Digitale Souveränität Mit Open-Source gegen den „Political Lock-In“

Von Peer Heinlein 4 min Lesedauer

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Der Crowdstrike-Vorfall hat gezeigt, wie wichtig digitale Souveränität wirklich ist. Gerade die öffentliche Verwaltung sollte sich nicht zu abhängig von proprietären Lösungen und Anbietern machen. Aber was lernen wir daraus?

Open Source ist der Schlüssel zu echter, umfassender digitaler Souveränität, meint Peer Heinlein, Linux- und Mailserver-Spezialist sowie Erfinder von OpenTalk.(©  Artur - stock.adobe.com)
Open Source ist der Schlüssel zu echter, umfassender digitaler Souveränität, meint Peer Heinlein, Linux- und Mailserver-Spezialist sowie Erfinder von OpenTalk.
(© Artur - stock.adobe.com)

Das gesamte Crowdstrike-Desaster, das ersten Schätzungen zufolge einen Gesamtschaden von rund 15 Milliarden US-Dollar verursacht hat, macht noch einmal mehr deutlich: Eine Abhängigkeit ganzer Branchen von den Produkten und Dienstleistungen eines einzelnen oder wenigen Anbietern – ein sogenannter Vendor Lock-In – ist schon im Privatsektor ein großes Problem.

Noch fataler ist es jedoch, wenn Organisationen der öffentlich-rechtlichen Hand wie Bildungseinrichtungen oder Behörden betroffen sind. In diesem Fall geht es um hohe Güter wie öffentliche Sicherheit, kritische Infrastrukturen und auch um die politische Unabhängigkeit und Handlungsfähigkeit: Ein „Political Lock-In“, also die Abhängigkeit öffentlicher Einrichtungen in Deutschland von Produkten und Dienstleistungen großer nicht-nationaler Anbieter, gefährdet die digitale Souveränität und somit auch die politische Unabhängigkeit. Nur wenn Gesellschaft und Staat von ausländischen Unternehmen – mit anderen Werten und in anderen Rechtssystemen – unabhängig sind, können politische Entscheidungen auch frei und nach eigenen Interessen getroffen werden.

Closed-Source-Anwendungen – eine gefährliche Datenschutz-„Black Box“

Damit die öffentlich-rechtliche Hand ein Problem hat, muss es gar nicht erst wie im Fall Crowdstrike zu einem großen Totalausfall kommen. Bei den Angeboten der großen internationalen – oftmals US-amerikanischen – Anbieter handelt es sich üblicherweise um Closed-Source-Lösungen. Dies bedeutet, dass der Quellcode, auf dem die Lösung aufbaut, nicht öffentlich einsehbar ist. Denn sie ist lediglich von den jeweiligen Anbietern und Entwicklern überprüfbar, die sich auf diese Weise Wettbewerbsvorteile bewahren und ihren eigenen Code und dessen Qualität auch nicht durch Dritte überprüfbar machen wollen.

Erschwerend kommt hinzu: Selbst wenn die Datenverarbeitung vor Ort beim Kunden und nicht im Heimatland des jeweiligen Anbieters stattfindet, kann sie trotzdem den Regularien und Gesetzen auf Anbieterseite unterliegen – auch wenn diese beispielsweise im Widerspruch zu den strengen deutschen oder europäischen Datenschutzgesetzen stehen. Der US-Cloud-Act ermöglicht beispielsweise US-amerikanischen staatlichen Institutionen den weltweiten Zugriff auf sämtliche durch sie verarbeitete Daten, selbst wenn diese in lokalen Rechenzentren oder sogar durch lokale Tochterunternehmen verarbeitet werden.

Was danach mit den Daten passiert und an wen sie weitergegeben werden, ist nur schwer nachzuvollziehen, da sich die Behörden im Ausland nur selten in die Karten schauen lassen – eine „Black Box“ in Sachen Datenschutz. Die Folgen sind jedoch ebenso klar wie potenziell schwerwiegend: Im privaten Sektor kann es zur Weitergabe von Geschäftsgeheimnissen deutscher Unternehmen an ausländische Wettbewerber kommen, gerade in Ländern, in denen Staat und Wirtschaft eng verwoben sind. Und im Falle von Behörden und anderen öffentlichen Institutionen macht sich Deutschland damit sowohl in alltäglichen verwaltungstechnischen Prozessen als auch hinsichtlich langfristiger geopolitischer Strategie abhängig von ausländischen Interessen.

