenzen aus der Popkultur, die Mut, Chuzpe und Unbequemlichkeit feiern: Von Midge Maisel und Erin Brockovich, Wonder Woman und Rosie the Riveter bis zu Beyoncé oder #MeToo. Sie stehen für die Haltung: Wer etwas bewegen will, packt an, macht, wartet nicht geduldig auf Erlaubnis. Popkultur liefert die Narrative, sich einzumischen, konstruktiv querzudenken und Haltung zu zeigen, unabhängig vom Dienstgrad.

Wenn das Denken nur mit Status freigeschaltet wird, verliert die Verwaltung die kritischste und kreativste Kraft: die Perspektive der Nachwuchsgeneration. Wer sie systematisch ignoriert, reproduziert die Verwaltung der Vergangenheit, nicht die, die Zukunft gestalten könnte. Kritik, Neugier und Mut müssen kultiviert werden, völlig unabhängig vom Eintrag im Organigramm.

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Von der Mitläuferin zur Wirkungsarchitektin

Die junge Verwaltungsmitarbeiterin ist durch unser Gespräch ins Grübeln gekommen. Sie war dankbar für den Austausch und als sie ging, nickte sie mir mit geradem Rücken zu. Eine moderne, leistungsfähige Verwaltung braucht Menschen, die sich als Verantwortliche für Wirkung begreifen, nicht bloß als kleine Rädchen im großen Getriebe sehen. Dazu zählen vor allem die Jungen, die Neinsager und Querdenkerinnen, die Konstruktiven, unabhängig von Rang oder Titel.

Wo Mitdenken und Hinterfragen vom Status abgekoppelt werden, kann Verwaltung wieder Kraft fürs Gemeinwohl entfalten, anstatt Schriftgut für die Ablage zu produzieren. Dies braucht neue Anreizsysteme, Vertrauen, Führung und eine Kultur, die Mut über Rang stellt. Fortschritt, ob im Amt oder außerhalb, braucht konstruktive Störfreude, Neugierturbos und Killerfragenkompetenz.

Diese Kolumne ist ursprünglich in der Heftausgabe 11/2025 der eGovernment erschienen.

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