Strategische Investition in unsicheren Zeiten Digitale Reife der Verwaltung

Ein Gastbeitrag von Arthur Mickoleit 5 min Lesedauer

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Ein Reifegrad-Modell gibt der Transformation eine strategische Richtung. Wie das konkret aussieht, erläutert Arthur Mickoleit von Gartner anhand des „Digital Government Maturity Model 3.0“.

Wo steht eine Verwaltung bei der digitalen Transformation? Das kann ein Reifegradmodell bestimmen.(Bild: ©  OfficeFocus – stock.adobe.com)
Wo steht eine Verwaltung bei der digitalen Transformation? Das kann ein Reifegradmodell bestimmen.
(Bild: © OfficeFocus – stock.adobe.com)

Deutschland erlebt 2025 einen digitalen Aufschwung: Zum ersten Mal gibt es ein eigenes Bundesministerium für Digitales – verbunden mit viel Enthusiasmus, aber auch mit hohen Erwartungen und Herausforderungen. Geopolitische Spannungen, Fragen digitaler Souveränität, eine Pensionierungswelle im öffentlichen Sektor, sinkendes Vertrauen in staatliche Institutionen und disruptive Technologien wie KI prägen das Umfeld. Gerade jetzt entscheidet digitale Reife darüber, ob Verwaltung handlungsfähig und bürgernah bleibt.

Dabei sind digitale Technologien längst kein Fortschrittsversprechen mehr – sie sind zur Voraussetzung für funktionierende Verwaltungen geworden. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben Behörden zuerst punktuelle Online-Angebote und später dann strategisch gesteuerte Digitalisierungsinitiativen entwickelt. Der Fokus verschiebt sich: weg von technikgetriebenen Projekten, hin zu einer Verwaltung, die sichtbare Wirkung für Gesellschaft und Staat schafft.

Eine aktuelle Studie von Gartner bezeichnet genau diese Reifeentwicklung als strategisch. Mit dem Digital Government Maturity Model 3.0 (DGMM 3.0) liefert Gartner das Analyseinstrument, das Behörden-Entscheiderinnen jetzt brauchen, um Wirkung zu erzeugen – jenseits von technischer Exzellenz und Tool-Benchmarks.

Digitalisierung weiter gedacht als Online-Angebote und Prozess-Effizienz

Verwaltungen müssen digitale Investitionen neu justieren. Weg von Prozesseffizienz, hin zu einem strategischen Beitrag zur Erfüllung der staatlichen Erwartungen und Kernaufgaben. Postdigitales Government ist dabei ein Schlüsselwort für Investitionen, deren Erfolg nicht an Ressourcen-Einsatz und Output-Metriken gemessen wird. Sondern vielmehr an konkreten Wirkungen – von Bürokratieentlastung über Bürgernähe und -teilhabe bis hin zu Resilienz, Handlungsfähigkeit und digitaler Souveränität.

Beispiele aus Europa zeigen, wie dieser Perspektivwechsel gelingen kann: Italien investiert mit IO, pagoPA und SPID seit Jahren in nationale Plattformen, die Bürgern den Zugang zu öffentlichen Leistungen erleichtern (Stichwort: digital public infrastructure). Frankreichs Fokus auf Verfügbarkeit von KI-Ressourcen und Daten für die Verwaltung hat bereits zahlreiche Innovationen hervorgebracht. Und die Ukraine zeigt mit der sich ständig weiter entwickelnden Diia-Plattform, wie Technologieeinsatz selbst in Kriegszeiten Verwaltungsleistungen sichern kann.

Diese strategische Denkweise rückt das Wesentliche in den Mittelpunkt: Führungsverantwortung, Bürgernähe, kluge Datennutzung – und das Ziel, mit digitalen Mitteln echte Probleme zu lösen, nicht nur Prozesse zu verwalten.

Das Digital Government Maturity Model 3.0

Das DGMM 3.0 beschreibt fünf Reifegrade digitaler Verwaltungen – jeweils charakterisiert durch den strategischen Fokus von Digitalisierung, die Führungsstruktur, die Gestaltung von Bürger-Services, die Nutzung von Daten und die Einbindung in digitale Ökosysteme:

Stufe 1: Traditionelles E-Government
„Digitalisierung“ hier dreht sich meistens um Compliance, soll heißen das oberste Ziel ist die Einhaltung von Vorschriften und Vorgaben. Behörden erweitern ihr Online-Angebot entsprechend spärlich und konzentrieren sich auf interne Prozessverbesserungen. Der Nutzen für Bürgerinnen und Bürger bleibt begrenzt, Transformationswirkung entsteht nicht. Führende Verwaltungen habe diese Phase vor 20 Jahren hinter sich gelassen.

Stufe 2: Effiziente Verwaltung
Schrittweise Verbesserungen steigern die Effizienz einzelner Prozesse und Online-Dienste. Verwaltungsdaten werden zunehmend für Analysezwecke genutzt, aber meist isoliert innerhalb der Abteilung. Nutzerperspektiven beim Design von Services werden langsam berücksichtigt – Thema Lebenslagen, ohne aber eine zentrale oder verbindliche Rolle zu spielen.

