Maßnahmen werden zu langsam umgesetzt Die Deutschen haben Angst vor einem Cyberkrieg

Quelle: Pressemitteilung 4 min Lesedauer

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Der Digitalverband Bitkom hat deutsche Bürgerinnen und Bürger befragt, wie sie Deutschlands Fähigkeiten einschätzen, um einem Cyberkrieg gewachsen zu sein. Die Ergebnisse sind ernüchternd.

Einer Umfrage des Bitkom zufolge sollten Cyberangriffe in Deutschland genauso behandelt werden wie militärische Angriffe.(Bild:   / CC0)
Einer Umfrage des Bitkom zufolge sollten Cyberangriffe in Deutschland genauso behandelt werden wie militärische Angriffe.
(Bild: / CC0)

Anlässlich der Munich Cyber Security Conference (MCSC), die am 13. und 14. Februar stattfindet, hat der Digitalverband Bitkom 1.115 Menschen ab 16 Jahren in Deutschland zu ihren Sorgen rund um die Cybersicherheit befragt. 70 Prozent der Deutschen schätzen die Gefahr durch Cybercrime insgesamt als hoch ein und ebenso viele halten Deutschland für schlecht auf Vorfälle vorbereitet. Weitere 61 Prozent haben Angst vor einem Cyberkrieg und für 64 Prozent ist Deutschland dafür nicht gut gewappnet.

Risiko für die Cybersicherheit aus dem Ausland

Den Befragten zufolge sehen sie als Gefahren für die Cybersicherheit vor allem in den Tätigkeiten ausländischer Geheimdienste (78 Prozent) sowie der organisierten Kriminalität (67 Prozent). Auch von politischen oder religiösen Extremisten (59 Prozent) sowie einzeln handelnden Kriminellen (41 Prozent) und Einzelpersonen ohne kriminelle oder politische Absichten (32 Prozent) würden Gefahren ausgehen.

Die Deutschen sehen die größten Cyberbedrohungen aus diesen Ländern kommend:

  • Russland (98 Prozent)
  • China (84 Prozent)
  • Nordkorea (44 Prozent)
  • USA 32 Prozent)
  • Iran (29 Prozent)
  • Belarus (17 Prozent)
  • osteuropäische Staaten außerhalb der EU (14 Prozent)

„Die USA waren und sind für Deutschland und Europa ein wichtiger Partner. Die Einschätzung der Menschen zeigt aber, dass die Grenzen zwischen Freund und Feind nicht mehr so klar sind, wie noch vor zehn oder 20 Jahren“, sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. „Wichtig ist, dass wir das Ziel echter digitaler Souveränität in Deutschland und Europa mit Nachdruck und Erfolg verfolgen.“

Deutschland gilt als unvorbereitet

Nur 23 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass die öffentliche Verwaltung und Institutionen wie Polizei oder Bundeswehr sehr gut oder eher gut vorbereitet sind auf Cyberangriffe. Umgekehrt sehen 29 Prozent diese Organisationen als eher nicht gut und 41 Prozent sogar als gar nicht gut vorbereitet an.

Doch bei der Anfälligkeit Deutschlands geht es nicht mehr nur um Datendiebstahl oder Ransomware. 71 Prozent sagen, dass Kriege in Zukunft überwiegend auch mit digitalen Mitteln geführt werden. 63 Prozent denken, dass Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen für Deutschland eine größere Bedrohung darstellen als konventionelle militärische Angriffe. 66 Prozent sind demnach der Meinung, dass Cyberangriffe genauso behandelt werden sollten wie militärische Angriffe. Wintergerst kommentiert: „Wer im Cyberraum angreifbar ist, wird sich auch in der physischen Welt nicht erfolgreich verteidigen können. Landesverteidigung bedeutet heute nicht mehr nur Investitionen in Panzer und Flugabwehr, sondern den gezielten Einsatz digitaler Technologien und digitalen Know-hows.“

63 Prozent der Deutschen erwarten, dass sich private Akteure durch Cyberangriffe verstärkt in Krisen einmischen werden. Und weitere 63 Prozent befürchten, dass auch befreundete Staaten mit digitalen Mitteln Deutschland Schaden zufügen werden, um die eigene Wirtschaft zu stärken.

