Gastkommentar „Bye bye, USA?“ Europas Weg in die digitale Souveränität

Ein Gastkommentar von Rico Barth 5 min Lesedauer

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Die Weltwirtschaft ist in Aufruhr und das transatlantische Bündnis zum Zerreißen gespannt. Donald Trumps zweite Präsidentschaft hat in nur wenigen Monaten für Chaos rund um den Globus gesorgt – auch in der digitalen Welt. Können wir US-Software noch trauen?

Der Umstieg zu europäischen Cloud-Anbietern sollte besser früher als später geschehen, rät Rico Barth.(Bild:  Daniel - stock.adobe.com / KI-generiert)
Der Umstieg zu europäischen Cloud-Anbietern sollte besser früher als später geschehen, rät Rico Barth.
(Bild: Daniel - stock.adobe.com / KI-generiert)

Wenn der US-Präsident vor die Kameras tritt, sind die Augen der Welt auf ihn gerichtet. Im Fall von Donald Trump heißt das meistens: Die Welt hält den Atem an. Allzu oft hat er mit seinen Ankündigungen schon für Verwunderung gesorgt. Oft auch für Chaos.

So zum Beispiel Anfang April 2025, als er im Rosengarten des Weißen Hauses vor die versammelte Presse trat. Mitgebracht hatte er eine große Tafel, mit der er die neu verhängten Zölle gegen Länder erklärte, die, seiner Meinung nach, die USA unfair behandelten. Der „Liberation Day“ sollte es werden, die Befreiung aus der wirtschaftlichen Unterjochung. Das Ergebnis war letztendlich ein Kursrutsch an den Börsen, wie es ihn schon lange nicht gegeben hat. Teilweise war sogar von Insiderhandel die Rede.

Es ist jedoch nicht nur die erratische Wirtschaftspolitik, auch beim Thema Sicherheitspolitik ist unter Trump nichts mehr so, wie es vorher war. Am schmerzhaftesten hat das bisher wohl die Ukraine zu spüren bekommen: Als die Amerikaner vorübergehend keine Aufklärungsdaten mehr bereitstellten, sollen den russischen Truppen größere Geländegewinne gelungen sein. Das Vertrauen in US-Produkte und -Dienste ist auf ganzer Linie erschüttert, ein Emanzipationsprozess hat eingesetzt. Auch im Software-Bereich. Ein Umstieg ist zwar schwierig, aber nicht unmöglich.

Zwischen Clouds und Palantir

Insbesondere die Sorgen der ITSM-Branche bekommen wir bei KIX Service Software aus erster Hand mit. Viele Behörden und Unternehmen setzen noch auf Cloud-Lösungen von US-Herstellern. Aber gerade auch Privatpersonen nutzen Angebote von Google, Apple und Co. Warum auch nicht, das Prinzip hat sich schließlich jahrelang bewährt. Clouds sind effizient, skalierbar und die Daten darin jederzeit verfügbar. Bisher jedenfalls. Das Beispiel mit der Satellitenaufklärung in der Ukraine zeigt, wie schnell sich die Situation ändern kann. Was, wenn die Cloud-Dienste plötzlich nicht mehr zu Verfügung stehen?

Vor allem bei Einrichtungen der Kritischen Infrastruktur – in Behörden, Krankenhäusern, Sicherheitsorganen – wären die Folgen verheerend. Schon jetzt müssen wir uns immer wieder vor Augen führen, dass unsere Daten unweigerlich in den USA landen. Denn selbst bei Anbietern, die eine Datenspeicherung auf europäischen oder deutschen Servern versprechen, können US-Behörden darauf zugreifen – Cloud Act und Patriot Act machen es möglich. Das wurde schon 2020 durch den Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages bestätigt.

Wie gefährdet unsere Daten sind, zeigt die anhaltende Debatte um die Datenplattform Palantir. Offiziell dient sie der Analyse großer Datenmengen, in den Medien wird sie aber, zurecht, oft als Überwachungsprogramm beschrieben. Auf den ersten Blick scheint sie sogar ziemlich hilfreich zu sein. Ermittler können Verbrechen, Orte und Personen aus verschiedenen Datenbanken kombinieren und so mitunter Fälle lösen, die manuell vielleicht nie aufgeklärt worden wären. Bundesländer wie Bayern oder Hessen nutzen sie bereits in angepassten Versionen namens VeRA und Hessendata.

Datenschützer kritisieren, dass zu viele Bürgerinnen und Bürger mit Palantir grundlos durchleuchtet werden. Alleine Hessen setzte die Software über 2.000 Mal im vergangenen Jahr ein, über 30 Millionen Menschen stehen in den Datenbanken. Nicht nur Straftäter, sondern auch Menschen, die in irgendeiner Form aktenkundig geworden sind. Etwa durch ein Verkehrsdelikt, oder weil sie als Zeuge ausgesagt haben.

