Bayerische Innovationskraft: KI und AI-Act-Anpassungen KI „made in Europe“

Das Gespräch führte Serina Sonsalla 4 min Lesedauer

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Ein souveränes KI-Ökosystem für Deutschland – geht das ohne US- oder China-Technologien? Das Projekt „gAIn“ will genau das schaffen. Im Interview erklärt Prof. Dr. Gitta Kutyniok vom Bayerischen Lehrstuhl für mathematische Grundlagen der KI an der LMU München, weshalb das ambitionierte Vorhaben realistisch ist – und welche Rolle der EU-AI-Act dabei spielt.

Prof. Dr. Gitta Kutyniok, Bayerischer Lehrstuhl für mathematische Grundlagen der KI an der LMU München. (©  x-default)
Prof. Dr. Gitta Kutyniok, Bayerischer Lehrstuhl für mathematische Grundlagen der KI an der LMU München.
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Wie stellen Sie sich die ideale Zukunft der KI vor? Welche Merkmale sollte KI haben, um sowohl ethisch als auch technologisch zukunftsfähig zu sein?

Kutyniok: Die ideale Zukunft der KI ist eine, in der technologische Leistungsfähigkeit, Nachhaltigkeit und ethische Verantwortung untrennbar miteinander verbunden sind. KI sollte so gestaltet sein, dass sie energieeffizient und ressourcenschonend arbeitet, um einen Beitrag zu globaler Nachhaltigkeit zu leisten. Gleichzeitig muss sie zuverlässig, transparent und erklärbar sein, sodass Menschen ihr vertrauen und ihre Entscheidungen nachvollziehen können. Ein zukunftsfähiges KI-System respektiert grundlegende Werte wie Datenschutz, Fairness und Nicht-diskriminierung – und ist von Anfang an so entwickelt, dass es rechtliche Vorgaben, wie den EU-AI-Act, erfüllt. Genau hier setzt das Bayern-Sachsen Projekt „Next Generation AI Computing (gAIn)“ an.

Welches Ziel verfolgt das Projekt „gAIn“ und wie planen Sie, ein KI-Ökosystem in Deutschland zu etablieren, das unabhängig von US-amerikanischen und chinesischen Lösungen funktioniert? Ist dieses Ziel mit gAIn realistisch?

Kutyniok: Das Ziel des Projekts der LMU München in Zusammenarbeit mit der TU Dresden und der TUM ist es, die nächste Generation energieeffizienter, zuverlässiger und rechtlich konformer KI-Technologien zu entwickeln – und damit die Basis für ein souveränes KI-Ökosystem in Deutschland und Europa zu schaffen. gAIn steht damit für einen Paradigmenwechsel: weg von rein leistungsgetriebenen, hin zu nachhaltigen, vertrauenswürdigen und menschenzentrierten KI-Systemen, die technologische Souveränität für Deutschland und Europa sichern.
Im Gegensatz zu den überwiegend US-amerikanischen und chinesischen Lösungen setzt gAIn nicht nur auf inkrementelle Verbesserungen, sondern auf disruptive Ideen, die auf tiefgreifender Grundlagenforschung in den Bereichen neuartige Hardware – etwa neuromorphes oder analoges Computing – und passgenaue Software beruhen.

Damit wollen wir sowohl die technologische Abhängigkeit verringern als auch zentrale europäische Werte wie Nachhaltigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Rechtskonformität, etwa mit dem EU AI Act, von Anfang an verankern.

Dieses Ziel ist ambitioniert, aber realistisch, weil gAIn – finanziell unterstützt durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus – auf die komplementäre wissenschaftliche Exzellenz und die starke industrielle Basis in Bayern und Sachsen zurückgreift. Mit der Hightech Agenda Bayern und der führenden Mikroelektronik in Silicon Saxony sind wesentliche Bausteine für ein eigenständiges KI-Ökosystem bereits vorhanden. gAIn bündelt diese Kompetenzen, verbindet anwendungsorientierte Forschung mit disruptiver Grundlagenforschung und leistet so einen entscheidenden Beitrag, um Deutschland und Europa in der globalen KI-Landschaft unabhängig und wettbewerbsfähig zu positionieren.

Welche spezifischen Herausforderungen sehen Sie in Bezug auf den EU-AI-Act? Wie beeinflussen diese Herausforderungen Ihre Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten?

Kutyniok: Der EU-AI-Act stellt hohe Anforderungen an Sicherheit, Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Vertrauenswürdigkeit von KI-Systemen – insbesondere in Hochrisikobereichen wie Medizin, Kommunikation oder Robotik. Eine zentrale Herausforderung liegt darin, diese Vorgaben nicht erst nachträglich umzusetzen, sondern von Anfang an in die Entwicklung zu integrieren. Das erfordert neue methodische Ansätze und technologische Lösungen, die technische Exzellenz und regulatorische Konformität verbinden. Für gAIn bedeutet das: Wir müssen KI-Systeme so gestalten, dass sie nicht nur leistungsfähig und energieeffizient sind, sondern auch von Grund auf die Prinzipien des EU-AI-Act erfüllen. Das beeinflusst unsere Forschungs- und Entwicklungsarbeit fundamental – etwa durch den Fokus auf erklärbare KI, robuste und transparente Architekturen sowie neuartige Hardware-Software-Kombinationen, die Sicherheits- und Zuverlässigkeitsanforderungen technisch abbilden können.

Der EU-AI-Act ist für uns daher nicht nur eine regulatorische Rahmenbedingung, sondern ein zentraler Treiber für Innovation hin zu einer vertrauenswürdigen, nachhaltigen KI.

Welche Änderungen oder Anpassungen am AI-Act wären notwendig, um Ihre Forschungen besser zu unterstützen und Deutschland zu einer führenden Nation im Bereich der Künstlichen Intelligenz zu machen?

Kutyniok: Der EU-AI-Act gilt in seiner aktuellen Form nicht direkt für die Forschung, sondern vor allem für das Inverkehrbringen und die Nutzung von KI-Systemen. Dennoch beeinflusst er Forschungs- und Entwicklungsprojekte indirekt, da er den regulatorischen Rahmen für zukünftige Anwendungen und den Technologietransfer vorgibt. Für Projekte wie gAIn ist es daher zentral, diese Anforderungen von Anfang an mitzudenken, um später konforme, vertrauenswürdige Systeme bereitstellen zu können. Ein entscheidender Beitrag dazu ist unser Forschungsprojekt der LMU München in Zusammenarbeit mit der TU Nürnberg und der TUM im Rahmen des Bayerischen Innovationsbeschleunigers des Bayerischen Staatsministeriums für Digitales, koordiniert von appliedAI. Dieses Projekt zielt darauf ab, die komplexen rechtlichen Vorgaben des EU-AI-Act formal zu modellieren und bis hin zur automatischen Verifikation zu operationalisieren. Ziel ist es, bereits in der Entwicklungsphase überprüfen zu können, ob ein KI-System regulatorischen Anforderungen entspricht. Damit könnten Forschung und Entwicklung in Deutschland nicht nur rechtskonformer, sondern auch schneller und effizienter werden, weil Compliance-Prozesse technisiert und vereinfacht werden.
Um Projekte wie gAIn und ähnliche Initiativen optimal zu unterstützen, wäre es aus unserer Sicht wichtig, dass der EU-AI-Act gezielt solche Innovationen fördert. So könnte der EU-AI-Act nicht nur als regulatorischer Rahmen, sondern als Innovationsmotor wirken, der technologische Souveränität und internationale Wettbewerbsfähigkeit Europas stärkt.

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