Kolumne GovTech: Europas digitale Zukunft?

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves und Luca T. Bauer 4 min Lesedauer

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Die Zusammenarbeit mit Start-ups gilt als moderner Weg der Verwaltungsdigitalisierung. Professor Niehaves und Luca Bauer zeigen mit ihrer jüngsten Studie, warum dieser Weg oft kürzer aussieht, als er in Wirklichkeit ist. Und weshalb gute Absichten allein noch keine Transformation erzeugen.

Start-ups als Impulsgeber treffen oft auf geringe Fehlertoleranz und hohe Risikoaversion.(Bild: ©  ANMZAKARIA – stock.adobe.com)
Start-ups als Impulsgeber treffen oft auf geringe Fehlertoleranz und hohe Risikoaversion.
(Bild: © ANMZAKARIA – stock.adobe.com)

Europa hat GovTech für sich entdeckt. Die Zusammenarbeit mit Start-ups gilt inzwischen als fester Bestandteil der Verwaltungsdigitalisierung. Es gibt Strategien, Programme, Aktionspläne, Förderlinien und das von Brüssel bis in die Hauptstädte. GovTech taucht in Papieren zur digitalen Souveränität auf, in Innovationsagenden und in nahezu jeder Erzählung darüber, wie der Staat schneller, moderner und bürgernäher werden soll.

In den europäischen Papieren wirkt das Bild erstaunlich geschlossen: Kooperation statt Abschottung, Agilität statt Schwerfälligkeit, Start-ups als Impulsgeber. Die spannendere Frage ist allerdings eine andere: Was davon kommt in den Mitgliedstaaten tatsächlich an? Und noch konkreter: Ist Deutschland hier eine Ausnahme oder die Regel?

Realitätsabgleich

Um dieser Frage nachzugehen, haben wir gemeinsam mit der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF) in Brüssel eine vergleichende Studie durchgeführt. Befragt wurden Verwaltungsmitarbeitende, Entscheidungsträgerinnen und -träger nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, den Niederlanden und Portugal, ergänzt um die Perspektive von GovTech-Gründerinnen und -Gründern. Ziel war kein Länderranking, sondern ein europäischer Realitätsabgleich.

Das Ergebnis: Trotz unterschiedlicher Verwaltungsmodelle und politischer Erzählungen zeigen sich überraschend viele Gemeinsamkeiten. Die zentralen Herausforderungen rund um GovTech ähneln sich in Europa deutlich stärker, als es der nationale Blick oft vermuten lässt. Deutschland eingeschlossen.

GovTech-Start-ups werden weniger als klassische IT-Dienstleister wahrgenommen, sondern als kulturelle und methodische Impulsgeber, die bestehende Routinen infrage stellen.

Ein zentrales Ergebnis dieser Analyse: GovTech wird von Verwaltungen nicht primär aus Kostengründen genutzt. Die Zusammenarbeit mit Start-ups zielt weniger auf kurzfristige Einsparungen als auf Agilität, Innovationsgeschwindigkeit und neue Lösungsansätze. GovTechs werden dort geschätzt, wo es um bürgerzentrierte, nutzerfreundliche Anwendungen geht oder um sehr spezifische Probleme, für die es bislang keine passenden Standardlösungen gibt.

Impulsgeber statt Dienstleister

Besonders wichtig ist ihre Rolle als Übersetzer zwischen Verwaltung und Technologie. Entsprechend werden GovTech-Start-ups weniger als klassische IT-Dienstleister wahrgenommen, sondern als kulturelle und methodische Impulsgeber, die bestehende Routinen infrage stellen.

Ebenso deutlich zeigt sich, dass GovTech weder öffentliche IT noch große Technologieanbieter ersetzt. Verwaltungsdigitalisierung folgt in der Praxis keinem Entweder-oder. Öffentliche IT-Dienstleister stehen für Stabilität, Souveränität und den Betrieb kritischer Infrastrukturen. BigTech-Anbieter liefern skalierbare, standardisierte Basislösungen. GovTech-Start-ups bringen Innovationskraft, Experimentierfreude und bürgernahe Spezialanwendungen ein. Erfolgreiche Verwaltungen spielen diese Rollen nicht gegeneinander aus, sondern orchestrieren sie bewusst.

Genau an dieser Stelle beginnen jedoch die Probleme. Denn so klar die Rollen verteilt sind, so schwierig ist ihre Umsetzung in der Praxis. Die größten Hemmnisse liegen nicht in mangelnder Technologie, sondern in Strukturen und Routinen. Starre Vergabe- und Beschaffungsverfahren bevorzugen etablierte Anbieter und schließen Start-ups faktisch in allen untersuchten Ländern aus, lange Finanzierungszyklen passen schlecht zu iterativen Entwicklungslogiken, und nach erfolgreichen Pilotprojekten fehlt häufig die institutionelle Anschlussfähigkeit für eine Verstetigung oder Skalierung.

Start-ups sollen helfen, Risikoaversion abzubauen, stoßen aber auf Organisationen, die Risiken systematisch vermeiden.

Hinzu kommen kulturelle Faktoren: ausgeprägte Risikoaversion, geringe Fehlertoleranz und fehlende digitale Kompetenzen aufseiten der Verwaltung erschweren die Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Diese Muster finden sich länderübergreifend. Unabhängig davon, ob Verwaltung föderal oder zentral organisiert ist. GovTech scheitert damit oft weniger am Wollen als am Können und Dürfen.

Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz, das zeigte sich in vielen untersuchten Verwaltungen. GovTech wird häufig eingekauft, um kulturellen Wandel anzustoßen: mehr Agilität, mehr Nutzerorientierung, mehr Experimentierfreude.

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