Business Intelligence

BI in der modernen Datenanalyse

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Mythos 4: Wir benötigen keinen Single Point of Truth mehr

Ein echter Benefit der klassischen BI ist der Single Point of Truth (SPOT) – ein zentraler Anlaufpunkt im Unternehmen, wo Anwender unabhängig von den ­Quellen sämtliche Daten sauber integriert, immer aktuell und in Top-Qualität vorfinden. Auf diese Weise ermöglicht der SPOT unternehmensweit einheitliche Analyseergebnisse. Aber auch dieses Gut wird inzwischen massiv in Frage gestellt, wobei die Gründe ähnlich gelagert sind wie bei der Daten­modellierung: Es ist schlichtweg eine schweißtreibende Arbeit, den SPOT auf dem aktuellen Stand zu halten. Ob nun Quellsysteme umgestellt oder im Zuge von Unternehmensakquisitionen neue Datenquellen integriert werden ­müssen: Der SPOT verlangt kontinuierliche Pflege. Infolgedessen erscheint ein solches Konzept ­vielen Beteiligten als nicht mehr zeitgemäß.

Interessanterweise zeigt die Praxis, dass der Ruf nach der einen Unternehmenswahrheit immer dann wieder lauter wird, wenn die Verantwortlichen diesen Aspekt über einen längeren Zeitraum vernachlässigt haben. Spätestens, wenn widersprüchliche Aussagen zu wichtigen Unternehmensfragen auftreten oder Daten nicht das ­gesamte Unternehmen wider­spiegeln, wird die Notwendigkeit erkannt.

So ist aktuell zu beobachten, dass der Single Point of Truth in modernen analytischen Plattformen noch immer seinen festen Platz neben explorativen Data Lakes oder der Echtzeitverarbeitung von Datenströmen findet. Und es ist auch keine Alternative hierzu in Sicht.

Mythos 5: BI ist grundsätzlich alt, langsam und teuer

Es gibt diverse Gründe, aus denen BI als alt, langsam und teuer wahrgenommen wird. Der wichtigste ist sicherlich der direkte Vergleich zur neuen, agilen Analytics-Welt, die Fachabteilungen über Cloud-Dienste und Self-Service-Werkzeuge schnelle Antworten auf akute Business-Fragen ermöglicht. Selbstverständlich kann da eine auf Qualität, Stabilität und Wiederverwendbarkeit ausgelegte „Corporate BI“ nicht mithalten. Aber sollte das überhaupt die Zielsetzung sein? Wir haben bereits festgestellt, dass zuverlässige Kernsysteme für die modernen Ansätze der Datennutzung und letztlich den langfristigen Erhalt einer analytischen Plattform unverzichtbar sind. Insofern ist der Vergleich nicht treffend. Es geht nicht um ein Entweder-oder. Beide Welten haben ihre Berechtigung, und das in ihrer jeweils eigenen Geschwindigkeit. Sie müssen allerdings ­effektiv miteinander verzahnt ­werden, etwa im Kontext einer ­bimodalen BI.

Gleichzeitig ist es nicht von der Hand zu weisen, dass es in vielen Unternehmen veraltete BI-Systeme gibt. Oftmals ist den Beteiligten dies durchaus bewusst. Allerdings mangelt es an Ressourcen, Ideen und letztlich auch an Mut, entsprechende Modernisierungen voranzutreiben. Dabei bieten sich vielfältige Ansatzpunkte etwa bei der Architektur, der verwendeten Technologien oder zugrunde liegenden Prozesse und Vorgehensweisen. Das Resultat ist ein mehr oder weniger umfangreicher Anforderungsstau. Kein Wunder also, dass beim Endanwender der Eindruck entsteht, BI sei prinzipiell langsam.

Fazit

Aktuelle Projekterfahrungen aus diversen Unternehmen und Branchen zeigen, dass BI dort weiterhin durchgängig vertreten ist – und das längst nicht nur in „offensichtlichen“ Bereichen, wie zum Beispiel dem Finanzcontrolling. Sie ist ebenso ein wichtiges Instrument, etwa, um einen 360-Grad-Blick auf den Kunden zu erhalten oder die Leistungen des Vertriebs detailliert zu analysieren. Und letztlich greifen alle neuen Trends und Hype-Themen auf die qualitätsgesicherten Daten der BI zurück. So erlangen die Akteure mit explorativen Analysen zwar die größere Aufmerksamkeit im Unternehmen. Dennoch ist die BI auch beim Aufbau von modernen analytischen Plattformen – etwa im Kontext umfassender Digitalisierungsinitiativen – nicht wegzudenken. Allerdings werden die entsprechenden Komponenten von den Nutzern mitunter gar nicht als BI wahrgenommen. Womöglich einer der Gründe für den vermeintlichen Abgesang.

Zudem sind gewisse Probleme auf Seiten der BI-Organisationen nicht abzustreiten. Tatsächlich verfügen viele Unternehmen über veraltete Systeme und Vorgehensweisen, wobei oftmals Ratlosigkeit hinsichtlich einer Modernisierung herrscht. Daher ist in tradierten BI-Umgebungen die Unzufriedenheit am größten – und das durchaus berechtigt. Hinzu kommen die Erwartungen der Anwender.

Der Autor: Thomas Strehlow
Der Autor: Thomas Strehlow
(© www.photalo.de)

Wer beispielsweise ein User-Erlebnis wie bei Amazon voraussetzt, der wird von BI immer enttäuscht sein. BI erfordert Compliance – und die kostet Zeit. Wenn dann auch noch zukunftsgerichtete Digitalisierungsprojekte agil und prototypisch vollkommen neue Möglichkeiten aufzeigen, ist es kaum zu vermeiden, dass BI als „alt“ – oder gar „tot“ – wahrgenommen wird. BI ist sicherlich nicht mehr der einzige Mittelpunkt der unternehmensweiten Datenanalyse, wie es in früheren Zeiten der Fall war. Vielmehr gehen die entsprechenden Verfahrensweisen und Technologien zunehmend in modernen Konzepten auf, wobei sie einen wichtigen Beitrag zu klassischen wie auch zukunftsweisenden Analysethemen leisten können.

Voraussetzung hierfür ist, dass die Bedeutung der BI erkannt und die erforderlichen Investitionen getätigt werden. Insofern mag der Begriff als solcher aus dem aktuellen Diskurs verdrängt worden sein. Die zugrundeliegenden Architekturen, Technologien und Prozesse sind es definitiv nicht.

*Der Autor: Thomas Strehlow ist Gründer und Gesellschafter der Oraylis GmbH.

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