Angst vorm Cyberkrieg

Und diese Sorgen sind dem Bitkom zufolge weit verbreitet: . 61 Prozent der Befragten haben aktuell Angst vor einem solchen Szenario. Jüngere (59 Prozent bei den 16- bis 29-Jährigen sowie den 30- bis 49-Jährigen) sind dabei etwas weniger besorgt als die Älteren (69 Prozent bei den ab-75-Jährigen). Und Frauen haben mit 65 Prozent etwas mehr Sorge als Männer mit 58 Prozent. „Europa muss eigene Fähigkeiten für den Fall eines Cyberkriegs aufbauen“, sagt Wintergerst.

Obwohl Deutschland über die technischen Fähigkeiten für einen Cyberkrieg verfüge, gilt die Bundesrepublik im Cyberraum aktuell in der Praxis nur als bedingt fähig, Angriffe abzuwehren. 64 Prozent halten Deutschland für sehr schlecht (26 Prozent) oder eher schlecht (38 Prozent) vorbereitet, nur 24 Prozent für gut und gerade einmal vier Prozent für sehr gut. Gefragt nach nötigen Maßnahmen fordern 75 Prozent der Deutschen die Gründung eines digitalen Katastrophenschutzes, 73 Prozent Investitionen in die Cybersicherheit kritischer Infrastrukturen und 71 Prozent die Schaffung eigener Fähigkeiten für Cyberangriffe. Dahinter folgen Cyberbündnisse mit anderen Staaten wie eine „Cyber-Nato“ (68 Prozent), Investitionen in Cyber-Abwehreinheiten (64 Prozent), Notfallschulungen für die Bevölkerung (56 Prozent) sowie Wirtschaftssanktionen zur Abschreckung (43 Prozent). Nur 2 Prozent meinen, Deutschland solle sich nicht zusätzlich auf einen Cyberkrieg vorbereiten.

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Nationale Sicherheitsstrategie stockt

Trotz dieser Forderungen kommt die Umsetzung von Cybersicherheitsvorhaben, die sich die Bundesregierung in der Nationalen Sicherheitsstrategie vorgenommen hat, kaum voran. Dort sind 30 Einzelmaßnahmen angekündigt. Nach einer Bitkom-Auswertung sind allerdings gerade einmal zwei dieser 30 Maßnahmen abgeschlossen, 19 sind in der Umsetzung und neun wurden nicht einmal begonnen. Wintergerst: „Ambitionierte Strategien und Agenden nützen nichts, wenn es beim beschriebenen Papier bleibt. Die nächste Bundesregierung muss die nötigen Maßnahmen ohne weitere Verzögerung umsetzen.“

Umgesetzt wurden Prüfmöglichkeiten für systemkritische Komponenten in Kommunikationsnetzen, auch die Cyberagentur hat wie geplant ihre Arbeit aufgenommen und vergibt gezielt Forschungsaufträge. Zumindest in der Umsetzung sind Maßnahmen zur Digitalisierung und die Einführung digitaler Technologien, allerdings wurden die Mittel laut Bitkom zuletzt gekürzt. Der geplante Ausbau des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zu einer Zentralstelle der Cybersicherheit fand keine parlamentarische Mehrheit und wurde auf die nächste Legislatur verschoben. Auch die angekündigte verstärkte Zusammenarbeit mit der Wirtschaft sei nicht in Fahrt gekommen und leide an Unterfinanzierung. „Die Erhöhung der Cybersicherheit muss eine zentrale Aufgabe der Sicherheits- und Verteidigungspolitik der künftigen Bundesregierung sein. Wir brauchen nicht nur ambitionierte Ziele, wir brauchen vor allem Fortschritt in der Umsetzung“, appelliert Wintergerst.

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