Krisenmanagement IT-Notfälle und Cyberattacken – was ist zu tun?

Das Gespräch führte Stephan Augsten 6 min Lesedauer

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Cyberangriffe, Naturkatastrophen, Systemfehler: Wie reagieren Organisationen aus dem öffentlichen Bereich auf IT-Notfälle? Was tun im Ernstfall? Darüber hat eGovernment mit Martin Zingsheim von Alcatel-Lucent Enterprise und Martin Fijolek von NTT Germany gesprochen.

Eine koordinierte Reaktion auf Cyberangriffe ist essenziell für ein reibungslos funktionierendes Krisenmanagement.(© Катерина Євтехова – stock.adobe.com)
Eine koordinierte Reaktion auf Cyberangriffe ist essenziell für ein reibungslos funktionierendes Krisenmanagement.
(© Катерина Євтехова – stock.adobe.com)

Ob zielgerichtet oder nicht: Cyberangriffe wie Social Engineering oder Ransomware-Attacken stellen eine große Gefahr für kritische Infrastruktur und öffentliche Institutionen dar. Martin Zingsheim, Sales Director Germany, Government & Education bei Alcatel-Lucent Enterprise, und Martin Fijolek, Director Sales Public Government bei NTT Germany, haben hierzu einige Tipps und Handlungsempfehlungen parat.

Herr Fijolek, die Sicherheitslage im Cyberraum wird immer angespannter. Wie bereiten sich öffentliche Einrichtungen wie Behörden, Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen auf IT-Notfälle vor? Gibt es standardisierte Krisenmanagement-Prozesse, die Sie empfehlen?

Martin Fijolek: Nach unseren Erfahrungen bereiten sich Behörden, Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen sehr unterschiedlich auf IT-Notfälle vor. Einerseits gibt es die Anforderungen nach KRITIS und z. B. NIS2, andererseits können die Einrichtungen aber auch im Rahmen ihrer eigenen Budgets agieren. Öffentliche Einrichtungen orientieren sich jedoch meist an den Empfehlungen des BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik). Hier bilden der BSI-Standard 100-4 oder die ISO 22301 die Grundlage für Notfallmanagementsysteme.

Was ist besonders wichtig für das Notfallmanagement?

Fijolek: Unerlässlich sind Notfall- und Wiederanlaufpläne. Sie müssen Komplettausfälle berücksichtigen und sich an den Geschäftsprozessen orientieren. Damit das Krisenmanagement reibungslos funktioniert, kommt es auf eine koordinierte Reaktion auf Cyberangriffe an. So müssen Ansprechpartner und Verantwortlichkeiten klar definiert sein, das Vorgehen ist strukturiert. Weiterhin sollten Mitarbeitende regelmäßig an Schulungen und Übungen teilnehmen, um zu lernen, wie sie im IT-Notfall schnell und effektiv reagieren. Diese Übungen decken außerdem Schwachstellen in den Notfallplänen auf und ermöglichen deren Behebung.

Regelmäßige Backups auf robusten Systemen minimieren Datenverluste. Sie sind entscheidend für die schnelle Wiederaufnahme des Betriebs. Das Backup muss sicher vor Ransomware sein, was auch vorab geprüft werden sollte. Viele Einrichtungen nutzen lokale und cloudbasierte Backup-Lösungen.

Behörden sollten Cybersecurity-Maßnahmen risikobasiert umsetzen. Ein Sicherheitsmanagementsystem nach IT-Grundschutz oder ISO 27001 bildet die Grundlage dafür. Es umfasst Grundschutzbausteine oder eine Risikobewertung für Geschäftsprozesse und IT-Assets. In der aktuellen Sicherheitslage sind die Implementierung von Security Controls, der Betrieb der gesamten IT-Infrastruktur und die kontinuierliche Überwachung durch ein Security Operation Center entscheidend. Viele Einrichtungen arbeiten, meist mangels eigener interner Spezialisten, mit externen Partnern zusammen. Diese unterstützen beim Aufbau von Security-Lösungen und betreiben manchmal auch das Security Operations Center. NTT DATA bietet hier umfassende Dienstleistungen an.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen im Krisenmanagement öffentlicher Einrichtungen bei Cyberangriffen?

