Souveränität Digitale Selbstbestimmung – weit mehr als nur Scheinsouveränität

Ein Gastbeitrag von Florian Weber 4 min Lesedauer

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Die Notwendigkeit einer stärkeren technologischen Unabhängigkeit Deutschlands und Europas dürfte unbestritten sein. Mit einfachen Rezepten lässt sich digitale Souveränität aber ebenso wenig umsetzen wie mit dogmatischen Entscheidungen. Gefragt ist vielmehr eine pragmatische, bezahlbare Handlungsflexibilität.

Die Fokussierung auf einen einzigen Cloud-Anbieter ist eine der häufigsten Quellen von Abhängigkeiten.(Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Die Fokussierung auf einen einzigen Cloud-Anbieter ist eine der häufigsten Quellen von Abhängigkeiten.
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Ausgabe 03/2026

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Wenn in Deutschland über Lösungen für so dringliche Problemfelder wie die Sicherung wirtschaftlicher Stärke und Unabhängigkeit, den Schutz demokratischer Werte oder die wachsenden Anforderungen an die innere und äußere Sicherheit diskutiert wird, gibt es einen großen gemeinsamen Nenner: die digitale Souveränität als elementare Notwendigkeit. Denn jede Form von Abhängigkeit erschwert die Lösung dieser so schwierig erscheinenden Aufgaben – oder macht sie gar unmöglich.

In der Praxis aber sind genau diese Bindungen praktizierte Normalität. So gab beispielsweise allein die Bundesverwaltung im Jahr 2025 fast 500 Millionen Euro für die Lizenzen eines einzigen Software-Unternehmens aus. Die Abhängigkeiten westlicher Staaten von chinesischer Netzwerktechnologie sind hinlänglich bekannt. Und auch der Wechsel des ERP-Anbieters ist meist mit vielen Hürden und enormem Aufwand verbunden. Genau solche Fälle von Vendor-Lock-in in teilweise höchst sensiblen Anwendungsszenarien sind klassische Hürden für die Handlungsflexibilität und -souveränität.

Die schwierige Frage nach Alternativen

Es reicht also nicht, die typischen Verdächtigen wie etwa proprietäre IaaS- oder PaaS-Angebote zu verbieten oder auf der Anwendungsseite Backdoor-behaftete Software-Services (SaaS) auszuschließen. Souveränität muss über alle Layer hinweg gedacht und umgesetzt werden, dabei aber praktikabel und beherrschbar bleiben.

Bei der Antwort auf die Frage nach souveränen Lösungsansätzen kommen typischerweise zwei Schlagworte ins Spiel: Open Source und lokale Anbieter. Doch dieses Mantra greift zu kurz. Es lässt außer Acht, dass lokale Open-Source-Angebote nicht die ganze Bandbreite der benötigten IT-Lösungen abdecken und Abhängigkeiten auch hier nicht ausgeschlossen sind. Außerdem kann hier das Allmende-Phänomen auftreten: Wer engagiert sich, wer kümmert sich, wer übernimmt Verantwortung, wenn ein Problem auftritt? Und räumliche Nähe allein ist noch kein Qualitätsmerkmal.

Die Fixierung auf bestimmte Technologien, Betriebsmodelle oder lokale Provenienz hilft also nicht weiter. Die öffentliche Hand muss Systeme vielmehr so gestalten, dass diese Optionen offenhalten – unabhängig davon, woher sie stammen. Wenn freier Handel, Wettbewerb und globale Kooperation das Ideal sind, dann gehört ein reflektierter Umgang mit potenziellen Abhängigkeiten unbedingt dazu.

Digitale Souveränität ist kein Dogma

Der erste logische Schritt zu mehr Flexibilität liegt darin, infrastrukturbedingte Abhängigkeiten und strukturelle Lock-in-Risiken zu reduzieren. Das betrifft sowohl die Cloud-Nutzung als auch Komponenten wie Betriebssysteme, Datenbanken, Kubernetes-Umgebungen oder Java-Versionen. Für sie alle müssen potenzielle Alternativen verfügbar sein, zu denen gewechselt werden kann und die mit vertretbarem Aufwand implementierbar sind.