Kontrolle ist besser: Die Vorteile von Open-Source-Software

Sowohl der Standort vieler Anbieter als auch der Closed-Source-Ansatz, den sie für ihre Lösungen nutzen, ist also per se bereits ein Problem. Es lässt sich nicht nachvollziehen, welche Daten wo, wie und zu welchem Zweck gespeichert, verarbeitet oder eventuell sogar weitergegeben werden. Gerade staatliche Institutionen müssen sich deshalb bewusst für Lösungen entscheiden, die unabhängig von den großen Playern sind und deren Quellcode einsehbar ist.

Solche Lösungen existieren in der Form von Open-Source-Anwendungen. Dabei handelt es sich um Anwendungen, deren kompletter Quellcode vom Entwickler offengelegt wurde. Damit ist dieser von unabhängigen Experten überprüfbar, sowohl auf versehentlich – oder absichtlich – eingebaute Schwachstellen und Hintertüren. Auf diese Weise kann jeder Anwender für sich selbst eine informierte, unabhängige Entscheidung darüber treffen, ob er die Anwendung als vertrauenswürdig erachtet.

Nicht zuletzt geht es, gerade in der öffentlichen Verwaltung, auch um Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit: In deutschen, DSGVO-konformen Rechenzentren betriebene und über eigene Datenleitungen bereitgestellte Open-Source-Lösungen sind auch dann verfügbar, wenn die Angebote internationaler Anbieter fehlerbedingt, aus geopolitischen Gründen oder auch aufgrund von gezielter Sabotage ausfallen.

Fallbeispiel aus der Thüringer Landes- und Kommunalverwaltung

Wie Open Source in der öffentlichen Verwaltung umgesetzt werden kann, zeigt das Thüringer Finanzministerium. Um die digitale Gremienarbeit zu verbessern, hat das Thüringer Finanzministerium es sich zum Ziel gesetzt, eine Videokonferenzlösung auf Open-Source-Basis einzuführen. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Erfüllung aller relevanten Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen sowie auf der Einbindung der Lösung in die vorhandenen Infrastrukturen und Betriebsprozesse des Landesrechenzentrums.

Dafür wurden zu Beginn der Corona-Pandemie verschiedene verfügbare Videokonferenzlösungen evaluiert. Die Wahl fiel auf OpenTalk, eine in Deutschland entwickelte und in deutschen Rechenzentren gehostete Open-Source-Plattform, deren Quellcode unter der European Public License (EUPL) öffentlich einsehbar ist und auf OpenCoDE.de veröffentlicht wurde. Außerdem wird die Lösung aktuell vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) nach der Common Criteria EAL-4 zertifiziert.

Open Source als Schlüssel zur digitalen Souveränität und gegen den Political Lock-In

Der Vorfall mit Crowdstrike verdeutlicht die Notwendigkeit, die digitale Souveränität zu stärken. Durch den Einsatz von Open-Source-Software können Unternehmen und Behörden nicht nur ihre IT-Sicherheit erhöhen, sondern auch ihre Unabhängigkeit von internationalen Softwareanbietern bewahren. Dies fördert langfristig die Stabilität und Sicherheit der digitalen Infrastrukturen und der politischen Handlungsfähigkeit. Wirtschaft und Verwaltung müssen gemeinsam an der Umsetzung dieser Strategien arbeiten, um zukünftige Vorfälle zu vermeiden und eine resiliente, souveräne IT-Landschaft zu schaffen.

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Peer Heinlein
ist Gründer und Geschäftsführer von Heinlein Support, dem E-Mail Provider mailbox.org und der datenschutzkonformen Videokonferenzlösung OpenTalk. Als Experte für sichere elektronische Kommunikation ist Heinlein Mitglied im Ausschuss für Informations- und Kommunikationstechnologie der DIHK (IKT-Ausschuss), Mitglied der Vollversammlung der IHK Berlin und Teil des erweiterten Vorstands der Open Source Business Alliance (OSBA).

Bildquelle: OpenTalk

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