Fijolek: Öffentliche Einrichtungen stehen im Krisenfall bei Cyberangriffen vor großen Herausforderungen: Sie sind oft unzureichend vorbereitet und verfügen über begrenzte Ressourcen. Im Gegensatz zu Unternehmen fehlt ihnen meist das Geld, um umfassend in Sicherheitsmaßnahmen zu investieren. Zudem mangelt es häufig an spezialisierten Fachleuten, die auf komplexe Cyberangriffe angemessen reagieren können.

Ransomware-Angriffe sind ein wachsendes Problem. Welche Maßnahmen können Behörden ergreifen, um ihre Kommunikationsinfrastruktur in solchen Fällen aufrechtzuerhalten?

Martin Zingsheim: Ransomware-Angriffe gefährden die Kommunikationsinfrastruktur erheblich. Eine vorausschauende Sicherheitsstrategie schützt sie in kritischen Situationen. Behörden sollten dafür erstens in präventive Maßnahmen investieren, indem sie eine robuste Cybersicherheitsarchitektur aufbauen und warten. Diese ermöglicht regelmäßige Sicherheitsüberprüfungen und das frühzeitige Erkennen von Bedrohungen. Frühwarnsysteme, die auf maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz basieren, sind dabei entscheidend. Eine gesicherte, verschlüsselte Kommunikationsinfrastruktur, die sich an Standards wie NIS2 oder BSI IT-Grundschutz orientiert und zertifiziert ist, ist ebenfalls wichtig.

Zweitens müssen Behörden Notfallpläne entwickeln, um die Kontinuität der Kommunikation sicherzustellen. Dazu gehört der Aufbau redundanter Netzwerke und Datenpfade, die bei einem Angriff aktiviert werden können. Diese Strukturen minimieren Ausfallzeiten und ermöglichen einen schnellen Wechsel zu alternativen Systemen. Eine Lösung wie Rainbow Guardian, eine „Backup-Cloud-PBX“-Lösung, alarmiert im Bedarfsfall alle Teilnehmer innerhalb weniger Minuten und baut eine Notfallkommunikation auf. Dabei bleiben bestehende Rufnummern erhalten, um die Erreichbarkeit intern und extern sicherzustellen.

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Wie wichtig ist eine präventive Planung für Krisensituationen in Bezug auf IT-Sicherheit? Welche Rolle spielen dabei Schulungen und Sensibilisierung der Mitarbeiter?

Fijolek: Präventive Planung ist entscheidend für die IT-Sicherheit, da sie potenzielle Bedrohungen frühzeitig erkennt und verhindert. Indem man Risiken identifiziert und bewertet, kann man Maßnahmen ergreifen, um sie zu minimieren. Ein durchdachter Notfallplan ermöglicht eine schnelle, koordinierte Reaktion auf IT-Sicherheitsvorfälle und mindert so die Auswirkungen eines Angriffs. Diese Maßnahmen schützen kritische Systeme und Daten.

Schulungen und Sensibilisierung der Mitarbeitenden sind zentral. Regelmäßige Trainings vermitteln ihnen die Bedeutung der IT-Sicherheit. Geschulte Mitarbeitende erkennen und melden verdächtige Aktivitäten schneller, was die Reaktionszeit verkürzt. Sie lernen auch, sichere Praktiken im Umgang mit Daten und IT-Systemen anzuwenden, wodurch das Risiko von Sicherheitsvorfällen sinkt.

Welche Vorteile bieten Cloud-basierte Lösungen im Vergleich zu traditionellen IT-Infrastrukturen beim Krisenmanagement und der schnellen Reaktion auf Cyberattacken?