Stufe 3: Bürgerorientierte Verwaltung
Hier wandert der Fokus merklich von verwaltungsinternen Abläufen hin zu den Bedürfnissen der Bürger, Unternehmen und anderen Stakeholdern. Lebenslagen gewinnen an Bedeutung und Daten werden proaktiv eingesetzt, um neue Serviceangebote zu gestalten und gesamte Leistungen zu automatisieren. Technologie-Einsatz führt zu mehr Innovation, aber auch zu gesellschaftlichen Fragen über gewünschte und unerwünschte Auswirkungen.

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Stufe 4: Vollständig digitale Verwaltung
Daten werden strategisch genutzt für ganzheitliche, vernetzte Serviceangebote über Ressort- und Fachgrenzen hinweg. Gemeinsame Plattformen und Synergien zwischen Behörden – aber auch mit Wirtschaft und Gesellschaft (Thema GovTech) – etablieren sich. Datenschutz, digitale Ethik und Resilienz der Verwaltung sind als Zielsetzungen stark in den Vordergrund gerückt.

Stufe 5: Postdigitale Verwaltung
Digitalisierung ist voll internalisiert und im Verantwortungsbereich aller Führungsebenen, oft auch der politischen Entscheiderinnen. Initiativen und Investitionen richten sich an höherwertigen Missionszielen aus. Digitalisierung zielt auf messbare, gesellschaftliche Wirkung über Ressort- und Verwaltungsgrenzen hinweg.

Gerade in großen Behörden kann es unterschiedliche Entwicklungsstände in der digitalen Reife geben – etwa zwischen IT-nahen Querschnittsbereichen und fachlichen Organisationseinheiten mit direktem Bürgerkontakt. Umso wichtiger ist ein strukturierter Reifegrad-Check, der solche Unterschiede sichtbar macht und als Grundlage für gezielte strategische Maßnahmen dient.

Die digitale Reife als Führungsaufgabe und -herausforderung

Für CIOs markiert das DGMM 3.0 einen Paradigmenwechsel: von der Infrastruktursteuerung hin zur strategischen Ausrichtung relevanter Akteure und Investitionen. Die Rolle der Behörden-CIOs verändert sich und damit auch die Frage, ob Digitalisierung weiterhin Selbstzweck bleibt oder zur wirklichen Schwungmasse wird, z. B. durch synergistische Nutzung von Daten und Plattformen.

Postdigitales Government ist kein technokratischer Endzustand, sondern ein Zielbild mit Governance und Strategie-Anforderungen. Es verlangt Agilität im Umgang mit Unsicherheit, einen konstruktiven Umgang mit Datennutzung und -ethik und eine klare Vorstellung davon, was Wirkung bedeutet und welche Akteure dafür mobilisiert werden müssen.

Gerade in Deutschland zeigt sich 2025, wie stark diese Faktoren wirken:

  • Digitale Souveränität wird durch Abhängigkeit von Hyperscalern und Fehlen europäischer Kapazitäten infrage gestellt.
  • Demografie und Budgetdruck zwingen die Verwaltung dazu, Wissen, Kompetenz und Handlungsfähigkeit langfristig zu sichern.
  • KI-Disruption verändert Arbeitsweisen rasant – von reifen KI-Technologien über GenAI bis hin zu künftigen KI-Agenten erfahren Behörden die Auswirkungen auf Produktivität und Bürgernähe.

Fazit: Der richtige Zeitpunkt für Reifebestimmung

Die Empfehlung ist klar: CIOs in deutschen Behörden sollten das Digital Government Maturity Assessment nutzen, um die aktuelle digitale Reife zu bestimmen – und anstehende Investitionen zukunftssicher zu machen.

Das Online-Tool bietet dazu Handlungsoptionen, die ergänzt werden können mit Erkenntnissen und Empfehlungen zu:

  • Nutzung reifer KI-Technologien für bessere Bürgerdienste. Aber auch Erprobung neuerer KI-Technologien in gesichertem Umfeld, z. B. AI Sandboxes.
  • Einführung gemeinsamer Daten- und Technologie-Architekturen für Bürger, Verwaltung und Wirtschaft. Thema Datenräume und EUDI-Wallets.
  • Gestaltung souveräner Plattformen in Staat und Gesellschaft, so wie der angedachte Deutschland-Stack.

Das Reifegrad-Modell gibt der Transformation Richtung und macht sie greifbar. Das ist wichtig – denn wer den nächsten Reifeschritt seinen Stakeholdern gegenüber nicht klar beschreibt, wird ihn kaum erfolgreich umsetzen können. Und riskiert damit, die Erwartungen an eine moderne, souveräne und bürgernahe Verwaltung zu verfehlen.

Der Autor

Arthur Mickoleit ist Director Analyst und Key Initiative Leader, Digital Government, bei Gartner.

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