Wichtig sind dabei auch Einfluss- und Änderungsoptionen, die es gestatten, Komponenten selbständig anzupassen oder zu verändern. Als Voraussetzungen dafür gelten unter anderem offene Schnittstellen, dokumentierte APIs und der Verzicht auf proprietäre Daten- und Dateiformate. Hilfreich sind wegen ihrer größeren Übersichtlichkeit und Flexibilität erfahrungsgemäß auch modular aufgebaute Programme, da Änderungen und Erweiterungen gezielter vorgenommen werden können und dann durchgängig wirksam und verfügbar sind.

Digitale Souveränität ist auch eine Frage der Sicherheit

Der interne Aufbau souveräner IT-Systeme mit offenen, flexiblen Komponenten muss natürlich durch die entsprechende externe Absicherung ergänzt werden. Dabei geht es vor allem darum, die Daten vor unbefugten Zugriffen zu schützen. Maßnahmen wie Verschlüsselung oder Mehrfaktor-Authentifizierung sorgen für die Sicherheit und Konformität mit entsprechenden Security-Richtlinien, wie etwa der DSGVO.

Und nicht zuletzt gehören Exit-Strategien zum „must have“ der Handlungsflexibilität souveräner IT-Lösungen. Wie einfach ist es beispielsweise, das Betriebsmodell zu ändern, Daten auf eine andere Plattform zu übertragen oder komplett von einer bestimmten Umgebung, sprich Infrastruktur oder Plattform, auf eine andere umzuziehen? Und wie teuer kann das werden? Denn letztlich muss digitale Souveränität bezahlbar sein – und bleiben.

Was darf die digitale Souveränität kosten?

In öffentlichen Institutionen muss daher genauso wie in Wirtschaftsunternehmen die Souveränität von IT-Lösungen mit deren Effizienz, Innovationsfähigkeit und nicht zuletzt den Kosten in Einklang gebracht werden. Sprich, sie muss wirtschaftlich tragfähig sein. Die „Costs of Freedom“ dürfen nicht ins Uferlose abdriften. Damit rückt folgerichtig die TCO (Total Cost of Ownership) in den Blickpunkt.

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Typische Fragen bei der Kosten-/Nutzenbetrachtung sind die nach dem Verhältnis von Implementierungs- und Lizenzkosten (Capex versus Opex), möglichen neuen Abhängigkeiten (etwa von einigen wenigen, hochspezialisierten IT-Experten) sowie potenziellen Skaleneffekten. Die Variabilität von Lösungen und deren Wiederverwendbarkeit für weitere Einsatzszenarien können den Entwicklungsaufwand enorm reduzieren und die Verfügbarkeit beschleunigen.

Ein Plädoyer für mehr Pragmatismus

Unabhängigkeit um jeden Preis ist keine nachhaltige Strategie. Digitale Souveränität erfordert einen klugen, reflektierten Umgang mit den potenziellen Abhängigkeiten von technologischen Lösungen, den Ansprüchen an deren Qualität und den Kosten entsprechender Maßnahmen. Es muss also die richtige Balance zwischen dem Freiheitsgrad geeigneter Lösungen, Verantwortung und Finanzierbarkeit gefunden werden.

Digitale Souveränität bedeutet nicht, sich auf eine bestimmte Technologie, Herkunft oder Lizenzform festzulegen. Es ist vielmehr die Freiheit, eigenständig zu entscheiden, zu handeln und vom Verhandlungstisch aufstehen zu können. Letztlich geht es um Handlungsflexibilität als eigentlichem Kern: Die öffentliche Hand muss Systeme so validieren, aussuchen und einsetzen, dass sie die Optionen offenhält, IT-Systeme mit vertretbarem Aufwand eigenständig wechseln und ersetzen zu können – unabhängig davon, aus welchem Land sie kommen und aus welcher Quelle sie stammen.

Der Autor
Florian Weber ist Principal Solutions Consultant bei Pegasystems.

Bildquelle: Pegasystems

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