Zingsheim: Immer wieder wird über die Vorteile von On-Premises- und Cloud-Lösungen diskutiert. Es geht aber gar nicht darum, sich für eine Variante zu entscheiden, sondern das Beste aus beiden zu nutzen. Wir bieten unseren Kunden hybride Cloud-Lösungen, damit sie selbst bestimmen, mit was sie intern arbeiten und was sie besser aus der Cloud beziehen. Besonders in Bezug auf IT-Sicherheit und Krisenmanagement bietet dies den Vorteil, redundante und alternative Kommunikationswege zu schaffen. Ein zentraler Vorteil ist die Ausfallsicherheit. Fällt eine On-Premises-Lösung aus oder wird kompromittiert, kann der Datenverkehr schnell und effizient auf andere Zentren umgeleitet werden, ohne dass es zu nennenswerten Unterbrechungen kommt. Das gilt natürlich auch umgekehrt.

Wie können Organisationen sicherstellen, dass ihre Daten auch in Krisensituationen sicher bleiben? Welche Rolle spielt dabei die Verschlüsselung von Daten in der Cloud?

Zingsheim: Datenverschlüsselung ist entscheidend, besonders in Cloud-Umgebungen. Sie bietet eine zusätzliche Schutzebene, die sicherstellt, dass Informationen selbst bei Angriffen oder Datenlecks unlesbar bleiben. Wir raten unseren Kunden daher, Daten sowohl im Ruhezustand als auch während der Übertragung zu verschlüsseln. So bleiben sensible Informationen geschützt, selbst wenn ein Angreifer das Netzwerk erreicht. Neben der Verschlüsselung sollten Organisationen starke Authentifizierungsmethoden wie die Multi-Faktor-Authentifizierung nutzen. Diese garantieren, dass nur autorisierte Nutzer auf die Daten zugreifen, auch wenn ihre Anmeldedaten in die falschen Hände geraten sind.

Eine Zero-Trust-Architektur erhöht die Sicherheit, indem sie jeden Nutzer und jedes Gerät ständig überprüft und authentifiziert, bevor sie Zugang zu sensiblen Daten erhalten. Das verhindert, dass Angreifer unbemerkt im Netzwerk agieren. In Krisen wie Ransomware-Angriffen oder IT-Ausfällen sichern redundante Systeme und regelmäßige, verschlüsselte Backups eine schnelle Datenwiederherstellung. Diese Backups sollten geografisch verteilt gespeichert werden, um Totalverluste zu vermeiden. Zusammengefasst: Verschlüsselung, kombiniert mit starkem Identitätsmanagement und Backup-Strategien, ist entscheidend, um Datensicherheit auch in Krisen zu gewährleisten.

Was sind Ihre Empfehlungen an öffentliche Einrichtungen, um ihre Cyber-Resilienz zu stärken und zukünftige Krisenszenarien besser bewältigen zu können?

Zingsheim: Organisationen sollten frühzeitig eine mehrschichtige Sicherheitsarchitektur implementieren, um sich gegen verschiedene Bedrohungen zu wappnen. Diese Strategie, die Menschen, Technologien und Prozesse kombiniert, ist entscheidend für die Widerstandsfähigkeit öffentlicher Einrichtungen gegen Cyberangriffe. Ein besonderes Augenmerk auf Prävention, Schulung und Zusammenarbeit gewährleistet, dass diese Institutionen auch in künftigen Krisensituationen ihre Dienste sicher und effizient bereitstellen können. Es ist ratsam, dass öffentliche Einrichtungen eng mit vertrauenswürdigen Unternehmen aus der Privatwirtschaft zusammenarbeiten, die die nötigen Zertifizierungen und Testate nachweisen können und auf das Thema Cybersicherheit spezialisiert sind.

Martin Zingsheim
ist Sales Director Germany, Government & Education, bei Alcatel-Lucent Enterprise.

Bildquelle: ALE Deutschland



Martin Fijolek
arbeitet als Director Sales Public Government bei NTT Germany

Bildquelle: NTT Germany

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