Falsche Rückschlüsse sind dabei nur eine Gefahr, denn: Vielleicht wird die Software den namensgebenden, magischen Steinen aus dem Herrn der Ringe gerecht, mit denen man Ereignisse auch über große Entfernungen beobachten kann. Erscheinen die Daten irgendwo in den USA? Berichte über abgelehnte Einreisen wegen angeblich US-feindlicher Nachrichten auf dem Smartphone hat es schon gegeben.

Die digitale Souveränität muss bei uns entstehen

Es bringt uns nicht weiter, uns über die aktuelle Situation und die selbstverschuldete Abhängigkeit den Kopf zu zerbrechen. Die Weichen wurden mitunter schon vor Jahrzehnten gestellt. Viel eher sollten wir den Blick nach vorne richten und uns fragen: Wie können wir uns emanzipieren? Wie können wir die Quellcodes kontrollieren? Und was können wir tun, wenn so ein Dienst nicht mehr zur Verfügung steht?

Ein wichtiges Puzzleteil zur Lösung all dieser Fragen ist tatsächlich die Einführung von Open Source-Software – am besten Made in Europe. Offene Lösungen sind nicht nur transparent und auditierbar, sondern sorgen auch für mehr Sicherheit. Das Risiko, dass Unbefugte darauf zugreifen können, wird deutlich reduziert. Und mehr noch: Wer auf Open Source setzt, bekommt nicht nur die Kontrolle über die eigenen Prozesse und Daten zurück, sondern spart sich Stress mit möglichen Änderungen des Geschäftsmodells oder sogar der Einstellung des Dienstes.

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Der Umstieg zu europäischen Cloud-Anbietern sollte besser früher als später geschehen. Manche Landesregierungen und öffentliche Einrichtungen haben damit bereits begonnen, teils strukturell, teils in Versuchsphasen. Auch ein hybrider Weg ist möglich: Lokale Datenspeicherung in Kombination mit einer europäischen Cloud. Solche redundanten Ansätze sorgen für Ausfallsicherheit und ermöglichen auch dann Handlungsoptionen, wenn sich die wirtschaftliche oder politische Lage weiter zuspitzt.

Natürlich ist so ein Umstieg mit personellem, zeitlichem und finanziellem Aufwand verbunden. Die Lage zu ignorieren, macht aber alles nur noch komplizierter. Deshalb war Dänemarks Digitalministerin Caroline Stage Olsen mutig. In ihrem Ministerium heißt es in Zukunft: Linux statt Windows, LibreOffice statt Office 365. Zuvor hatten schon die Städte Kopenhagen und Aarhus angekündigt, auf Microsoft-Produkte verzichten zu wollen. Ein willkommener Schritt, und hoffentlich ein viel nachgeahmtes Vorbild für ganz Europa.

Souveränität lässt sich nicht importieren

Auch außerhalb der EU bringen Länder ihre eigenen Lösungen voran. Staaten wie China oder Indien etwa verfolgen schon seit Jahren eine Politik der digitalen Autarkie und investieren massiv in die Entwicklung heimischer Prozessoren, Betriebssysteme und Plattformdienste. Europa hingegen steckt oft in Abstimmungsprozessen und juristischen Prüfverfahren fest. Ein erneuertes digitales Europa soll dabei aber nicht bedeuten, dass wir auf Zusammenarbeit verzichten. Es heißt vielmehr, dass wir auf Augenhöhe miteinander kooperieren und dem Rest der Welt als gleichberechtigte Partner die Hand reichen.

Dabei sollten die europäischen Werte kein Hindernis sein, sondern eine Chance. Gerade in Zeiten zunehmender technischer Überwachung, algorithmischer Intransparenz und kommerzieller Monopolisierung kann Europa ein Gegenmodell bieten – eines, das Datenschutz, Nachvollziehbarkeit und Nutzerorientierung in den Mittelpunkt stellt. Doch dieses Modell muss aktiv gestaltet werden. Wer nur reagiert, verliert. Es braucht einen klaren politischen Auftrag, flankiert von einer innovationsfreundlichen Regulierung und strategischen Förderprogrammen, bei denen der Staat gezielt als Nachfrager solcher Lösungen auftritt.

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Europa den Mut zur Neujustierung aufbringt. Die Weichenstellungen erfolgen heute. Und sie reichen weit über die IT-Welt hinaus. Denn in einer zunehmend vernetzten Gesellschaft entscheidet digitale Unabhängigkeit letztlich über wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, politische Handlungsfähigkeit und gesellschaftliche Selbstbestimmung. Wenn uns das gelingt, werden wir auf diesen Punkt vielleicht als positives Ergebnis von Trumps Präsidentschaft zurückblicken. Die Zeit zu Handeln ist gekommen. Und was wir uns dabei immer vor Augen führen sollten: Die digitale Souveränität lässt sich nicht importieren, sie muss hier entstehen.

Rico Barth
ist Geschäftsführer von KIX Service Software und Vorstandsmitglied der Open Source Business Alliance.

Bildquelle: Open Source Business Alliance

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